Hagel-Webinar: Wie wird morgen das Wetter?

Beim sechsten Hagel-Webinar der Österreichischen Hagelversicherung ging es um das wichtigste Kriterium in der landwirtschaftlichen Produktion: Das Wetter.

Dr. Kurt Weinberger, Vorstandsvorsitzender der Österreichischen Hagelversicherung, mit den Vortragenden des Hagel-Webinars. Bild: Österreichische Hagelversicherung.

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In der Landwirtschaft sind nicht nur die drei Produktionsfaktoren Boden, Arbeit und Kapital entscheidend. Für die landwirtschaftliche Erzeugung kommen als weitere Faktoren das Klima und das Wetter hinzu. Die Landwirtschaft ist also nicht irgendein Wirtschaftsbereich. Sie ist vielmehr ein Sektor, in dem der Unternehmer Landwirt alles richtig gemacht und viel geleistet haben kann, aber dennoch eine schlechte Ernte einfährt. Warum? Weil das Wetter nicht mitspielt. Das Wetter ist und bleibt Produktionsfaktor mit dem höchsten Risiko und gilt als größter Stressfaktor für die Bäuerinnen und Bauern. 80% des Ertrages hängen in der Landwirtschaft vom Wetter ab. Das bedeutet somit auch, dass heimische Lebensmittel im Supermarkt keine Selbstverständlichkeit sind – auch wenn die Regale scheinbar immer voll sind. Aber ich habe eine leise Hoffnung, dass durch die Corona-Pandemie die Konsumentinnen und Konsumenten sensibilisiert wurden gegenüber jener Berufsgruppe, die täglich für unsere Mittel zum Leben sorgen: unseren Landwirtinnen und Landwirten!“, so der Vorstandsvorsitzende der Österreichischen Hagelversicherung, Dr. Kurt Weinberger, in seinen einleitenden Worten zum mit 500 Teilnehmerinnen und Teilnehmern bestens besuchten Hagel-Webinar, diesmal zum Thema „Wie wird morgen das Wetter?“. Genaue Wetterprognosen sind für Landwirtinnen und Landwirte die Grundlage für ein planbares Wirtschaften. Doch woher kommen die Wetterdaten? Wie müssen sie aufbereitet werden, um treffsichere Prognosen – beispielsweise für den Anbau und die Ernte – zu erreichen. Diese und weitere Fragen wurden von den Top-ExpertInnen beantwortet: Dr. Josef Aschbacher, Generaldirektor der ESA – European Space Agency Paris, Dr. Christa Kummer, Klimatologin und ORF-Moderatorin, Mag. Bernhard Niedermoser, Leiter ZAMG Salzburg Oberösterreich, Univ.Prof. Mag. Dr. Harald Rieder, Leiter Institut für Meteorologie und Klimatologie, Universität für Bodenkultur Wien und Mag. Barbora Stuhl, Meteorologie und Geoinformation, Österreichische Hagelversicherung.

Aschbacher: Wettersatelliten als Klimawächter

Europa verfügt seit 1977 über Wettersatelliten. Sie wurden von der ESA entwickelt und umfassen die Missionsreihen “MetOp” und „Meteosat“. Für das moderne Wettermanagement stellen Satelliten ein unentbehrliches Arbeitsmittel dar. Sie liefern Informationen für eine der wohl schwierigsten Aufgaben der Meteorologen, nämlich Daten für die Kurzzeitvorhersage. Dabei geht es um das frühzeitige Erkennen extremer Wetterlagen wie Starkregen, Hagel, Sturm, Schnee, etc. und um entsprechende Warnung der Öffentlichkeit. Satelliten ermöglichen dank ihrer lückenlosen Datenreihen aber auch einen globalen Blick auf den Zustand der Erdatmosphäre und den schleichenden Klimawandel. Die Österreichische Hagelversicherung hat die Möglichkeiten der Wetterbeobachtung aus dem All frühzeitig erkannt. Sie stellt ihren versicherten Mitgliedern aufbereitete Satelliten- und Wetterdaten zur Verfügung, um den Betriebserfolg zu steigern und das Risiko von Unwetterfolgen zu managen.

Kummer: Das Wetter für ein Millionenpublikum

Wer weiß heute noch, wie gut die Vorhersagen vor zehn Jahren waren? Die aus den verschiedenen Wettermodellen abgeleiteten Wetterdaten haben sich in den letzten Jahrzehnten sukzessive verbessert. Der Unterschied zwischen Wetter und Klima? Das Wetter ist der augenblickliche Zustand der Atmosphäre. Klima ist das Wetter über einen längeren Zeitraum (fünfzig bis hundert Jahre) gesehen. Die Vorhersagen treffen mit über 90% zu. Das heißt: maximal zwei Grad Temperaturabweichung, und wenn in einer Region Regen angesagt wird, dann regnet es dort auch, wenngleich vielleicht nicht flächendeckend. Die Klimaveränderung führt dazu, dass Hoch- bzw. Tiefdruckgebiete länger als in der Vergangenheit an einer Stelle verharren. Großwetterlagen werden also stabiler. Die Konsequenz: Oftmals ist es über Wochen hinweg heiß, was den Tourismus freut, die Landwirtschaft leidet aber darunter. Klimaverantwortung zu übernehmen ist daher oberstes Gebot der Stunde.

Niedermoser: Wetterbeobachtung für die perfekte Prognose?

Die Wetterprodukte der Gegenwart sind vielfältiger denn je. Verpackt in schönen Kleidern vermitteln sie den Eindruck, dass die Beobachtung nicht mehr wichtig ist oder eine Nebenrolle spielt. Das Wetter berechnet der Computer und es kommt direkt in meine App oder in mein Wetterprodukt. Dem ist nicht so! Ganz im Gegenteil. Es werden enorme Anstrengungen unternommen um den Zustand der Atmosphäre bestmöglich zu erfassen. Das beste Wettermodell kann ohne Wetterbeobachtungen nicht viel ausrichten. Die Beobachtung ist der Treibstoff für die Vorhersage! Unterschiedlichste Beobachtungsmethoden (Beobachtermeldung am Boden, Satelliten, Wetterschiffe, Flugzeugmessung, Wetterballon bis hin zum Wetterradar) spielen dabei zusammen und greifen ineinander. Unterschiedliche Prognosen stützen sich zudem auf unterschiedliche Beobachtungsmethoden. Eine Sturmberatung für ein großes Zeltfest benötigt andere Beobachtungen als eine 3-Wochen-Prognose für die Landwirtschaft.

Rieder: Der Klimawandel führt zu mehr Extremwetterereignissen

Die fortschreitende Erderwärmung geht mit einer signifikanten Veränderung in meteorologischen Extremereignissen einher. Der Grad des Wandels und dessen Auswirkung auf Umwelt und Gesellschaft werden deutlich, wenn man einzelne Klimaindizes näher betrachtet. Über die letzten Jahrzehnte war eine deutliche Abnahme in kalten Extremen und eine gleichzeitige Zunahme in warmen Extremen zu verzeichnen. Auch hinsichtlich der Intensität und räumlichen Verteilung von Starkniederschlagsereignissen sind Veränderungen beobachtbar. Modellprojektionen folgend wird sich dieser Trend in den nächsten Jahrzehnten weiter verstärken. Für die Landwirtschaft sind vor allem zunehmender Hitzestress und damit einhergehend vermehrte Trockenheit bedeutsam. Auch wachsender Schädlingsdruck oder Ertragsausfälle durch Starkniederschlag oder Hagel stellen eine zunehmende Herausforderung dar.

Stuhl: Das Hagel-Wetterservice als einzigartiges Risikomanagementtool

(Spät-)Fröste, Stürme oder extreme Niederschläge verursachen wiederkehrend schwere Schäden im Acker-, Wein-, Obst- und Gartenbau. Das Wetterwarncockpit der Österreichischen Hagelversicherung, abrufbar über das Portal auf www.hagel.at, ermöglicht es, schadensmindernde Vorsorgemaßnahmen effektiv und rechtzeitig zu treffen. Im Obst- und Weinbau beispielsweise sind rechtzeitige Spätfrostwarnungen wichtig (so auch heuer!), für Gewächshäuser braucht es Sturmwarnungen, für Pflanzenschutzanwendungen können auch Witterungsdaten der letzten Tage relevant sein. Einzigartig in Europa besteht die Möglichkeit, sich bei einer räumlichen Auflösung von 100 Hektar vor extremen Wettersituationen warnen zu lassen. Einzigartig ist es auch deshalb, weil jeder Landwirt die Warnung genau für seine betriebsspezifischen Bedürfnisse – für jede Pflanzenart und für jedes Feldstück – einstellen kann. Auch können gleiche Warneinstellungen für mehrere Orte angelegt werden, was insbesondere bei z.B. Spätfrostwarnungen für Obst- und Weingärten in unterschiedlichen Gemeinden vorteilhaft ist. Beim Über- bzw. Unterschreiten der jeweilig eingestellten Schwellenwerte erfolgt eine Benachrichtigung per E-Mail. Die Warnungen können auch aus Analysedaten generiert werden. Zum Beispiel kann man eine Warnung erhalten, wenn es fünf Tage hindurch nicht geregnet hat. Zusätzlich bietet die Hagelversicherung ihren Kunden eine App an, in der vor allem kurzfristige Wetterprognosen für die tägliche Arbeit am Feld zur Verfügung stehen. Das beste Niederschlagsnowcastingsystem der ZAMG (INCA – Integrated Calibration and Application Tool) kommt hier zur Anwendung. Im Jahr 2020 gab es in der Hagel-APP mehr als 30.000 User und über 3 Mio. Screenviews.

Die Österreichische Hagelversicherung macht Wetterrisiken kalkulierbar

Wetterextremereignisse werden durch die Erderwärmung in Zukunft häufiger, länger und intensiver auftreten. Aufgrund dieser Entwicklung sind neben einem umfassenden Versicherungsschutz auch Wetterwarnmodelle zur Schadensbegrenzung von immenser Bedeutung. „Wir müssen uns allerdings neben den besten Wetterprognosen auch dem langfristig beeinflussenden Klimawandel und der Zerstörung unserer Böden durch Verbauung widmen. Denn alles zusammen hat auf die Selbstversorgung Österreichs mit heimischen Lebensmitteln enorme Auswirkungen und damit auch auf den Wirtschaftsstandort“, fasst Weinberger in die Zukunft blickend zusammen. (Österreichische Hagelversicherung)

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