Schweiz: Spargel stechen statt Weltreise

Die Schweizer Spargelernte ist trotz Covid-19-Pandemie gut gestartet. Der Berner Bauernverband (BEBV) hat den Medien Einblick auf einem Spargelhof in Vechigen ermöglicht.

Statt die Welt zu bereisen helfen Moritz Zwahlen (links) und Tabea Ryf Betriebsleiter Michael Hodel-Baumann bei der Ernte von Vechiger Spargel. Bild: Lid/as.

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Dank Erntehelfern aus dem Inland ist die Schweizer Spargelernte trotz Covid-19-Pandemie gut gestartet. Der Berner Bauernverband (BEBV) nahm diese erfreuliche Entwicklung zum Anlass, den Medien Einblick auf einem Spargelhof in Vechigen zu ermöglichen.

Eigentlich wollten Tabea und Moritz ein Jahr lang reisend die Welt entdecken. Nachdem ihre Reise sie nach Indien geführt hatte, spannte sich die Situation aufgrund der Covid-19-Pandemie in der Schweiz und in Indien immer mehr an. Also folgten sie der Aufforderung des Eidgenössischen Amtes für auswärtige Angelegenheiten (EDA), besser noch rechtzeitig in die Schweiz zurückzukehren. Zuhause wollten die beiden aber nicht direkt in ihre Jobs als Lehrerin und Umweltingenieur zurückkehren. In den Zeitungen lasen sie, dass dringend inländische Erntehelfer für die Spargelernte gesucht würden, also bewarben sie sich auf diversen Spargelbetrieben im Kanton Bern.

Dies erzählen die beiden anlässlich eines Medienanlasses des BEBV. Betriebsleiter Michael Hodel-Baumann aus Vechigen hat dafür die Tore seines Spargelhofes geöffnet. "Als mir klar wurde, dass unsere drei polnischen Erntehelfer dieses Jahr nicht anreisen werden, stellte sich rasch die Frage, wer in diesem Jahr die Spargeln einbringen wird", erzählt er. Dazu kam, dass der Markstand auf dem Berner Märit wegfiel und gleichzeitig die Restaurants schließen mussten. Normalerweise die beiden Hauptvertriebszweige des Vechiger Spargels.

2 Franken mehr pro kg Spargel

Tabea Ryf und Moritz Zwahlen gehören zum diesjährigen fünfköpfigen Erntehelfer-Team. Das junge Paar ist ausschließlich für weißen Spargel zuständig, weil diese technisch viel schwieriger zu ernten sind als die Grünen. "Normalerweise besteht das Ernteteam aus drei bis vier polnischen Saisonarbeitern, die in der Spargelernte sehr versiert sind", sagt Betriebsleiter Hodel. In diesem Jahr habe er aufgrund der fehlenden Erfahrung bei den Erntehelfern sowohl personenmäßig wie auch stundenmäßig aufstocken müssen. Dazu komme mehr Verkaufspersonal für den Direktverkauf, was die Kosten zusätzlich in die Höhe treibe. "Wir haben unsere Kundschaft darüber informiert, dass wir den Kilopreis für Spargeln in diesem Jahr um 2 Franken erhöhen müssen", so Hodel.

Es sei schön zu sehen, dass Leute, die sonst an den Berner Marktstand kämen, extra nach Vechigen reisen, um Spargel ab Hof zu kaufen. Der Absatz sei gut. Das freut auch Hans Jörg Rüegsegger, Präsident des Berner Bauernverbandes. "Ich danke allen, die den Schweizer Produkten die Treue halten", sagt er. Er finde es schön zu sehen, dass vielen durch die Covid-19-Pandemie der Stellenwert der inländischen Produktion durch die Bauernbetriebe wieder bewusster geworden sei. Und er hoffe, dass dies auch in der Zeit nach der Krise das Kaufverhalten der Menschen prägen werde.

Keine 15 Franken pro Stunde

Dasselbe hofft Mathias Grünig, Bereichsleiter Versicherungen und Personaldienstleistungen und Regionalstellenleiter von Agrisano. Er ist erstaunt über das große Engagement in dieser schwierigen Zeit. "Wir waren überwältigt, wie viele Menschen sich gemeldet haben, um sich als Erntehelfer anzubieten", sagt er.

Normalerweise sind inländische Arbeitskräfte in diesem Bereich stark in der Minderheit. Gerade mal 10% der insgesamt etwa 2000 Hilfskräften kommen aus dem Inland. Die Jobs in diesem Sektor sind von der Arbeitsbelastung wie auch vom Lohn her, nicht gerade attraktiv. "Der Mindestlohn liegt bei 3.300 Franken pro Monat bei einer 55-Stunden-Woche. Das ergibt pro Stunde 14,40 Franken", sagt Mathias Grünig. Für viele Saisoniers sei dies trotzdem interessant, da sie aufgrund von Kost und Logis viel von diesem Geld in ihre Heimatländer mitnehmen könnten.

Eine einmalige Erfahrung

Obwohl Michael Hodel etwas mehr als den Mindestlohn zahlt: finanziell zahlt sich der Job als Erntehelfer für Tabea und Moritz kaum aus. "Aber die Erfahrung ist einfach einmalig. Wir werden dieses Erlebnis sicher nie vergessen", sagt Tabea Ryf, die als völliger Neuling in die Arbeit auf dem Spargelfeld gestartet ist. Moritz Zwahlen hatte hingegen aufgrund seiner ursprünglichen Ausbildung zum Gärtner schon eher eine Vorstellung davon, was die beiden in den nächsten Wochen erwarten könnte. Die Arbeit, der die beiden seit dem 17. April täglich ab 6 Uhr morgens nachgehen ist hart. Es brauche viel Kondition, aber auch Konzentration und gleichzeitig Schnelligkeit. "Und es braucht viel Fingerspitzengefühl bis man die Grundtechnik beherrscht, da ein Großteil dieser Arbeit unter der Erde - also blind -stattfindet", sagt Tabea. Und wenn man dann allmählich schneller werden sollte, steige wiederum das Risiko die Spargeln zu verletzen. "Wenn es dann noch so stark regnet wie gestern und besonders viele Spargeln erntereif sind, ist es schon hart. Wir sind nach der Arbeit immer ziemlich geschafft", sagt Moritz lachend. Gestern hätten sie die größte bisherige Menge geerntet: 250 Kilogramm.

Kleiner Betrieb als Vorteil

Betriebsleiter Michael Hodel und sein Vater konnten die Ernte-Neulinge selber anlernen. "Das war nur möglich, da wir einen kleinen Betrieb haben. Mit vielen Mitarbeitenden wäre das nicht gegangen", sagt er. Die beiden haben die neuen Mitarbeitenden in die Erntetechnik mit dem Stechmesser eingeweiht und ihnen auch Filme dazu gezeigt. Das hat sich anscheinend gelohnt.

"Ich bin mittlerweile sehr zufrieden wie sich alles zum Guten entwickelt hat. Das Ernteteam ist bereits gut eingespielt und der Verkauf läuft bestens". Doch zuerst habe er viele Anpassungen aufgrund der BAG-Richtlinien vornehmen müssen. So wurde der Hofladen mit Scheiben zum Schutz des Verkaufspersonals ausgestattet und Linien am Boden zeigen den 2-Meter-Abstand an. "Auf dem Feld ist es weniger schwierig, die Abstandsregeln einzuhalten. Wir arbeiten sowieso alle relativ weit auseinander", sagt er. Einzig die Anreise zum Feld müsse jetzt einzeln erfolgen. Vorher seien alle Helfer mit einem Auto dorthin gefahren. Dazu komme regelmäßiges Händewaschen und desinfizieren. Und so scheint es, dass die Spargelzeit auch in diesem besonderen Jahr zu einem relativ unbeschwerten kulinarischen Frühlings-Höhepunkt werden könnte.

Zum Betrieb

Michael Hodel-Baumann führt in Vechigen den elterlichen Betrieb mit einer Fläche von 20 Hektar. 3,5 Hektar werden mit weißem und grünem Spargel bepflanzt. Dazu kommt ein Blumenfeld zum Selberpflücken und einige Mutterkühe der Rasse Tiroler Grauvieh mit ihren Kälbern. Die Spargeln werden im hofeigenen Freiluft-Laden verkauft. In Nicht-Corona-Jahren verstärken während der Spargelsaison die drei polnischen Erntehelfer Marcin, Jan und Ewelina den Betrieb. (Ann Schärer)

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