Jubiläum: "30 Jahre Baum des Jahres"

Mit der Ausrufung der Stiel-Eiche als ersten Baum des Jahres durch Dr. Silvius Wodarz im Jahr 1988 begann die bis heute andauernde Erfolgsgeschichte des BdJ.

Dr. Silvius Wodarz in Aktion im Waldkindergarten "Waldwichtel e.V." in Brackenheim. Bild: Silvia Serr-Marx.

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Das Wasserschloss Dyck, bei der Gemeinde Jüchen im Rhein-Kreis Neuss inmitten eines englischen Landschaftsparks gelegen, gehört zu den bedeutendsten Kulturdenkmälern am Niederrhein. Fürst Joseph zu Salm-Reiffenscheidt-Dyck (* 1773 auf Schloss Dyck, + 1861 in Nizza) hat auf 53 ha Anfang des 19. Jahrhunderts Baumraritäten in Gruppen oder als Solitär pflanzen lassen. Nach 200 Jahren haben diese Bäume heute erstaunliche Höhen erreicht und sind in dieser an sich waldarmen Gegend von besonderer ökologischer Bedeutung. Nicht nur wegen ihres erreichten Alters, sondern auch wegen des Artenreichtums wird diese Anlage europaweit als besonders wertvoll eingestuft. Die urwüchsigen Baumveteranen, darunter auch die Ess-Kastanie, wurden überwiegend in den vergangenen 30 Jahren als „Baum des Jahres“ geehrt und gestalten in beeindruckender Weise den malerischen Park. Fürst Joseph zu Salm-Reiffenscheidt-Dyck war ein anerkannter Dendrologe und Verfasser zahlreicher botanischer Werke. Mit seinem unermüdlichen Sammeleifer von besonderen, teilweise auch exotischen Baumarten verfolgte er vor allem das Ziel, „den Besuchern den Reichtum dendrologischer Kostbarkeiten vor Augen zu führen“. Heute wird dieses mit insgesamt 70 ha relativ kleine Territorium, im Volksmund „Dycker Ländchen“ genannt, von der Stiftung „Zentrum für Gartenkunst und Landschaftskultur“ betreut. Das Besondere im Zusammenhang mit diesem Landschaftspark ist eine über 1.000 m lange Ess- Kastanienallee, die im Nordosten in der Feldgemarkung als „Fuespat vom Schloss Dyck zum Nikolauskloster“ führt, in dem sich die Familiengruft der Altgrafen und Fürsten zu Salm- Reiffenscheidt-Dyck befindet. Von den im Jahr 1811 gepflanzten Ess-Kastanien sind heute noch 206 Bäume erhalten. Jede dieser Ess-Kastanien ist ein Unikat. Schon von den Anfahrtsstraßen zum Schloß Dyck aus beeindrucken die einmaligen Baumsilhouetten am Horizont.

Reglement für die Proklamation „Baum des Jahres“ (BdJ)

Die Ess-Kastanie, auch Edel-Kastanie genannt, ist der 30. Jahresbaum der „Baum des Jahres - Dr. Silvius Wodarz Stiftung“ (BdJ-Stiftung). Sie wächst bei uns bisher relativ selten, meist beschränkt auf Regionen, in denen Wein angebaut wird, und soll von den Römern vor 2.000 Jahren nach Germanien gebracht worden sein. Bis zu ihrer Proklamation besteht ein exakt vorgegebener Ablauf: Zunächst erfolgt die Auswahl von drei Kandidaten für den übernächsten BdJ durch die anwesenden Mitglieder des „Kuratoriums Baum des Jahres“ (KBJ) im Oktober des Vorjahres während ihrer Jahresversammlung in Berlin in geheimer Abstimmung. Wesentliche Kriterien für die Vorschläge sind die ökologische Bedeutung, die Rarität, eine eventuelle Bedrohung und/oder die von der Bevölkerung gewünschten Informationen. Diese Vorschläge werden dann zur schriftlichen und endgültigen Abstimmung für den BdJ allen Mitgliedern des KBJ mitgeteilt. Hierbei handelt es sich zurzeit um 33 Verbände und nur wenige Einzelpersonen, die in diesem Fachbeirat die Arbeit der BdJ- Stiftung unterstützen. Diese akzeptiert das Ergebnis der letzten, zumeist vollzähligen Abstimmung. Sie benennt und ruft dann öffentlich jedes Jahr im Oktober den „Baum des Jahres“ für das nächste Kalenderjahr in Berlin (Zoo) in Verbindung mit einer Pflanzaktion aus und das war bei der Ess-Kastanie im Oktober 2017. Zu den Ehrengästen gehören der jeweilige Schirmherr des BdJ und die für ein Jahr als Botschafterin des BdJ gewählte Deutsche Baumkönigin. Für die Urheberschaft der Aktion BdJ, und zwar für eine bestimmte Baumart, besteht ein patentamtlicher Schutz als „Marke“ nach der Markenrechtsverordnung von 1995. Aus Anlass des Jubiläums halte ich einen Rückblick zu den Anfängen vor 30 Jahren für erforderlich.

Wer ist der Initiator der Aktion „Baum des Jahres“?

Hierzu gibt es einen Bericht des dpa Korrespondenten Dr. Hans-Peter Möhl vom 30. August 2009. In diesem schreibt Herr Dr. Möhl, dass er als einziger Zeitzeuge authentisch bestätigen kann, dass Ende des Jahres 1988 während eines Gesprächs mit Herrn Dr. Silvius Wodarz von diesem mit Hinweis auf den „Vogel des Jahres“ und die „Blume des Jahres“ die Aktion „Baum des Jahres“ angeregt wurde. Die weitere Unterhaltung führte zur Geburtsstunde für den ersten Baum des Jahres 1989, die Stiel-Eiche. Mit dieser Aktion befindet sich die Baumart in der Reihenfolge unter den ersten Naturobjekten. Es war nach Dr. Möhl ein gelungener Coup für Dr. Silvius Wodarz, der beruflich als Forstdirektor Leiter der „Lehranstalt für Forstwirtschaft“ in Bad-Segeberg war und der im Jahr 1972 den „Umweltschutzverein Wahlstedt“ in Schleswig-Holstein gegründet hat. Diesen führte er als 1. Vorsitzender im Ehrenamt bis zum Jahr 2011. In Erinnerung aus dieser Zeit sind die Aktionen „Rette den Wald“ und „Rette die Bäume“. Besonders erwähnenswert ist auch die Initiative „Waldstein“. Im Jahr 1984 wurde am Eingang zum Deutschen Bundestag, damals noch in Bonn, ein 10 t schwerer Granitfindling mit der Mahnung „Rette den Wald“ und einem Eichenzweig als Emblem aufgestellt. Ähnliche Aktionen folgten in weiteren Städten, auch in Berlin. Aus diesen Anfängen entstand der Förderverein „Baum des Jahres“ e.V., dessen 1. Vorsitzender heute Assessor des Forstdienstes Stefan Meier ist. Die von Herrn Dr. Möhl initiierte Veröffentlichung zur Ausrufung der Stiel-Eiche als ersten Baum des Jahres durch Dr. Silvius Wodarz führte zu einem bundesweiten Abdruckerfolg zum Ende des Jahres 1988. Und damit begann die bis heute andauernde Erfolgsgeschichte des BdJ. Um dem beschriebenen Auswahlverfahren ein unabhängiges Fundament zu geben, erfolgte am 22. August 1991 in Berlin auf Initiative des „Umweltschutzvereins Wahlstedt“ die Gründung des „Kuratoriums Baum des Jahres“. Mitglieder sind Vereine, Verbände, Stiftungen und sonstige Institutionen sowie Persönlichkeiten, die im grünen Faltblatt zum BdJ namentlich genannt werden. Von diesem Gremium kommen auch Anregungen und Beratungsergebnisse. Aus Anlass des 20. BdJ, es war die Walnuss, ist im Jahr 2008 die „Baum des Jahres - Dr. Silvius Wodarz Stiftung“ als nunmehr drittes Organ gegründet worden.

Ziele der Aktion „Baum des Jahres“

Gemeinsam verfolgen heute der Förderverein und die Stiftung „Baum des Jahres“ das Ziel, die bisherigen Aktionen für den Baum des Jahres sowie für Bäume in Parkanlagen, in der Landschaft und im Wald nachhaltig fortzusetzen und zu sichern. Zum Erfolg dieser verdienstvollen Arbeiten sind natürlich auch Partner, Förderer und Sponsoren erforderlich. Mit der Zahlung eines Jahresbeitrags von 30 Euro ist die Mitgliedschaft in dem Förderverein zu erwerben. Der Wildapfel war der 25. BdJ im Jahr 2013. Zu diesem Jubiläum zieht Professor Dr. Andreas Roloff, TU Dresden, folgendes Resümee: „Wir wollten auf seltene Baumarten oder Probleme einer Baumart hinweisen sowie die Schönheit, den Wert und die positiven Wirkungen von Bäumen allgemein und die vielfältigen Funktionen der Baumart bewusster machen.“ Zur Frage, was die bisherigen Aktionen gebracht haben, führt er aus, dass „der Baum des Jahres von allen Naturobjekten die am meisten bekannte und beachtete Aktion ist und dass sie von den Menschen ausnahmslos positiv eingeschätzt wird.“ Es gilt das Motto: „Menschen für Bäume - Bäume für Menschen“. Ergänzend zu den Informationen wird zu eigenen Aktivitäten angeregt, weil sich hierdurch die positiven Beziehungen zum Baum und zur Natur nachhaltig verstärken lassen. Der Stifter Dr. Silvius Wodarz formuliert es so: „Bäume braucht man nicht zu erfinden, man muss sie nur entdecken.“ Und „Bei großen und kleinen Menschen sind im übertragenen Sinn Bäume in die Herzen zu pflanzen und damit gedankliche Veränderungen anzustoßen.“ Besonderen Wert legt er auch auf das Hinführen der Kinder zur Natur und zu den Bäumen. „Kinder brauchen Natur und Natur braucht Kinder.“

Dr. Silvius Wodarz ist der Motor für zahlreiche Aktionen

Um dies alles zu erreichen, gibt es zu jedem BdJ vielfältige Informationen durch die grünen und die gelben (für Kinder) Faltblätter, den sehr informativen Kalender, zahlreiche Publikationen und die Homepage. Hier ist auch der Einkaufsshop mit interessanten Artikeln zum BdJ zu finden, der zurzeit aktualisiert wird und deshalb gesperrt ist. Wichtige Nachrichten sind auch im sozialen Netzwerk Facebook zu finden. Sicherlich noch wichtiger sind die Pflanzaktionen, die deutschlandweit auch von anderen Organisationen und den Waldbesitzern im Frühjahr und Herbst durchgeführt werden und über die wegen des öffentlichen Interesses die heimischen Zeitungen gerne berichten. Regional werden auch Baumpatenschaften übernommen. Die Proklamationen und die anschließenden Pflanzungen haben in unseren Wäldern in den vergangenen Jahrzehnten zu einer deutlichen Erhöhung der Baumartenvielfalt geführt. Hinzuweisen ist auch auf Waldfeste, Jugendwaldspiele, besondere Gestaltungsaufgaben für Kinder im Wettbewerb, auf die Exkursionen und wissenschaftliche Symposien sowie die Beteiligung an Messen und Ausstellungen. Bisher einmalig ist die Allee mit den Bäumen der Jahre von 1989 bis 2014 in beiden Fahrtrichtungen der Bundesautobahn von Aachen nach Köln im Raum Kerpen. Es gibt auch schon einen „Baum des Jahrtausends“. Hierzu haben der Verein und die Stiftung „Baum des Jahres“ vor 18 Jahren den Ginkgo proklamiert, zugleich als Mahnmal für Frieden und Umweltschutz. Alle diese Aktionen, deren Aufzählung nicht vollständig sein kann, haben wir im Wesentlichen Herrn Dr. Silvius Wodarz zu verdanken. Ähnlich wie Fürst Joseph zu Reiffenscheidt-Dyck hat er sich mit großer Passion über fast fünf Jahrzehnte der von ihm gegründeten Aktion BdJ ehrenamtlich gewidmet und dabei Großartiges geleistet. Die dank seiner Initiativen immer wieder zur allgemeinen Bewunderung führenden Ergebnisse sind in Quantität und Qualität Zeugnis seiner hohen Ansprüche, seiner Leidenschaft, seines Fleißes und seiner Innovationskraft. Täglich stellt er sich neuen Aufgaben, die er als „Deutscher Baumvater“ mit Bravour löst. Seine Lebensleistung verdient höchsten Respekt.

Wie wird es weitergehen?

Am 11. Oktober 2018 wird in Berlin der Baum des Jahres 2019 proklamiert. Hierfür sind die Flatter-Ulme, die Kornelkirsche und die Douglas-Tanne vorgeschlagen. Bei der Vielzahl der Aktionen müssen auch weiterhin Fachpersonal für die ehrenamtliche Arbeit in den Organen zur Verfügung stehen und neue Quellen zur finanziellen Förderung erschlossen werden. Eine gut gestaltete Homepage mit den neuesten Nachrichten ist für die Baumfreunde immer von Nutzen. Es sollte aber nicht nur im Herbst, sondern über das Folgejahr verteilt regelmäßig die Öffentlichkeit über Baumaktionen informiert werden. Um die 30 Faltblätter besser dauerhaft aufbewahren zu können, ist die Herausgabe eines Sammelbandes in Buchform zu prüfen. Besonders die Studenten und Auszubildenden werden hierfür dankbar sein. Seit 1971 gibt es den „Internationalen Tag des Waldes“, jeweils zum Frühlingsanfang am 21. März, zu dem die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinigten Nationen (FAO) aufgerufen hat. Die Idee, am 25. April des jeweiligen Jahres einen „Arbor Day“ zu begehen, stammt von dem Journalist Julius Sterling Morton, der ihn in dem baumarmen Bundesstaat Nebraska in den Vereinigten Staaten schon 1872 eingeführt hat und für den es seit 1885 eine gesetzliche Regelung gibt. Auf Empfehlung der FAO, jährlich einen „Weltfesttag des Baumes“ zu feiern, hat Bundespräsident Prof. Dr. Theodor Heuss am 25. April 1952 einen Ahorn gepflanzt und das war der Startschuss zur Übernahme des „Tag des Baumes“, allerdings mit offenem Programm und ohne so große Beteiligung seitens der Bevölkerung. Wünschenswert wäre ein deutscher Baumfesttag, der im Herbst auch mit Pflanzaktionen verknüpft werden könnte. Die Zahl der alten Bäume in den Parkanlagen verringert sich von Jahr zu Jahr. Dieser langsame Verfall ist auch in dem beschriebenen englischen Landschaftsgarten „Schloss Dyck“ zu beobachten. Ursachen hierfür sind die natürliche Altersgrenze, Baumschädlinge, Orkane, eine lang anhaltende Trockenheit, auch als Folge der Klimaveränderung, und Beeinträchtigungen im Zusammenleben von den Baumwurzel und den Mykorrhizapilzen, zu denen nach neuesten Forschungsergebnissen, ermittelt in 20 europäischen Staaten, auch der viel zu hohe Stickstoffeintrag beitragen soll. Deshalb empfehle ich zu prüfen, ob neben den Einzelpflanzungen, die im Laufe der Jahrzehnte nach und nach in den Wald einwachsen und somit in Vergessenheit geraten, nicht auch die Anregung und Betreuung neuer regionaler Landschaftsgärten mit den Bäumen der Jahre erfolgen sollte. Hierdurch bliebe auch der Name des Initiators, Dr. Silvius Wodarz, erhalten, und es wäre sichergestellt, dass auch künftig die Bevölkerung diese Parkanlagen während eines Spaziergangs genießen kann.

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