Pflanzenschutzmittel: Schweizer Bauern wollen handeln

Ja, es gebe Handlungsbedarf beim Pflanzenschutz, sagt der Bauernverband. Die Landwirtschaft arbeite aber daran, den Spritzmittel-Einsatz zu reduzieren. Die beiden Anti-Pestizid-Volksinitiativen seien der falsche Weg.

Spritzmittel stehen in der Kritik: Gleich zwei Volksinitiativen zielen auf eine Reduktion des Pestizid-Einsatzes. Bild: Andreas Ricklin/landwirtschaft.ch.

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Gleich zwei Volksinitiativen zum Thema Pflanzenschutzmittel sind in der Schweiz derzeit in der politischen Pipeline. Die Trinkwasser-Initiative verlangt, dass nur noch Bauernbetriebe Direktzahlungen erhalten sollen, die keine Pflanzenschutzmittel einsetzen. Die Initiative "Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide" will, dass nur noch biologische Pflanzenschutzmittel zum Einsatz kommen.

Der Schweizer Bauernverband (SBV) lehnt beide Volksinitiativen als zu extrem ab. Mitte Juli hat er die Medien auf den Hof von Ana Maria und Markus Lüscher in Schalunen BE eingeladen, um aufzuzeigen, dass die Landwirtschaft bereits mit Hochdruck daran arbeitet, den Spritzmittel-Einsatz zu optimieren und zu reduzieren.

Weniger Glyphosat eingesetzt

Landwirt Markus Lüscher bewirtschaftet einen 57-Hektaren-Betrieb; er baut Kartoffeln, Zuckerrüben, Mais, Raps, Weizen und weitere Kulturen an. Lüscher setzt zwar Pflanzenschutzmittel ein, er hat deren Anwendung in den letzten Jahren aber stark eingeschränkt und effizienter gemacht. "Den Glyphosat-Einsatz habe ich massiv reduziert." Stattdessen setzt er auf alternative Techniken wie Hackgeräte - und auf Hightech: GPS und intelligente Spritzdüsen, die dafür sorgen, dass die Pestizide gezielt auf die Unkräuter ausgebracht werden. Den Maiszünsler lässt er biologisch durch Schlupfwespen bekämpfen - die mit Drohnen ausgebracht werden. Lüscher wendet Pflanzenschutzmittel erst nach einer vorgängigen Analyse an: "Wenn die Schadschwelle überschritten ist, wenn Krankheits- und Schädlingsdruck hoch sind, erst dann wird gespritzt." Anders als noch vor ein paar Jahren seien seien Felder nicht mehr "sauber geschleckt", wie er es nennt. "Wir nehmen eine gewisse Verunkrautung in Kauf."

Statt für ein Verbot plädiert Lüscher für eine Optimierung des Spritzmittel-Einsatzes: "Es geht darum, die richtigen Mittel zum richtigen Zeitpunkt anzuwenden und diese mit der Forschung so weiterzuentwickeln, dass die Landwirte keinen Abdruck in der Umwelt hinterlassen."

Ein Verbot synthetischer Pflanzenschutzmittel, wie das eine Volksinitiative verlangt, würde Markus Lüscher hart treffen: "Ich müsste meinen Betrieb total umkrempeln", erklärte der Ackerbauer. Zuckerrüben könnte er im heutigen Rahmen nicht mehr anbauen, auch bei den Kartoffeln werde es schwierig. "Die Erntemengen würden massiv sinken", ist für Lüscher klar.

"Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln mache ich nicht aus Freude, sondern um Qualität und Quantität zu sichern." Wenn man den Abnehmern nicht die geforderte Qualität bieten könne, bleibe man auf den Produkten sitzen. Als junger Bauer konnte Lüscher einst 60 t Kartoffeln nicht verkaufen, weil sie den Anforderungen des Abnehmers nicht genügten.

Großes Interesse

Ackerbauer Lüscher nimmt am Pflanzenschutzprojekt des Kantons Bern teil. Anfang 2017 gestartet, sollen damit die von Pestiziden ausgehenden Risiken reduziert werden - mit Hilfe von 10 Maßnahmen. Unter anderem gibt es für Bauern eine Prämie, wenn sie auf Herbizide verzichten. Bei den Berner Bauern kommt das Programm an. Die Anzahl mitmachender Betriebe hat sich seit letztem Jahr um 20% auf rund 3.200 Stück erhöht. Knapp jeder zweite Betrieb mit Ackerbau mache mit, sagte Michel Gygax von der Fachstelle Pflanzenschutz des Kantons Bern.

Es gebe beim Pflanzenschutz Handlungsbedarf, gab Bauernpräsident Markus Ritter unumwunden zu. Die Landwirtschaft wolle zur Lösung bestehender Probleme beitragen. Die beiden Volksinitiativen seien aber nicht der richtige Weg. Der Bauernverband unterstützt stattdessen den Aktionsplan Pflanzenschutzmittel des Bundes. Die Trinkwasserinitiative würde dazu führen, dass intensive Gemüse-, Obst- oder Rebbaubetriebe die Produktion intensivieren und dafür auf Direktzahlungen verzichten würden. Die übrigen Betriebe würden den Ackerbau zurückfahren mit der Folge, dass Lebensmittel vermehrt importiert werden müssten.

Halbwissen und Falschaussagen

Martin Rufer vom Schweizer Bauernverband betonte, dass in der ganzen Pflanzenschutzmittel-Diskussion viel Halbwissen vorherrsche und Falschaussagen gemacht würden. Eine davon sei die Behauptung, dass in der Schweiz mehr Pestizide zum Einsatz kämen als im umliegenden Ausland. Rufer stellte klar, dass hierzulande - anders als im Ausland - auch die biologischen Spritzmittel in die Statistik mit einflößen. Deren Einsatzmengen seien oft viel höher als bei den synthetischen Pflanzenschutzmitteln. Verwunderlich sei die Tatsache, sagte Rufer, dass Bio-Lebensmittel lediglich einen Marktanteil von 9% aufwiesen, obwohl doch viele Leute auf synthetische Spritzmittel verzichten möchten. Fehlende Toleranz für mangelhafte Produkte und die Forderung nach einem Pestizidverzicht sei ein anderer Widerspruch, so Rufer. Weiter betonte er: "Ohne Pflanzenschutz hätten wir im Schnitt 20 bis 40% tiefere Erträge, in machen Jahren bei ungünstiger Witterung auch Totalausfälle." (Quelle: LID)

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