Agrarwirtschaft: Verzerren Twitter, Google und Co. unsere Sichtweisen?

Rund 140 Teilnehmer*innen aus Wissenschaft, (Land-)Wirtschaft, Politik und Verwaltung haben sich am 28. März 2019 im Kreishaus Vechta zum Thema „Die Agrarwirtschaft in der Filterblase - Verzerren Twitter, Google und Co. unsere Sichtweisen auf die Agrarwirtschaft?“ ausgetauscht.

Die Referent*innen und Organisator*innen der Tagung. Bild: Universität Vechta/Zikeli.

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Zu der dialogorientierten Veranstaltung hatten die Universität Vechta in Kooperation mit dem Verbund Transformationsforschung agrar Niedersachsen eingeladen. Durch die Veranstaltung führte der FAZ-Journalist Dr. Jan Grossarth.

Die Tagung fand im Rahmen des LEADER-geförderten Projekts „Dynamic Agri-Food Systems im Oldenburger Münsterland“ der Universität Vechta statt. Sie war die Auftaktveranstaltung einer fünfteiligen Reihe, welche sich mit den Herausforderungen der Agrar- und Ernährungsbranche für die Region vor dem Hintergrund aktueller Transformationsprozesse beschäftigt. „Zentral bei dieser Tagung war das dialogorientierte Format“, erläutert Dr.in Anna Fangmann, Projektleiterin von Dynamic Agri-Food Systems im Oldenburger Münsterland. „Wir wollen mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern in den Austausch kommen: Wie erleben sie die Berichterstattung über die Landwirtschaft? Was ist aus ihrer Sicht anders? Das ist sehr gut gelungen.“ Kernthema der Tagung war u. a. die Wahrnehmung der Landwirtschaft, „eine der zentralen Herausforderungen für die Agrar-und Ernährungswirtschaft“, so Dr.in Barbara Grabkowsky, Geschäftsführerin des Verbundes Transformationsforschung agrar Niedersachsen.

Transformation der Meinungsbildung: Vom Stammtisch zu Facebook, Twitter & Co

„Mit dem Internet haben Menschen heute die Möglichkeit, sich prinzipiell so umfassend zu informieren wie nie zuvor“, so Dr. Christian H. Meyer, Projektreferent der Koordinierungsstelle Transformationsforschung agrar Niedersachsen. In dem gemeinsamen Vortrag mit Dr.in Barbara Grabkowsky sprach er u.a. über den grundlegenden Wandel in der Kommunikationsstruktur. In sogenannten Filterblasen erreichen Menschen nur noch solche Informationen, die der eigenen Meinung und Vorstellung entsprechen. Durch das Fehlen von Gegenargumenten und kritischen Stimmen in diesen Kommunikationsräumen, kann es zu sogenannten Echokammern kommen. Beide Phänomene können eine Verschiebung der öffentlichen Meinung weg von neutralen Fakten und sachlichen Argumenten begünstigen kann.

Über die mögliche Bildung von Echokammern zu landwirtschaftlichen Themen sprach Prof. Dr. Matthias Kussin, Professor für Medien- und CSR-Kommunikation an der Hochschule Osnabrück. Kussin zeigte an Online-Diskussionen um heimliche Filmaufnahmen in Ställen exemplarisch auf, woran sich eine geringe Perspektivenvielfalt innerhalb von Internetforen festmachen lässt. „Erste Ergebnisse deuten darauf hin, dass es den meisten Nutzern dieser Foren vor allem um die Bestätigung der eigenen Meinung geht. Demnach sind sie nicht an neuen Positionen interessiert, sondern interessieren sich vor allem für Erklärungen und Argumente, die ihre eigene Position weiter stärken. Dies gilt für Landwirte, aber auch für weitere Nutzer.“

Anhand von Twitter zeigte Prof. Dr. Nicolas Meseth, Professor für Wirtschaftsinformatik der Hochschule Osnabrück, Möglichkeiten auf, das Phänomen Filterblase in der Landwirtschaft empirisch zu untersuchen. „Die Hypothese der Filterblase kann auf Basis der durchgeführten Analyse weder bestätigt noch verworfen werden.“, so Meseth. „Es sind zwar Polarisierungstendenzen in den Daten erkennbar, allerdings kann weder die Intensität eingeordnet noch die Frage der Kausalität beantwortet werden. Ein Großteil der erkennbaren Muster kann durch natürliche Neigung des Menschen erklärt werden, sich für bestimmte Meinungen und Themen stärker zu interessieren als für andere. Daran sind aber nicht die sozialen Medien schuld.“

Versachlichung des Dialogs zwischen Landwirt und Verbraucher

Stefanie Strotdrees, Landwirtin und Vizepräsidentin Bioland e. V., stellt den „Dialog mit breiten Verbraucherschichten“ an oberste Stelle. Es geht ihr vor allem darum, extreme Meinungen zu filtern und sachlich zu diskutieren. „Landwirte sollen ihre oft eingenommene Opferrolle aufgeben und stärker in den Dialog treten“.

Prof. Dr. Thomas Blaha, stellvertretender Vorsitzender der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz e. V., stellte fest, dass die mediale Diskussion über die moderne Landwirtschaft zunehmend plakativ und aggressiv geführt wird, ohne wechselseitigen Respekt. Blaha rief zum Umdenken auf: „Wir müssen unser schwarz-weiß Denken“ aufgeben und fordert in dem Zusammenhang eine „multilaterale öffentliche Debatte“, moderiert durch die Politik, die „dieser Aufgabe allerdings überhaupt nicht nachkommt“, so Blaha.

Nadine Henke, Tierärztin und Agrarbloggerin aus Bruchhausen-Vilsen, erzählte den Teilnehmer*innen von ihrem „Blogger-Alltag“. „Es kostet Mut, Überwindung, Zeit und Geduld seine Komfortzone zu erlassen und sich auch kritischen Diskussionen zu stellen“, so Henke. „Leider bieten die sozialen Medien auch eine gewisse Anonymität, was den sogenannten ‚Hatern‘ eine gute Plattform bietet“.

Opferrolle aufgeben - den Dialog suchen

Thomas Fabry ist studierter Landwirt, zertifizierter Social-Media-Manager der Social-Media-Akademie und selbstständiger Filmemacher. Fabry erzählte von seinem Roadtrip mit einem VW Käfer durch Deutschland. Zusammen mit Annika Ahlers wollten die beiden Junglandwirte den Dialog zwischen Stadt und Land herstellen. „Sachliche Erklärungen sind ein guter Weg die Menschen vor Ort mitzunehmen“, so Fabry. Auch die Einladung zur Hofbesichtigung sieht Fabry als einen guten Weg in einen faktischen Austausch zu treten.

Dies bestätigte auch Desiree Heijne vom Wissenschafts- und Informationszentrum Nachhaltige Geflügelwirtschaft (WING). Sie berichtete von einem Transparenzprojekt der Geflügelwirtschaft, welches seit 2012 den kritischen Diskurs begleitet und die Öffentlichkeit in Geflügelställe einlädt.

Olaf Hermann, Leiter Online-Kommunikation vom Forum Moderne Landwirtschaft e.V., stellte klar, dass der Landwirt gemocht wird, während die moderne Landwirtschaft mit Skepsis betrachtet wird. Diese Meinung vertritt auch Steffen Bach, freier Journalist. Dies sei nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass die Distanz zwischen Landwirten und Verbrauchen stetig wächst, daher Hermanns Appell: „Wir müssen reden! Um die Wertschätzung für die moderne Landwirtschaft zu erhöhen, bedarf es der Stärkung des Dialogs zwischen Landwirten und Verbrauchern.“

Simon Lütkenhaus vom Verein Land.Schafft.Werte. sprach davon, dass eine Verbesserung des Images nicht von heute auf morgen möglich sei („Langer Atem“) und dass es neue, vielfältige Ansätze braucht („Hauptsache frisch“). So kam es auch, dass der Verein beim Münster Marathon mit einem Viehtransporter einschließlich lebenden Schweinen den Dialog mit interessierten Bürger*innen suchte oder auf der Internationalen Grünen Woche 2019 eine halbe Schweinehälfte vor Publikum zerlegte. „Beide Aktionen waren sehr erfolgreich und kamen sehr gut an“, so Lütkenhaus.

Dr. Kremer-Schillings (Bauer Willi), Landwirt und Agrarblogger, fasste zum Schluss noch einmal zusammen: „Landwirte müssen aus ihrer Filterblase raus“. Er betonte, dass man den Dialog nicht als Kampf verstehen sollten: „Es geht nicht darum recht zu haben, sondern miteinander respektvoll zu diskutieren und ein echtes Interesse an der Meinung des Gegenübers zu haben.“ (Uni-Vechta)

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