Danziger: Amore-Mio-Aktion ein Fiasko?

Der Beet- und Balkonpflanzenzüchter Danziger scheitert mit groß angelegter Einführungskampagne für die gentechnisch veränderte Sorte 'Amore Mio'.

Danziger: Amore-Mio-Aktion ein Fiasko? Bild: GABOT.

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Serie zu den Gentechnik-Playern: Teil 1 - Danziger

Es hätte alles so schön sein können zu den Flower Trials 2017, dem alljährlichen Sortenschautreff der Beet- und Balkonpflanzenzüchter. Danziger präsentiert dort seine "neue Strategie: Out-of-the-Box-Marketing". Der Züchter aus Mishmar Hashiva (Israel) produziert Verbrauchermarken quasi "am laufenden Band", so auch die Petunia Serie Amore, die bereits mit der Sorte 'Queen of hearts' in 2016 im Mittelpunkt des Danziger-Auftritts bei den Flower Trials stand. Ziel all dieser Bemühungen: Vertrauensaufbau für die Top-of-the-Line Züchtungen der Dan Flower Farm. Dies dürfte für den Anbieter aus Israel nun gründlich schief gegangen sein. Seit letzter Woche wurde in den USA bekannt, dass auch die Petunia-Sorte 'Amore Mio' von Danziger gentechnisch verändert wurde und ohne entsprechende Zulassung in den USA, aber auch in Deutschland vermarktet wurde. Eine proaktive Informationspolitik des in Israel ansässigen Züchters Danziger kann offenbar nicht erwartet werden. Die Sorte 'Amore Mio' wurde aber vorsorglich von der Kampagnenseite entfernt.

Transgene Petuniensorten von Danziger

Neben Amore Mio sind aus dem Sortiment des israelischen Züchters weitere Sorten positiv auf gentechnische Veränderungen getestet worden, welche auf den Flower Trials ebenfalls im Mittelpunkt gestanden hätten:

Aus der Littletunia-Serie: 'Red Fire'
Aus der Capella-Serie: 'Capella Red'

Die Sorten Cascadias Red Lips, Cascadias Simply Red und die orangefarbene Petuna Salmon Ray stammen ebenfalls aus dem israelischen Züchtungshaus. Salmon Ray wurde auch an Kooperationspartner weitervermarktet, die diese dann unter anderen Produktnamen in den Handel brachten, Beispiele: 'Viva Orange' durch Florensis b.v. und 'Pegasus Orange Morn' durch Volmary GmbH. Volmary informierte die Öffentlichkeit als eines der ersten betroffenen Unternehmen und bot den Behörden die sofortige Kooperation an.

Behördenversagen in NRW

In Nordrhein-Westfalen hat das zuständige Ministerium für Klimaschutz, Umwelt, Landwirtschaft, Natur- und Verbraucherschutz (MKULNV) die Verantwortung in einem Schreiben vom 02. Juni an die Wirtschaftsbeteiligten beim Handel von Zierpflanzen an die jeweilige Gentechnik-Überwachung der fünf Bezirksregierungen delegiert. Im Fall der Sorte 'Amore Mio' scheint es die Gentechnik-Überwachung nicht sonderlich ernst mit der Überwachung zu nehmen. Die Sorte ist nach wie vor frei (zumindest im Online-)Handel erhältlich, wie Testkäufe der GABOT-Redaktion bei Amazon und nordrhein-westfälischen Unternehmen ergaben. Hier kommen augenscheinlich gleich mehrere zu kritisierende Punkte zusammen: untätige, zu langsame oder gar überforderte Behörden, Züchter und Jungpflanzenlieferanten, die nicht korrekt informieren und Gärtner oder Händler, die sich über die aktuelle Situation bei transgenen Petuniensorten (GVO) und die geltende Gesetzgebung nicht ausreichend informieren.

Zierpflanzen-Neuheiten: Kein Geschäft für Sozialromantiker

Ori Danziger, stellvertretender CEO spricht vollmundig von "innovativem Marketing, exzellentem Service, agilen Geschäftsmethoden und neuesten Produktionstechniken bis hin zu überzeugendem Marketing". Es sollte inzwischen jedem in der Branche klar sein, dass es hier einzig um das Geschäft geht und die Arbeit eines Züchters, der sich am Markt behaupten will, nicht mehr allein mit Bestäubung per Pinsel und Züchtung durch Auslese getan ist. Rund um die Flower Trials in den Niederlanden vom 13. bis 16. Juni verspricht Danziger aber schon mal "eine Reihe revolutionärer Marketingaktivitäten". Wenn es nach dem Willen Danzigers geht, soll Amore sogar die Spielregeln im Topfpflanzenmarketing verändern. Ein Teaser-Spot zur Eröffnung der Amore-Kampagne wurde in Leiden (Niederlande) direkt vor Ort beim Konsumenten gedreht und soll die Botschaft "Bist du bereit, deine Liebe zu teilen?" transportieren, holländische "Fietser" inklusive. Mit dem Kurzfilm sollen neue Vermarktungschancen für Topfpflanzen eröffnet werden, in dem diese auch als attraktives Geschenk positioniert werden. Umrahmt wird der Teaser von einer eigens produzierten Landing-Page für den Kunden und dem entsprechenden Promotionmaterial für den Point-of-Sale, welches ebenfalls zu den Flower Trials präsentiert wird. Das Amore-Thema wird durch ein entsprechend verziertes Display mit Anklängen an Paris, Chanson-Musik, Maronen ("ganz tumblr: Macrons") und bunte Blumentöpfe verlängert. Flankiert wurden diesen Maßnahmen durch zahlreiche Beiträge von internationalen Gartenbloggern.

In einer weiteren Marketingkampagne mit dem Titel "Share your love in the cities" will Danziger die Endverbraucherbasis für seine AMORE-Serie erweitern, indem sie auf öffentliche Käufer wie Parks und Gemeinden zielt. Für diese neue Kampagne hat sich Danziger mit dem Partner Florensis zusammengetan, um die AMORE-Serie in einer Vielzahl von romantischen Orten in Stadtparks zu pflanzen. Die erste Veranstaltung fand am 10. Mai im Vondell Park Amsterdam statt, es bleibt zu hoffen, dass es sich bei der Auspflanzung um eine nicht gentechnisch veränderte Sorte gehandelt hat.

Für den produzierenden Gärtner, der ohnehin immer mehr zum "Vertragsanbauer" der Sortenschutz- und Patentinhaber "verkommt", ist es sicherlich kaum nachvollziehbar und überprüfbar, welche Sorte er wirklich geliefert bekommt. Kaum ein Produzent ist mit den technischen Mitteln ausgestattet, um zu überprüfen, ob es sich bei dem angelieferten Sortenmaterial um gentechnisch veränderte Organismen handelt, oder nicht. Da er eine Lizenzvereinbarung mit der Auftragsvergabe an einen Jungpflanzenlieferanten unterzeichnet, braucht er dies eigentlich auch nicht. Damit ist der Züchter eindeutig in der Pflicht, das vereinbarte Pflanzenmaterial mit den zugesprochenen Eigenschaften auch zu liefern.

Um Monopolbildung zu verhindern und die biologische Vielfalt zu erhalten, setzte der Gesetzgeber das Züchterprivileg durch. Dieses erlaubt Züchtern die Entwicklung neuer Sorten unter Verwendung bereits bekannter Sorten ohne Zustimmung des Sortenschutzinhabers und ohne Lizenzgebühren zu zahlen. Laut Ansicht eines Fachverbandes bestehe die Möglichkeit, dass die Züchter auf diesem Weg Sorten als Grundlage verwendet haben, die gentechnisch verändert wurden, wovon sie aber nichts gewusst haben sollen. Eine solche Erklärung des Phänomens "Gen-Petunie" klingt allerdings sehr zweifelhaft unter Hinzuziehung offensichtlicher Fakten. Die international tätigen Züchter sind alle so professionell aufgestellt, dass diese sehr wohl erkennen können, welche Pflanzen zur Auslieferung gelangen. Letztlich haben Züchtungsunternehmen sogar die Verpflichtung ständig ihre Zuchtlinien zu überwachen. Eine gentechnisch modifizierte Petunie gelangt nicht "einfach so" ins Sortiment. Es mag sein, dass es Züchtungsunternehmen gibt, die ihre bestehende Sortimentspalette, durch zugekaufte Züchtungen ergänzen, um den "time-to-market"-Prozess insgesamt zu beschleunigen. Wie sieht das aber im konkreten Fall Danziger aus?

Danziger und die EU

Auf der Website des Unternehmens kann man die Bedeutung des Unternehmens (zumindest für den Petunienmarkt) schnell erahnen: "Die Betriebsstätten des Unternehmens wurden von den Pflanzenschutzbehörden genehmigt, um den europäischen Ländern im Rahmen einer gegenseitigen Vereinbarung, die die niederländischen Behörden mit den israelischen Behörden haben, Abschnitte und Pflanzen der Familie Solanaceae (Petunia, Calibrachoa und x-Petchoa) zu liefern.

Danziger ist spezialisiert auf die Aufrechterhaltung der privaten Bestände der Solanaceae-Familie für europäische Kunden, die in der Regel ihre Bestände für alle anderen Kulturen in Afrika kultivieren, da die Behörden in Europa die Einfuhr von Stecklingen der Solanaceae-Familie von Afrika nach Europa nicht erlauben."

Danziger und Biotechnologie

Danziger beschäftigt sich mit konventionellen und hochentwickelten Technologien - wie z.B. Gentechnik in Zuchtsorten. Das Unternehmen realisiert auch gemeinsam mit der Agrar-Fakultät an der Hebräischen Universität und dem Volcani-Institut Co-Forschungsprojekte und beschreibt dies offen im Rahmen seiner Unternehmenspräsentation.

Die gesamte Branche habe ein klares wirtschaftliches Interesse an einem wirksamen Schutz der Rechte des geistigen Eigentums und deren Durchsetzung. Der gesamte Handel werde profitieren, wenn neue verbesserte, fortschrittliche und innovative Sorten, die den veränderten Bedürfnissen des Kunden (Form, Farbe, Duft, Geschmack und Haltbarkeit) oder den Bedürfnissen der Erzeuger (Anfälligkeit für Schädlinge und Toleranz gegenüber verschiedenen Witterungen) entsprechen, auf den Markt gebracht würden. Aber offenbart ein solches Statement eines Züchters nicht auch, welche Verantwortung er eigentlich den anderen Marktteilnehmern gegenüber übernehmen sollte? Oder ist es etwa ein Kavaliersdelikt, wenn transgene Pflanzen "unbemerkt das Labor verlassen"?

Mit MemoGene und PreciseBreeding schaltete Danziger den Turbo ein

2008 gründete Danziger das Tochterunternehmen "Danziger Innovations Ltd." aus (Spin-Off). Das klare Motto des Unternehmens lautete: "Plant Gene Modification without Traditional Genetic Engineering". Das Unternehmen hält entscheidende Patente, um als Dienstleister den B2B-Sektor Zierpflanzen, aber auch Gemüse, Agrar- und Forstprodukte und andere mit entsprechendem Ausgangsmaterial für die weitere Züchtungsarbeit zu versorgen. Nach Unternehmensangaben ist Danziger's MemoGene eine patentierte Technologie für präzise und ortsspezifische pflanzengenomische Veränderungen, die bei allen Pflanzen angewendet werden kann und ohne traditionelle, in der Regel unvorhersehbare, teure und zeitaufwändige Züchtungsarbeit (Kreuzung, Mutagenese) auskommt. MemoGene liefert Endonukleasen an spezifische Kompartimente in der Pflanzenzelle über einzigartig gestaltete proprietäre Virusvektoren. Mit Hilfe einer DNA-Editing-Plattform des Kooperationspartners Precision Biosciences in North Carolina werden dann mehrere Puzzleteile zusammengeführt. Dabei soll mit "biologischen Scheren" das spezielle Genom genau an der richtigen Stelle geschnitten werden (vergleichbar CRISP), damit MemoGene dann das gewünschte Merkmal liefern kann.

MemoGene kommt in einer Vielzahl von mono- und dicotylen Pflanzen und Kulturen, einschließlich Paprika, Gurken, Kartoffeln, Tomaten, sowie Weizen, Mais, Baumwolle und Raps zum Einsatz. Die Technologie wurde in Zusammenarbeit mit einem Team unter Prof. Alexander Vanstein und Dr. Armir Zucker (laut Unternehmensangaben ein ausgewiesener Experte im Zusammenhang mit der Entwicklung transgener Pflanzen) am Robert H. Smith Institut für Pflanzenwissenschaften und Genetik in der Landwirtschaft der Hebräischen Universität Jerusalem entwickelt und unterliegt einer Handelsvereinbarung zwischen Danziger und Yissum, dem Technologietransferunternehmen der Hebräischen Universität. Die Tätigkeit der beratenden Wissenschaftler verfolgt dabei offensichtlich auch klar wirtschaftliche Interessen.

Möglich machte dies vor allem die Tatsache, dass Biotech-Unternehmen in Israel weitgehend unbehelligt von Politik und Öffentlichkeit an verbesserten Organismen forschen können. Israel ist im Bereich Gentechnik weniger streng reguliert als die Märkte Europa und die USA.

Die führenden Köpfe innerhalb von Danziger Innovations Ltd. sind neben Micha Danziger vor allem Gavriel Danziger (er ist in der Regel als Züchter bei Patenten oder Sortenschutzrechten des Unternehmens eingetragen), Dr. Hanne Volpin (vorherige Stationen Hazera, Volcani Institute, Keygene Ltd.) und Dr. Ira Marton.

Um die Sache rund zu machen, bietet Danziger Innovations Ltd. auf seiner Website auch gleich konkret die folgenden Dienstleistungen an:

"- Genvalidierung - Transiente Unterdrückung, transiente Expression von viralen Genen in verschiedenen Kulturen,

- Genvalidierung - Stabile Transformation einschließlich Erzeugung von transgenen F1-Samen in den folgenden Kulturen: Tabak, Tomate, Petunie, Arabidopsis und mehr ..."

Ein ahnungsloser Züchter hätte dies vermutlich anders formuliert.

Sind Bidens der nächste Fall transgener Beet- und Balkonpflanzen?

Bidens ist eine weitere Beetpflanze, die Danziger durch einen phantasievollen Marketing- und Branding-Ansatz neu beleben will. Im Laufe der Zeit habe der Bidens-Markt eine Wahrnehmung als traditionell, fast langweilig und dominiert von gelben Farben und geringen Innovation erfahren. Danziger sieht sich nach umfangreicher Zucht- und Kulturentwicklung veranlasst, eine umfangreiche Bidens-Kollektion, beginnend mit noch nie gesehenen Farben wie hellem Rosa, zu präsentieren. Das gesamte Sortiment wird durch eine Marketingkampagne namens "TIMELESS" gefördert.

Dieser Artikel ist der erste Teil einer Reihe, in der GABOT die Player in der Gentechnik-Szene des Zierpflanzenbaus vorstellen wird.

Screenshots aus Onlineshops

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Kommentare (4)


Ch. Happach-Kasan 08. Jun. | 13:33

Man mus sich doch fragen, ob es wirklich Aufgabe der Behörden ist, bundesweit möglichen gv-Petunien nachzuspüren, obwohl von ihnen keine Gefahr ausgeht. Zweck des Gentechnikgesetzes ist die Gefahrenabwehr.

 
Markus 08. Jun. | 10:03

Muss der Züchter jetzt eigentlich irgendwelche Konsequenzen (Strafen?) fürchten? Würde mich mal interessieren. Vielen Dank für die Umfangreiche Berichterstattung!

 
Franz Dinter 07. Jun. | 21:55

Olerum, das ist doch der Gartencenterverband? Peinlich peinlich!

 
Peter 07. Jun. | 21:54

Das die Pflanzen immer noch im Handel zu finden sind kann ich nicht verstehen. Okay, das BVL hängt hinterher, die Amore Mio war bisher nicht auf der Liste (außer bei gabot.de - danke für die tolle Recherche!) Aber allen Gärtnern und dem Einzelhandel sollte durch die Berichterstattung in verschiedensten Medien das Thema Genveränderte Petunien bekannt sein. Wer also gabot.de liest, der weis halt mehr und der weis eher, um welche Sorten es sich dreht. Meiner Meinung nach hat jeder Gärtner und jeder Händler die Pflicht, sich ausreichend zu informieren und genau das passiert scheinbar immer noch nicht. Oder warum sind die Dinger immer noch zu kaufen?

 

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