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Unwetter verursachen Millionenschäden in den Niederlanden
(Achtung: Artikel-Update am 29.06.2016, 16.44 Uhr) Am Donnerstag vergangener Woche (23.06.2016) ereignete sich am Abend und in der Nacht in den Niederlanden das heftigste Unwetter seit langer Zeit. Eine riesige Gewitterzelle, eine sogenannten „Superzelle“, zog in Kombination mit starkem Sturm und extremen Hagelschauern über das ganze Land. Die „Hagelkörner“ erreichten die Größe von Tennisbällen, es war sogar die Rede von „Hagelsteinen“ oder sogar „Eisbällen“.
Über 100 Mio. Euro Schaden im Gartenbau in Nord-Brabant
In der Provinz Noord-Brabant (östlich von Eindhoven und westlich von Venlo) erreichten die Hagelkörner bis zu 10 cm Durchmesser und richteten verheerende Schäden an allen Arten von Gebäuden, Kraftfahrzeugen und in Landwirtschaft und Gartenbau an. Die Hagelschäden betreffen den kompletten Agrarsektor: Ackerbau, Baumschulen, Unterglasgartenbau und Viehwirtschaft. Die Spur der Zerstörung läuft quer durch ganz Brabant von Postel über Bergeijk, Valkenswaard und Someren nach Venray und Venlo in der Provinz Limburg.
Der in der Region um Asten-Someren und Deurne stark vertretene Unterglasgartenbau wurde in beträchtlichem Ausmaß getroffen. In dieser Region seien die Schäden besonders hoch, Gewächshäuser seien größtenteils verwüstet und die Kulturen nicht mehr verkaufsfähig, teilte der niederländische Landwirtschaftsverband ZLTO mit.
Nach ersten Angaben ging man davon aus, daß rund 100 bis 150 Hektar (ha) Gewächshausfläche durch den Hagel zum Teil erheblich zerstört sind. Das gesamte Schadenausmaß könne einen Wert von 100 Mio. Euro deutlich überschreiten. Die Schadenshöhe ist stark abhängig davon, wie schnell die Aufräumarbeiten vonstatten gehen und wie schnell die Gewächshausbedachungen wieder hergestellt werden können.
Die Aufräumungs- und Reparaturarbeiten in den Betrieben haben begonnen und die Schadenfeststellungen sind in vollem Gang. Inzwischen geht man davon aus, dass insgesamt 161 ha Gewächshausfläche komplett zerstört und bei weiteren 50 ha geguckt wird, was noch zu retten ist. Betroffen sind sowohl Betriebe mit Gemüsekulturen wie Tomaten und Paprika, als auch Betriebe mit Zierpflanzen und Schnittblumen.
Die windzugewandten Seiten der Gewächshäuser sind durch den Hagelschlag oft nahezu ausgeglast worden. Sogar Einscheibensicherheitsglas (ESG) ging in großen Mengen zu Bruch. Einige Unterglasbetriebe, vor allem im Gemüsebereich, müssen ihre kompletten Kulturen abschreiben. Eine Betriebe sind Totalschäden, da die tragenden Konstruktionen stark beschädigt wurden.
Große Schäden auch in Baumschulen, Landwirtschaft und Obstbau
Außerdem gebe es größere Schäden in Obstbaubetrieben, in denen der Hagel die Früchte von den Bäumen geschlagen habe. Im Obstbau gebe es einen Betrieb mit einem Schaden in Höhe von 3 bis 4 Mio. Euro.
Auch aus den Baumschulen, die insbesondere im Raum Venray in der Provinz Limburg angesiedelt sind, und dem Ackerbau gingen viele Schadensmeldungen über Schäden an den Kulturen ein. Insgesamt sollen mehrere tausend Hektar betroffen sein, meldet der niederländische Bauernverband. Speziell in Limburg werden die Wasserschäden auf 50 bis 100 Mio. Euro geschätzt. Die Schadenshöhe im Baumschulbereich ist zur Zeit unübersichtlich, keiner weis, wie die Baumschulkulturen die Überschwemmungen überstehen.
Über 500 Mio. Euro Schaden in Landwirtschaft und Gartenbau
Bis Freitag abend belief sich der bei den verschiedenen Versicherungen gemeldete Schaden in Limburg und Noord-Brabant bereits auf rund 130 Mio. Euro. Der ZLTO schätzte anfangs den Schaden in der Provinz Noord-Brabant auf mindestens 100 Mio. Euro und den weiteren durch Starkregen verursachten Schaden (ohne die Hagelschäden) auf weitere 20 bis 30 Mio. Euro.
Bei der Versicherungsgesellschaft Interpolis gingen allein bis Freitag Mittag insgesamt rund 400 Schadensmeldungen aus dem Agrarsektor ein. Es wird geschätzt, daß rund 600 Betriebe mit Hagel- und/oder Wasserschäden zu kämpfen haben.
Am Montag (27.06.2016) war bereits von einer Schadenssumme in Landwirtschaft und Gartenbau von 500 Mio. Euro die Rede – und das allein für die besonders stark betroffene Region um Asten, Heusden und Someren.
Von dort hätten sich bereits 150 landwirtschaftliche Betriebe bei der örtlichen Landbauorganisation ZLTO in Someren gemeldet, doch die Anzahl der gemeldeten Schadensfälle nehme immer noch weiter zu. Die ZLTO Someren schätzt den Gesamtschaden mittlerweile auf sicher 400 Mio. Euro direkte Schäden, davon entfallen zwei Drittel auf die Landwirtschaft und 100 Mio. Euro auf den Unterglasgartenbau, sowie weitere 100 Mio. Euro Folgeschäden, die sich auf Wasserschäden durch den anhaltenden Regen und nicht versicherte Schäden aufteilen. Man geht allerdings immer noch davon aus, das die Schadenssumme noch weiter ansteigt.
Auch die deutsche Gartenbau-Versicherung (GV) ist als Versicherer in dieser Region aktiv und somit ebenfalls von dem Schadenereignis betroffen. Derzeit lägen der Gartenbau-Versicherung aus den Niederlanden 14 Schadenmeldungen vor, die in diesen Betrieben betroffene Gewächshausfläche belaufe sich auf rund 45 ha, wobei einige Betriebe sehr stark, andere zum Glück nur gering geschädigt seien. Die erste grobe Schadenschätzung liege hier bei circa 20 Mio. Euro, teilt die Gartenbau-Versicherung in einer Pressemitteilung vom 28.06.2016 mit.
Große Einzelschäden bei Van Gog, Raijmakers, Greenco, Joosten und Peters
Besonders hart traf es den Gurken- und Erdbeerproduzenten Van Gog Kwekerijen: In den Betrieben in Asten-Heusden, aber auch in Deurne und Helmond traf der Hagel fast 30 ha Gewächshausfläche. Van Gog kann einen Großteil seiner Gewächshausfläche abschreiben. Rund 20 ha wurden komplett vernichtet, weitere 8 ha wurden schwer beschädigt. In Deurne und Asten seien die Gewächshäuser komplett zerstört. Pieter van Gog rechnet mit rund 5 Mio. Euro Schadenssumme. In diesem Jahr könne man in den 3 Betrieben keine Gurken und Erdbeeren mehr ernten.
Gebroeders Raijmakers Kwekerijen in Asten-Heusden produzieren in mehreren Betrieben auf einer Gewächshausfläche von 17,5 ha Tomaten. Ein Teil der Betriebe erlitt schwere Schäden, insgesamt 16 ha sollen hier zerstört sein.
Einen weiteren Großschaden erlitt der Tomatenproduzent Greenco, bekannt für seine Snacktomaten, die unter dem Markennamen „Tommies“ verkauft werden. Zwei Produktionsbetriebe von Greenco in Someren, Driemaster und Greenco Production Someren wurden durch den Hagel schwer getroffen. Sowohl die kompletten Kulturen, als auch 14 ha Gewächshausfläche seien verloren. Man sei gezwungen den kompletten Pflanzenbestand zu vernichten. Gemeinsam mit anderen Produzenten werde man alles dafür tun, um den Schaden für die Kunden so gering wie möglich zu halten.
Bei Joosten Growers in Someren, einem Paprikabetrieb, wurden 8 ha Gewächshausfläche zerstört. Joosten sagte gegenüber einer Regierungsabordnung, dass er denke, seinen Betrieb retten zu können, aber dass in den Versicherungsbestimmungen eine Anpassung der Definition von Hagel notwendig sei. Bei ihm seien es „Eisklumpen“ gewesen, die einen enormen Schaden angerichtet hätten. Dieses Jahr könnten keine Paprika mehr geerntet werden.
Auch Wim Peters kann einen Großteil seiner 16 ha großen Gewächshausfläche in Someren, die auf die beiden nebeneinander gelegenen Betriebe Kwekerij Wim Peters und Vivaio Peters verteilt ist, abschreiben.
Wim van den Boomen ist Wortführer der geschädigten Gärtner im Südosten Brabants. Er produziert in Someren in zwei Betrieben Kwekerij 't Vlaske und Kwekerij Lavalle auf rund 15 ha Unterglasfläche Paprika. Auch das Gewächshaus seines Paprikabetriebes Kwekerij 't Vlaske wurde schwer beschädigt.
Auch der Paprikaproduzent Kwekerij Moors in Asten-Heusden wurde stark beschädigt. Hier vernichtete der Hagel mehrere Hektar Gewächshausfläche. Es habe Tennisbälle gehagelt, die sich wie Kanonenkugeln angefühlt hätten, so Rob Moors. Man werde dieses Jahr keine Paprika mehr ernten können.
In der Anthuriumkwekerij Wijnen in Asten, ein Betrieb mit 5,2 ha Glasfäche, wurden mehrere Hektar Gewächshausfläche mit Schnittanthurien beschädigt. „Der Schaden in unserem Betrieb ist enorm!“, so Wijnen. Doch bereits am Samstag habe Totaal Service voor de Tuinbouw aus Monster mit dem Aufräumen und Entglasen begonnen. Durch diesen schnellen Service könnten weiterhin Anthurien geschnitten werden.
Auch der Topfpflanzenbetrieb Kwekerij Brugmans aus Bergeijk wurde durch Hagel verwüstet. Jan Brugmans, der vor seinem Betrieb wohnt, musste zusehen, wie die Glasscheiben in sein Gewächshaus fielen.
In Freilandgemüseanbau und in der Landwirtschaft gab es ebenfalls viele Schäden. Einer dieser Betriebe ist der Biobetrieb De Braok in Mierlo. Laut Jan van Lierop sei der Schäden sehr groß, vor allem bei Sellerie, Chinakohl, Fenchel und Lauch. Es seien ungefähr 25 bis 30 ha Ackerfläche betroffen, das sei ungefähr ein Viertel seiner gesamten Fläche.
Weitere geschädigte Betriebe sind neben vielen anderen Mans Weert und Van Gennip Aardbeien. Wilbert Mans betreibt in Weert Ackerbau, Freilandgemüseanbau, Spargelbau und Blumenzwiebelanbau auf insgesamt rund 175 ha Ackerflächen. Van Gennip Aardbeien produziert in Lierop Erdbeeren.
Die neuen Schäden in der niederländischen Agrarwirtschaft übertreffen die Millionenschäden, die die Bauern und Gärtner in den letzten Wochen erlitten, um ein Vielfaches. Landwirtschaft und Gartenbau in Brabant, aber auch in anderen Teilen der Niederlande wie in Gelderland und Limburg, waren erst vor wenigen Wochen bzw. Tagen durch Starkregen geschädigt worden. Damals lag der Schaden bei ungefähr 20 Mio. Euro.
Aufgrund der bisherigen und der neuen massiven Schäden hatte die Landbauorganisation LTO Nederland schnell das Kabinett aufgefordert, den Landwirten und Gärtnern in Südost-Brabant zu helfen. Das Problem sei, dass insbesondere in der Landwirtschaft ein großer Teil der Schäden wahrscheinlich nicht durch die Versicherungen gedeckt seien. Mittlerweile fordern ZLTO und LLTB, dass die Regierung das Unwetter zur nationalen Katastrophe ausruft. Viele Unternehmer hätten Hilfe nötig, um ihren Betrieb retten zu können.
Auch in Deutschland teils erhebliche Schäden
Auch auf deutscher Seite gab es entsprechende Schäden. Auf der deutschen Seite der Grenze hat das Unwetter im Westen von Nordrhein-Westfalen auf einer Linie von Mönchengladbach bis Rheine zu teils erheblichen Schäden geführt. Hier sind verstreut wenige aber ebenso dicke „Hagelkörner“ wie im niederländischen Nord-Brabant gefallen. Besonders stark betroffen sind die Orte Erkelenz, Mönchengladbach, Kevelaer und Hörstel.
Insgesamt lägen der Gartenbau-Versicherung bislang 126 Schadenmeldungen vor, der versicherte Gesamtschaden werde in der genannten Region auf circa 3 Mio. Euro geschätzt. Der größte Einzelschaden liege voraussichtlich bei rund 800.000 Euro, heißt es in der Pressemitteilung der Gartenbau-Versicherung.
Auch hier haben die Betriebe mit den Aufräum- und Reparaturarbeiten begonnen. Verglasungsunternehmen und Glaser sind weitgehend vor Ort. Die Schadenfeststellungen durch die Gartenbau-Versicherung sind in vollem Gang. Erste Vorauszahlungen zur Aufrechterhaltung der Liquidität der betroffenen Betriebe seien bereits am Wochenende nach dem Hagel durch die Gartenbau-Versicherung geleistet worden.
An den im Rheinland und am Niederrhein stark vertretenen Freilandkulturen sind auf Grund der wenigen aber dicken Hagelkörner nur geringe, manchmal sogar keine Schäden entstanden. Die mit diesem Unwetter erneut vom Himmel gefallenen Wassermassen setzten den ohnehin schon durch die Niederschläge der vergangenen Wochen stark strapazierten Kulturen erneut zu.
Weitere Unwetter
Bereits für Freitag und das Wochenende wurden neue Unwetter vorhergesagt. Das am Folgetag (24.06.16) über Baden-Württemberg niedergegangene Unwetter hat für die Gartenbau-Versicherung nur wenige, meist kleine Schadenfälle gebracht.
Hans Rehm, GABOT.

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