Schweiz: Gemüsekammer in Bedrängnis

Die Landwirtschaft im Seeland wird bedrängt vom Klimawandel und vielen gesellschaftlichen Entwicklungen. Die Interessengemeinschaft Pro Agricultura Seeland setzt sich für deren nachhaltige Zukunftssicherung ein.

Pro Agricultura versucht immer wieder, innovative Forschungsprojekte anzustoßen und politische Diskussionen in Gang zu bringen. Bild: GABOT.

Die diesjährige Generalversammlung der landwirtschaftlichen Interessengemeinschaft Pro Agricultura Seeland fand am 6. März im Inforama Ins statt. Der Verein setzt sich für die Erhaltung und Förderung einer nachhaltig produktiven Landbewirtschaftung im Dreiseenland ein; Mitglieder sind Einwohner- und Burgergemeinden, Flurgenossenschaften sowie Landbesitzer. Dass diesen die aktuellen Entwicklungen Kummer bereiten, zeigte der große Aufmarsch: rund 60 Personen nahmen an der Jahresversammlung teil, trotz Coronavirus und obwohl die anschließende Tagung zum Thema Landwirtschaft und Naturschutz verschoben werden musste. Pro Agricultura versucht immer wieder, innovative Forschungsprojekte anzustoßen und politische Diskussionen in Gang zu bringen. Unter anderem gelang es, nach zwei großen Landsgemeinden, letztes Jahr die Gründung des Vereins Zukunft Drei Seen Land zu initiieren, eine breit abgestützte Plattform zur nachhaltigen Entwicklung der Region.

Böden und Wassermanagement verbessern

Fast wortwörtlich zurück zu den Wurzeln, kümmert sich Pro Agricultura zurzeit vor allem um die Projekte "Bodenkartierung" und "Bodenverbesserung", über deren Stand an der GV orientiert wurde. Ebenso wurde über erfolgversprechende Hochschul-Studien berichtet: einerseits zur optimalen Wassernutzung dank einem Monitoring mit Bodensonden, andererseits zum bodenschonenden Gemüseanbau dank Gründüngung und Mulchen. Die Uni Neuenburg untersucht das Zusammenwirken von Oberflächen- und Grundwasser im Gebiet. Wenn es gelingt, die Grundwasserstände auf höherem Niveau zu stabilisieren, können der Bodenschwund durch Torfzersetzung und die damit verbundenen CO2-Emissionen verringert werden.

Resolution für Natur und Ernährungssicherheit

Durch die Versammlung führte der umtriebige Vereinspräsident Peter Thomet aus Ins. Er tat dies mit viel Charme, historischen Exkursen und politischen Seitenhieben. Thomet erläuterte, wie die Seelandschaft in den Eiszeiten gestaltet wurde und, dass sie die Römer während Jahrhunderten besiedelt und bewirtschaftet hatten. Die Versumpfung erfolgte hingegen erst ab dem Mittelalter und wurde mit den Juragewässerkorrektionen wieder rückgängig gemacht. Null Verständnis hat der ETH-Agronom für die "pauschalen Vorurteile vieler Städter, die kolportieren, die Bauern würden den Boden mit schweren Maschinen und überintensiver Bewirtschaftung degradieren. – Das ist einfach Behaupten, statt Wissen!" Die Bemühungen von Pro Agricultura für fruchtbare Böden und Ernährungssicherheit zeigten so ziemlich das Gegenteil. Damit sprach Thomet den meisten Anwesenden aus dem Herzen. Eine Resolution mit entsprechenden Forderungen an Bund und Kantone wurde verabschiedet. Auch alle statutarischen Geschäfte wurden mehr oder weniger diskussionslos und einstimmig genehmigt.

Engagement für die Biodiversität

Für Thomet und seine Vereinsleute ist es eine Selbstverständlichkeit, dass neben der landwirtschaftlichen Produktion auch die Biodiversität geschützt und gefördert werden soll. Zum Zeichen der Wertschätzung wurden denn auch sieben Persönlichkeiten für ihr Engagement zu Gunsten von Pflanzen und Wildtieren mit einem symbolträchtigen Schoggi-Hasen geehrt. Hasen, das passt, beherbergt doch das Seeland eine rekordverdächtig große Feldhasenpopulation. Auch der Ehrengast der Versammlung ist ein hochverdienter Naturfreund mit vielen Bezügen zum Seeland: Dr. Gerhart Wagner, über hundertjähriger Tausendsassa und Autor des Standardwerks "Flora Helvetica".

Wie Naturschutz und Landwirtschaft ganz konkret unter einen Hut gebracht werden können, zeigte die Biologin Irène Weinberger auf, Inhaberin des Umweltbüros Quadrapoda. Mit einem Netz von Kleinstrukturen und Wanderkorridoren entlang von Kanälen und Äckern versucht sie in Zusammenarbeit mit Landwirten, das Wiesel, Hermelin und Co. zu fördern. Die kleinen Räuber fressen große Mengen Mäuse und verringern damit Schäden an den Kulturen – eine Win-win-Situation ganz nach dem Gusto von Pro Agricultura Seeland. (Pro Agricultura Seeland)

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