PfE: Zierpflanzenproduktion zwischen Handwerk und Zukunft

Nick Venneker steht im Gewächshaus und blickt auf ein Meer von Geranien. Es ist Mai, Hochsaison. Auf den Tischen leuchten rote, weiße, rosafarbene, pinke und violette Blüten, während im betriebseigenen Hofladen ein stetiges Kommen und Gehen herrscht.

Wer durch die Gewächshäuser geht, sieht mehr als Pflanzen. Bild: Pelargonium for Europe/Venneker Gartenbau.

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Wer jetzt hierherkommt, sucht Pflanzen für Balkon, Terrasse und Garten – allen voran Geranien. Für Venneker ist dieser Anblick vertraut – und doch jedes Jahr aufs Neue ein Ausnahmezustand. Denn jetzt ist die arbeitsreichste Zeit des Jahres. „Hier stehen jetzt 120.000 Geranien auf einmal“, sagt er. Ein Satz, der die Dimensionen des Familienbetriebs erahnen lässt. Venneker Gartenbau in Herzebrock-Clarholz ist kein kleiner Hofladen mit ein paar Gewächshäusern. Auf mehr als 20.000 Quadratmetern Gewächshausfläche produziert der Betrieb Topfpflanzen, im Frühjahr vor allem Geranien und andere Beet- und Balkonpflanzen, später Sonnenblumen, Chrysanthemen, Alpenveilchen und Weihnachtssterne. Viele Kunden kommen seit Jahren. Manche bringen ihre Balkonkästen gleich mit und lassen sie vor Ort bepflanzen. Andere kaufen gezielt Pflanzen aus lokaler Produktion.

Seit fast 80 Jahren ein Familienbetrieb

Die Geschichte der Gärtnerei beginnt 1948. Nick Vennekers Großeltern gründeten den Betrieb in einer Zeit, in der von Spezialisierung noch keine Rede war. „Da war hier nichts – und dann haben die die Gärtnerei so langsam aufgebaut“, erzählt Venneker. Damals war eine Gärtnerei ein Allround-Betrieb. Gemüseanbau, Schnittblumen, Wochenmarkt, Friedhofsarbeiten, Baumschnitt, Samenhandel – „er hat alles gemacht, was den Gärtner ausmachte“, sagt Venneker über seinen Großvater. Gewächshäuser kaufte er gebraucht, zerlegte sie und baute sie in Clarholz wieder auf – oft mit begrenzten Mitteln. Aus diesen improvisierten Anfängen entwickelte sich über Jahrzehnte ein spezialisierter Zierpflanzenbetrieb. 1979 übernahm Nick Vennekers Vater die Gärtnerei und konzentrierte sich stärker auf Zierpflanzen. Seit 2003 arbeitet Nick Venneker im elterlichen Betrieb, 2009 übernahm er ihn gemeinsam mit seiner Frau Andrea. Nach dem Abitur absolvierte er zunächst eine gärtnerische Ausbildung, studierte Gartenbau in Osnabrück und arbeitete in den Niederlanden.

Sein Vater arbeitet bis heute im Betrieb mit. „Mein Vater ist jeden Tag hier – er hat sein Hobby jetzt im Wässern gefunden“, sagt Venneker. Wässern und Düngen sind keine Nebenaufgaben, sie bestimmen Qualität, Gleichmäßigkeit und Verkaufsfähigkeit. „Ich kann mich tausendprozentig auf meinen Vater verlassen.“ Seine Frau Andrea kümmert sich um kaufmännische Themen und den Verkauf im Hofladen im Frühjahr. Die Kinder helfen gelegentlich mit – ob eines den Betrieb später übernimmt, ist offen. „Ich werde meine Kinder in allem unterstützen – aber ich dränge sie nicht“, sagt Venneker. In der Hochsaison arbeiten rund 40 Menschen in der Gärtnerei, neben Festangestellten auch Teilzeit- und Saisonkräfte, die meisten aus der Region. Die Aufgaben wechseln: Produktion und Verkauf greifen ineinander. Wer morgens Pflanzen verpackt, kann später Kunden beraten. Wer Kästen bepflanzt, kennt im Idealfall auch die Kulturbedingungen im Gewächshaus.

Die Geranien als wichtigste Beet- und Balkonpflanze

Im Frühjahr sind Geranien für Venneker Gartenbau die mit Abstand wichtigste Kultur. Rund 70% der produzierten Beet- und Balkonpflanzen entfallen auf sie. Die Saison beginnt dabei schon lange vor dem ersten warmen Frühlingstag. Die Produktion der hängenden Geranien (Peltaten) startet bereits im September, die der stehenden Geranien (Zonalen) im Oktober mit der Bewurzelung der Stecklinge. Das Geraniensortiment umfasst rund 30 Sorten, je rund 15 hängende und stehende. Venneker wählt Sorten, die gut aussehen und sich zuverlässig kultivieren lassen. „Ich stelle mir aus dem Angebot der Züchter mein eigenes Sortiment zusammen – das muss zu unserer Produktion passen“, erklärt Venneker. Duft- und Edelgeranien spielen dabei keine Rolle, sie passen nicht in die Abläufe. Besondere Formen, etwa Edelgeranien-Säulen, kauft er von Gärtnereien aus der Region zu. Geranien sind für ihn Klassiker und Leidenschaft zugleich. Sie sind robust, blühfreudig und wetterfest – und genau darin liegt ihre Stärke. „Es gibt nicht viele Pflanzen, die über Monate hinweg so zuverlässig blühen“, sagt er. Gleichzeitig haftet ihnen noch immer ein altmodisches Image an. Zu Unrecht, wie Venneker betont: „Geranien sind vielfältiger, als viele denken – und vor allem verlässlich: Sie blühen vom Frühling bis zum ersten Frost, kommen mit wechselhaftem Wetter zurecht und performen immer sehr, sehr gut im Garten“. Diese Vielfalt zeigt sich auch bei den Farben: „Rosa, Pink – das läuft am besten“, sagt Venneker. Rund 30% der Geranien sind rot, etwa 18% weiß – der Rest entfällt auf Rosa-, Pink und Lilatöne. Im Verkauf setzt Venneker auf Beratung und Inszenierung. „Mit Beratung greifen auch junge Leute zu Geranien.“ Im Hofladen nutzt er Werbematerialien der Initiative Pelargonium for Europe, um die Geranie stärker in den Fokus zu rücken. Außerdem kombiniert er Geranien mit Kräutern, Lavendel und anderen Blühpflanzen – auch als Antwort auf ein Thema, das viele Kundinnen und Kunden beschäftigt: Bienenfreundlichkeit. Venneker spricht das offen an. Geranien seien keine klassischen Bienenpflanzen. „Wir verkaufen Zierpflanzen – nicht Bienenfutter.“ Die Lösung liegt für ihn nicht im Verzicht, sondern in der Kombination – und darin, die Stärken der Geranie sichtbar zu machen.

Viel läuft automatisch – die Entscheidungen trifft der Mensch

Wer durch die Gewächshäuser geht, sieht mehr als Pflanzen. Auf mehr als drei Vierteln der Gewächshausfläche stehen mobile Tische, die sich verschieben, absenken und transportieren lassen. Förderbänder bewegen die Ware durch den Betrieb. „Der Automat setzt die Pflanzen auf die Tische – aber das Verpacken ist Handarbeit.“ Ohne Technik geht es nicht. Entscheidend bleibt jedoch die Erfahrung der Mitarbeiter. Pflanzen wachsen nicht nach Excel-Tabellen, sondern reagieren auf Licht, Temperatur und Wasser. 120 Bewässerungsventile steuern die Versorgung. Automatisch läuft das nicht. „Wir kontrollieren jeden Tag – und entscheiden dann, ob gewässert wird.“ Im Sommer kann das zweimal täglich nötig sein, im Winter manchmal eine Woche lang gar nicht. Die Arbeit ist körperlich. „Die Leute stehen hier den ganzen Tag.“ Gartenbau ist mehr als Blumen. Es geht um Timing, Logistik und kurze Saisonfenster – und darum, dass die Ware genau dann perfekt ist, wenn sie gebraucht wird.

Wie der Betrieb mit Energie und Wasser umgeht

Bei Nachhaltigkeit wird es konkret. Besonders sichtbar wird das beim Thema Energie – einem der entscheidenden Faktoren im modernen Gartenbau. Gewächshäuser brauchen Wärme, Zierpflanzenproduktion ist energieintensiv. Ein Teil der Energie stammt aus Biogas in Kooperation mit einem Landwirt, ergänzt durch eigene Blockheizkraftwerke. Gas, Öl und weitere Energieträger sichern die Versorgung. Biogas deckt dabei rund 35 bis 40% des Wärmebedarfs. Photovoltaik auf Hallenflächen liefert zusätzlichen Strom, vier Batteriespeicher mit insgesamt 88 Kilowattstunden Kapazität machen diesen auch nachts nutzbar. Dazu kommen Energieschirme im Gewächshaus. Weiße und schwarze Schirme helfen, Wärme zu halten, zu schattieren oder zu verdunkeln. Jeder besteht aus zwei Tüchern. Nachts entstehen so insgesamt vier Lagen, die Wärme im Gewächshaus halten und den Energiebedarf um bis zu 50% senken. Bei Weihnachtssternen haben die schwarzen Schirme noch eine andere Funktion: Sie simulieren kurze Tage und steuern damit die Blütenbildung. „Damit denkt der Weihnachtsstern, es ist schon Winter.“ Neben der Energie geht es auch um Wasser. Der Betrieb arbeitet vollständig mit aufgefangenem Regenwasser, das im Kreislauf geführt wird. Die Speicherkapazität wurde in den vergangenen Jahren von 1.000 auf 2.000 Kubikmeter verdoppelt – eine Reaktion auf längere Trockenperioden. „Früher sind wir mit 1.000 Kubikmetern ausgekommen – heute brauchen wir deutlich mehr.“ Auch beim Düngen wird im Kreislauf gearbeitet: Nährstoffe bleiben im System und werden wiederverwendet. Bei den Substraten geht Venneker ebenfalls neue Wege. Der Torfanteil sinkt. Stattdessen nutzt der Betrieb Holzfasern – also aufbereitete Holzschnitzel. Die Materialien speichern Wasser anders und erfordern eine präzisere Steuerung von Bewässerung und Düngung. Doch genau hier zeigt sich die Erfahrung des Betriebs: Mit entsprechendem Know-how lassen sich Pflanzen auch in torfreduzierten Substraten gleichmäßig kultivieren. Im Pflanzenschutz setzt der Betrieb auf möglichst schonende Verfahren. Statt chemischer Mittel kommen vor allem Nützlinge zum Einsatz; behandelt wird nur im Ausnahmefall. Nachhaltigkeit ist für Venneker kein Zustand, den man einmal erreicht. „Wir sind breit aufgestellt“, sagt er. Gleichzeitig bleibt die Herausforderung groß: „Wie wir CO₂-neutral werden, wissen wir noch nicht.“ Die Entwicklung geht weiter – Schritt für Schritt, mit jeder Saison.

Regionalität als wichtiger Faktor

Ein großer Teil der Pflanzen wird über Landgard vermarktet, eine Erzeugergenossenschaft für Blumen und Pflanzen. Von dort gelangt die Ware unter anderem zu großen Handelsketten. Gleichzeitig beliefert Venneker eigene Kunden in der Region – etwa Baumärkte und Supermärkte direkt. Für ihn ist regionale Vermarktung ein wichtiger Hebel: Sie bedeutet kürzere Wege, geringere Transportkosten und weniger CO₂-Belastung. „Ein Großteil bleibt hier in NRW und Niedersachsen“, sagt Venneker. Davon profitierten am Ende auch die Kunden, weil niedrigere Transportkosten günstigere Preise ermöglichen. Der Hofladen ist das zweite Standbein. Er ist ausschließlich im April und Mai geöffnet. Auf rund 2.000 Quadratmetern Verkaufsfläche werden überwiegend eigene Pflanzen angeboten. Besonders gefragt ist der Service, Balkonkästen direkt vor Ort bepflanzen zu lassen – inklusive Erde, Pflanzen und Beratung. „Dann kriegt man wirklich fachmännische Beratung direkt vor Ort.“

Ein Beruf mit Chancen

So professionell der Betrieb organisiert ist, so deutlich spürt Venneker die Herausforderungen. Fachkräfte sind schwer zu finden, das gilt auch für Auszubildende. Trotz Präsenz auf Ausbildungsmessen bleibt die Nachfrage gering. In der Region konkurriert der Gartenbau mit großen Industrieunternehmen wie Bertelsmann, Miele oder Claas. Für Venneker ist das bedauerlich, denn er sieht in seinem Beruf viel Positives. „Es ist ein Beruf, der glücklich macht.“ Die Arbeit ist abwechslungsreich: Sie verbindet Natur und Technik, Handwerk und moderne Produktionsprozesse. Man arbeitet mit lebendigen Pflanzen, sieht Ergebnisse und erlebt den Wechsel der Jahreszeiten. „Man hat immer Tageslicht und sieht, wie etwas wächst.“ Gleichzeitig bleibt der Beruf anspruchsvoll – körperlich fordernd, geprägt von engen Zeitfenstern und wirtschaftlichem Druck.

Warum Geranien bleiben

Die Geranie hat schon viele Moden überlebt. Sie wurde belächelt, wiederentdeckt, neu kombiniert und farblich modernisiert. Für Venneker bleibt sie eine Pflanze mit Zukunft. Nicht, weil sie spektakulär neu wäre, sondern weil sie zuverlässig leistet. Sie blüht lange, hält Wetter aus und funktioniert in Kästen, Kübeln und Beeten. Vennekers Blick auf die Zukunft ist pragmatisch. Der Markt verändert sich, Energie wird teurer, Personal knapper, Anforderungen an Nachhaltigkeit steigen. Aber gute Produzenten werden gebraucht. „Es wird immer Produzenten geben – wer es gut kann, wird bestehen.“ Im Mai ist der Hofladen voll. In den Gewächshäusern stehen 120.000 Geranien. Venneker weiß, wie viel Arbeit in jeder einzelnen steckt.

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