Hochschule Rhein-Waal: Erforscht Agroforst im Topfpflanzenbau

Ein Agroforst kombiniert Gehölze mit Ackerbau oder Dauergrünland, wahlweise auch mit Tierhaltung, auf einer Fläche. Höhere Kultur- und Artenvielfalt, Erosions- und Wasserschutz sowie begünstigtes Mikroklima gehören zu den Vorteilen. Auch im Gartenbau kann Agroforst auf innovative Weise umgesetzt werden.

Optimierte Versickerungsleistung bei Dercks Gartenbau. Bild: © Samuel Lemmen / HSRW.

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Wie Olivenbäume und Beerensträucher in einer Versickerungsmulde neben Produktionsflächen wirken, erforscht die Hochschule Rhein-Waal bei Dercks Gartenbau GmbH am Niederrhein.

Agroforst und Topfpflanzenbau passen auf den ersten Blick nicht zusammen: Bäume und Sträucher auf den Freilandflächen würden nicht nur die Bewässerungsanlagen stören, auch abfallendes Laub und Sameneintrag können zum Problem werden. Eine Chance Gehölze dennoch zu integrieren, bieten Versickerungsmulden neben den Produktionsflächen. Die Mulden dienen als Ausgleich für versiegelte Flächen und lassen überschüssiges Wasser aus der Bewässerung versickern. Auch vor dem Hintergrund von Starkregenereignissen sind Versickerungsmulden nützlich, weiß Peter Dercks von Dercks Gartenbau GmbH aus Erfahrung. Er hat, geprägt durch Starkregenereignisse in der Vergangenheit, größere Versickerungsmulden angelegt als vorgeschrieben. Die Mulden des Betriebs am Niederrhein, bei dem Lavendel, Stauden und Heidemix im Topf wachsen, sind klassischerweise mit Gräsern und Beikräutern begrünt – eine Bepflanzung mit Gehölzen ist im Normalfall nicht vorgesehen.

Motiviert von den erwarteten Vorteilen der Gehölzintegration wie Auflockerung des Bodens und damit einhergehende verbesserte Versickerungsleistung, Filter-Funktion und höhere Artenvielfalt, nahmen Peter Dercks und Samuel Lemmen, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Agroforst Reallabor der Hochschule Rhein-Waal, sich dem Thema Agroforst im Topfpflanzenbau dennoch an. Mit Erfolg: Die Untere Wasserbehörde des Kreises Kleve gab die Nutzung einer Versickerungsmulde für ein derartiges Agroforstsystem frei, sofern dieses wissenschaftlich begleitet wird und Erkenntnisse geteilt werden.

Im Mai 2025 wurden rund 30 Olivenbäume mit einem Abstand von etwa fünf Metern zueinander versetzt auf der 840 m2 großen Fläche gepflanzt. Im August folgten mit Heidelbeeren, Johannisbeeren, Himbeeren und Stachelbeeren verschiedene Beerensträucher. Aber warum genau Olivenbäume? Die Pflanzung in einer Versickerungsmulde mag widersprüchlich wirken, sind Olivenbäume doch naturgemäß in Regionen mit wenig Niederschlag anzutreffen. Doch auch Olivenbäume kommen nicht ohne Wasser aus und vereinen zudem viele für den Einsatzort geeigneten Merkmale: Die silbergrauen Laubblätter sind vergleichsweise klein und werden jahreszeitenunabhängig abgeworfen. Oliven sind Tiefwurzler und lockern dadurch den Boden auf, sodass Wasser besser eindringen, sich verteilen und schneller versickern kann. Das Wasser wird so außerdem vor Eintritt ins Grundwasser gefiltert. Es besteht keine Gefahr von Samenflug und die Gehölze bleiben relativ niedrig, wodurch die Qualität der Kulturen auf den Stellflächen nicht negativ beeinflusst wird. Dennoch schützen sie vor dem trockenen Ostwind und verhindern, dass sich die Topfpflanzen auf der Stellfläche durch den Wind verschieben. Auch der Artenvielfalt kommt der Agroforst zugute. Die Pflanzen bleiben im Vergleich zu den Topfpflanzen dauerhaft und bieten so z. B. Insekten einen Rückzugsort.

Die Hochschule Rhein-Waal begleitet das Agroforstprojekt u. a. mit Versickerungsversuchen. Dazu wird mit Doppelringinfiltrometern die Infiltrationsrate des Bodens gemessen, also wie viel Wasser in bestimmter Zeit in den Boden eindringt. „Erkenntnisse sind voraussichtlich erst nach mehreren Jahren möglich, schließlich müssen sich die Wurzeln der Oliven erst entwickeln. Langfristig bilden die Wurzeln Kanäle im Boden und bei Wiederholung der Versuche unter denselben Bedingungen sollte das Wasser schneller versickern“, so Samuel Lemmen. Er macht zusätzlich Multispektralaufnahmen per Drohnenflug: „Wir wollen herausfinden, wie es um die Olivenbäume steht, wenn es viel geregnet hat oder wenn es mal sehr trocken war. Durch die speziellen Aufnahmen werden Unterschiede in der Vitalität, Gesundheit und dem Stresszustand der Pflanzen sichtbar. Zusätzlich gilt es herauszufinden, ob die Topfpflanzenkultur in irgendeiner Weise beeinflusst wird.“

Für die Beteiligten hat der angelegte Agroforst Modellcharakter: „Agroforstsysteme in der klassischen Feldwirtschaft werden gefördert; ein Agroforst wie wir es bei uns angelegt haben jedoch nicht, da wir beispielsweise die geforderten Mindestabstände in den Versickerungsmulden nicht einhalten können. Ich möchte mit positivem Beispiel vorangehen und zeigen, dass die Gehölzintegration auch im Gartenbau möglich ist und positive Effekte hat. Vielleicht ebnet das den Weg für Fördermöglichkeiten in der Zukunft“, so Peter Dercks. 

Hintergrund

Das Agroforst Reallabor ist als Transformationsprojekt Teil vom Projekt ‚TransRegINT - Transformation der Region Niederrhein: Innovation, Nachhaltigkeit, Teilhabe‘ der Hochschule Rhein-Waal. Es soll an die Region Niederrhein angepasste Agroforstsysteme umsetzen und ein regionales Netzwerk der verschiedenen Akteur*innen schaffen. Das Team Agroforst Reallabor begleitet die Umsetzungen wissenschaftlich, um Daten zu den ökologischen, ökonomischen und sozialen Leistungen dieser Systeme zu erheben. Mit dem Projekt ‚TransRegINT - Transformation der Region Niederrhein: Innovation, Nachhaltigkeit, Teilhabe‘ hat sich die Hochschule Rhein-Waal zum Ziel gesetzt, den nachhaltigen Wandel in der Region wissenschaftsbasiert mitzugestalten. Gefördert wird das Projekt durch das Programm ‚Innovative Hochschule‘ des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt. Diese Förderinitiative unterstützt Hochschulen dabei, aus Forschungserkenntnissen kreative Lösungen für die drängenden Herausforderungen unserer Zeit zu finden. Bis Ende 2027 wird ‚TransRegINT‘ mit Fördergeldern in Höhe von knapp zehn Millionen Euro gefördert. Dies ermöglicht es, Lösungen zu erarbeiten, um die Zukunft in der Region im Sinne der 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen zu gestalten.

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