Schweiz: Pestizide im Zahlen-Dschungel

Ein altes Sprichwort lautet: „Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast“. Aber Fälschen ist heutzutage gar nicht mehr nötig. Es gibt so viele Statistiken, das jeder für sich die Passende findet. Auch für die Verwendung von Pflanzenschutzmitteln.

Vergleiche zu ziehen ist schwieriger als es zunächst scheint. Bild: ji, lid.ch.

"Ich muss Sie bitten zu klären, ob diese Zahl von 27% richtig ist." Nicht nur Nationalrat Beat Jans, sondern auch andere Redner waren in der Nationalratsdebatte über die Trinkwasser- und Pestizidinitiative verunsichert. Sie kannten die Zahlen nicht, die zeigen, das der Einsatz von konventionellen Pflanzenschutzmitteln (PSM) in den letzten zehn Jahren um 27% gesunken ist und der Herbizid-Einsatz um 45% abgenommen hat.

Sie hatten eher andere Zahlen im Kopf, die zeigen, das Schweizer Bauern mehr PSM verwenden als ihre Kollegen in anderen europäischen Ländern. Diese passten auch besser zum Gegenvorschlag. Denn Zahlen sind - nicht nur im Parlament - noch immer die besten Argumente. Aber nicht immer ist klar, was sich hinter den Zahlen verbirgt.

"Schweizer Bauern sind die eifrigsten Giftspritzer", titelte im Oktober 2011 das Konsumentenmagazin Saldo. Die Schlagzeile bezog sich auf eine europäische Statistik, welche die verkaufte Menge PSM ins Verhältnis zur landwirtschaftlichen Nutzfläche (ohne Grünfläche) setzt. Laut dieser Berechnung werden in der Schweiz mehr PSM pro Hektar eingesetzt als z.B. in Deutschland. Warum das so ist, hat eine Studie von Agroscope vor einigen Jahren untersucht. Sie rechneten die Daten von rund 300 Betrieben hoch, die im Rahmen des Agrar-Umweltmonitorings genaue Aufzeichnungen über ihren PSM-Einsatz machen.

Verschiedene Kulturen

Dabei kamen sie auf vergleichbare Werte mit den Nachbarländern, außer beim Getreidebau. Dort setzen die Schweizer, wegen dem hohen Anteil an Extenso-Getreide deutlich weniger ein - nehmen dafür aber tiefere Hektarerträge in Kauf. Am Ende kamen die Autoren Simon Spycher und Otto Daniel zum Schluss: "Ein Teil der Differenz lässt sich dadurch erklären, das in der Schweiz der Anteil an Kulturen, in denen die PSM-Mengen hoch sind, höher ist als in Deutschland."

Die Schweiz hat einen fünfmal höheren Anteil Reben und Kernobst an der Gesamtfläche als Deutschland. Und das sind die Kulturen, welche am meisten Pflanzenschutzmittel benötigen. Rund 40% aller PSM werden im Kernobst- und Weinbau einsetzt. Deutschland baut dagegen prozentual mehr Raps, Wintergerste und übriges Getreide an, welche weniger PSM benötigen.

Schweizer Landwirtschaft ist anders

Die Schweiz baut im Verhältnis zu Deutschland fünfmal so viel Wein und Obst an. Das wirkt sich auf den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln aus.

Vergleiche sind schwierig

Der übrige Teil der höheren Verkaufsmenge ist darauf zurückzuführen, das in der Schweiz mehr Wirkstoffe mit hohen Dosen (kg/ha), aber geringer Umweltbelastung, wie z.B. Öle eingesetzt werden. Dazu kommt, das in Deutschland gewisse Stoffe wie Kaolin oder das Backtriebmittel Kaliumbicarbonat als Pflanzenstärkungsmittel gelten und deshalb nicht in der PSM-Statistik auftauchen, während sie in der Schweiz den PSM zugeschlagen werden.

Andere Staaten wie Großbritannien verzichten in ihrer Statistik auf Parallelimporte und erfassen die PSM für nicht-landwirtschaftliche Anwendungen separat. Das zeigt: Internationale Vergleiche sind und bleiben schwierig, es besteht immer die Gefahr, das Äpfel mit Birnen vergleichen werden. (Lid.ch)

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