Thüringen: Impulse für "Grüne Infrastruktur"

Gute Stimmung beim traditionellen Neujahrsempfang der grünen Verbände in Thüringen.

21. Neujahrsempfang der grünen Verbände in Thüringen. Bild: Maik Schuck.

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Grün gibt wichtige Impulse. Grün ist sinnlich erlebbar, und nicht zuletzt nach einer erfolgreichen Landesgartenschau in Apolda mit über 350.000 Besuchern war die Stimmung eines sehr zufriedenstellendes Vorjahres auch beim traditionellen Neujahrsempfang der grünen Verbände in Thüringen spürbar. Die Landesverbände von bdla, DGGL und FGL hatten wieder in den Kanonenhof im Deutschen Gartenbaumuseum geladen, und rund 150 Menschen folgten der Offerte. Wie schon in den vergangenen Jahren wurde der Empfang von der Baumschule Lorberg, Rinn Beton- und Natursteine sowie der Leipziger Leuchten GmbH finanziell unterstützt.

2017 war insofern ein besonderes Jahr für die Branche, als dass von der Bundesregierung mit einem Programm zur Städtebauförderung "Zukunft Stadtgrün" den Ländern und Kommunen insgesamt 50 Mio. Euro zur Verfügung gestellt wurden. Auf Thüringen entfielen 2,8 Mio. Euro, die von der Landesregierung um weitere zwei Millionen Euro ergänzt wurden. Um die Verwendung und um aktuelle Sichtweisen auf die „grüne Infrastruktur“ in Thüringen ging es in einer Podiumsdiskussion. „Ziel der Veranstaltung ist es, noch aktiver die Zusammenarbeit zwischen den Landschaftsarchitekten und Verkehrplanern, Bauingenieuren, Wasserbauern oder Land- und Forstwirten zu intensivieren“, sagte der Thüringer bdla-Vorsitzende Wolfram Stock in seinem Grußwort. „Nur so kann sowohl beim Umbau des vorhandenen Siedlungsraumes in Thüringen als auch in der noch freien Kulturlandschaft durch kluge und vernetze Konzeptionen aller Planungspartner höchste Qualität erzielt werden - und die beginnt immer bei einer guten Aufgabenstellung.“

Moderiert wurde die Podiumsdiskussion von dem Weimarer Stadtplaner Ingo Quass. Mit dem Gespräch sollte dem Diskurs erneut größere Aufmerksamkeit geschenkt werden. Es ging um unterschiedliche Perspektiven auf das komplexe Thema. Matthias Herbert vom Bundesamt für Naturschutz Außenstelle Leipzig, thematisierte in seiner Einführung die Begriffserklärung „Infrastruktur“ und wies darauf hin, dass der politische Begriff der „grünen Infrastruktur“ mit einer Mitteilung der EU-Kommission vor fünf Jahren geprägt wurde. Definiert wird der Begriff als ein strategisch geplantes Netzwerk aus natürlichen und naturnahen Flächen, die der Gesellschaft mit seinen Ökosystemleistungen dient und ländliche und urbane Räume mit einschließt. Das Bundesamt für Naturschutz hat ein Bundeskonzept vorgelegt, um den Begriff „Grün“ zu stärken. „Uns ging es dabei um ein länderübergreifendes, grenzüberschreitendes und europaweites Gedankengebilde, das auch datenmäßig zusammengefasst werden muss. Das ist mir wichtig, dass Daten vorgehalten werden, die wir für die strategische Planung jederzeit mit Inhalt ausfüllen können“, so Herbert.

Thomas Bleicher steht für eine stärker praxisorientierte Perspektive. Als Landesvorsitzender des DGGL-Thüringen, Leiter des Bau-, Grünflächen- und Umweltamtes Weimar sowie langjähriger Sprecher der Gartenamtsleiterkonferenz Thüringen hat er vielfältige Erfahrungen gesammelt. In seinem Beitrag beschrieb er die zunehmend heftigeren Verteilungskämpfe bei städtischen Haushaltsaufstellungen. Kommunikation ist laut Bleicher ein nicht zu unterschätzendes Gut. „Damit meine ich nicht nur das Reden, sondern auch das Zuhören“, so Bleicher. Er plädierte dafür, immer auf die Kollegen, die beim Bauen beteiligt sind zuzugehen, seien es Architekten, Ingenieure, Städtebauer oder Straßenplaner. Und er machte an einem Beispiel deutlich, wie schnell man wichtige Zeit und Kraft verlieren kann. „Wir verarbeiten derzeit, nicht weil wir langsam sind, Hochwassermittel aus dem Hochwasser-Jahr 2013. Wir sind nun im Jahr 2018. Wenn nicht an der Förderpolitik der Abwicklung dieser Mittel etwas getan wird, ist die Natur tot, bevor die Mittel da sind. Wir müssen diese Prozesse dringend der Geschwindigkeit der Umweltveränderungen anpassen“, kritisierte Bleicher vor allem in Richtung Politik.

Der Thüringer bdla-Vorsitzende Wolfram Stock erzählte Beispiele, wie schwer es Planer haben, wenn fachliche Kompetenz in einer Einbahnstraße landet. So konnte er sich bei einer Ausschreibung eines Ingenieursbüros für einen Zentralen Omnibusbahnhof nicht gemeinsam mit einem Verkehrsplaner bewerben, was die gestalterische Arbeit im Team erleichtert hätte. „Da ist noch viel an Aufklärungsarbeit zu leisten, um zu erläutern, dass man gemeinsam von vornherein bessere Lösungen anbieten könnte“, sagte Stock. Ein anderes Beispiel war die Forderung von leitungsfreien Wurzelraumkorridoren bei einer Alleengestaltung einer großen Ausfallstraße. Auch hier stieß der Planer auf große Ungläubigkeit, die mit fehlendem Geld beantwortet wurde. Sein Fazit aus der täglichen Praxis: „Ich würde mir Handlungsrichtlinien wünschen, wo auch von ministerieller Seite gesagt wird, wenn wir wirklich in Städten wichtige Straßen umbauen, dann haben wir das Geld auch für eine solche, wichtige Forderung. Sonst kann man das lassen. Grüne Infrastruktur muss in allen Prozessen des Bauens Normalität werden.“

Einen anderen Blick hatte die Professorin Gesa Königstein von der Fachhochschule Erfurt. Sie erklärte, dass die grüne Infrastruktur bereits eine wichtige Rolle bei der Lehre spielt. „Die Komplexität der Themen ist sehr hoch, aber wir sind gut und vor allem breit in verschiedenen Fachrichtungen aufgestellt. Das bedeutet, dass wir aktuelle Aufgaben interdisziplinär behandeln können“, so Königstein. „Grüne Infrastruktur sollte immer gesamtstädtisch betrachtet werden. Deshalb wird an der Hochschule die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit der Stadt und Raumplanung kontinuierlich angeboten.“ Zudem probieren sich Lehrende wie Studierende immer auch mit neuen praktischen Konzepten aus. So gibt es Workshops an konkreten Orten mit konkreten Fragestellungen oder Summerschool-Veranstaltungen. „Das führt zu einer Transdisziplinarität. Die Lehre in der realen Lebenswelt führt zu noch stärkeren Synergien.“

Spannend bei der Veranstaltung war die Sicht der Ministerien auf das Thema. Mit der Städtebauförderung des Freistaates Thüringen und den zusätzlichen Bundesmitteln ergeben sich neue Ansätze für die grüne Infrastruktur. Dr. Klaus Sühl, Staatssekretär im Ministerium für Infrastruktur und Landwirtschaft, erklärte, dass im Freistaat in den vergangenen 25 Jahren 3,2 Mrd. Euro Landes- und Bundesmittel in den Städtebau Thüringens geflossen sind. Aktuell beteiligt sich der Freistaat pro Jahr mit 100 Mio. Euro am klassischen Städtebau. „Wir haben immer darauf geachtet, dass die Parks mitgedacht werden, nicht nur graues, sondern auch grünes Denken und Gestalten. Das spiegelt sich auch im Konzept der Landesgartenschauen mit seiner integrierten Stadtentwicklung.“ Das Bund-Länder-Programm „Zukunft Stadtgrün“ ist für Sühl ein wichtiger Impuls ins Land hinein. Aktuell werden sechs Projekte gefördert. „Wir sind noch nicht da, wo wir gemeinsam hin wollen. Nicht nur Stadtentwicklungs-, sondern grünes Stadtentwicklungskonzept ist die Aufgabe, die wir entwickeln müssen.“

Olaf Möller, Staatssekretär im Thüringer Ministerium für Umwelt, Energie und Naturschutz, beschränkte sich in seiner kurzen Antwort auf das Verhältnis von „Klimaschutz“ und „grüner Infrastruktur“. Stressresistente Pflanzen spielten bei seinen Überlegungen ebenso eine Rolle wie die Bereitstellung von Retensionsräumen und Versickerungsflächen. „Der Zusammenhang wird an Bedeutung zunehmen und das alles muss in zukünftigen Planungen mitgedacht werden. Ich sehe aber auch eine Chance, die Synergieeffekt zwischen Klimaanpassung und den Erholungswert der grünen Infrastruktur zusammenzuführen. Die Städte brauchen mehr Stadtgrün und Freiflächen, die Schutz bieten.“

Auf der Veranstaltung gab es auch vier Ehrungen. Zum einen wurde der langjährige Geschäftsführer der Fördergesellschaft Landesgartenschauen Hessen und Thüringen, Detleff Wierzbitzki, verabschiedet. Nach über 27 Jahren und zehn Landesgartenschauen in beiden Bundesländern wechselt Detleff Wierzbitzki als Projektleiter für den Verband GaLaBau Baden-Württemberg zur BUGA Heilbronn 2019. In seiner Laudatio lobt der ehemalige Referatsleiter des Ministeriums für Landwirtschaft, Naturschutz und Umwelt, Wolfgang Altmann, das ausdauernde Engagement von Detleff Wierzbitzki. „Ohne das Know-how der Fördergesellschaft wäre vieles nicht möglich gewesen. Wierzbitzki war stets ein starker Interessenvertreter der grünen Verbände sowie ein verlässlicher Partner für die Kommunen und das Land“, so Altmann.

Zum anderen wurden die Macher der drei besten Schaugärten auf der Landesgartenschau 2017 Apolda prämiert. Zum „Schönsten Schaugarten der LGS Apolda“ wurde der Beitrag mit dem Titel „Ein Wohnzimmer im Grünen“ gewählt. Gemeinsam mit den Planern von My-STiLart Gartenplanung aus Bad Klosterlausnitz schuf das Team von Uli Rosenkranz Garten- & Landschaftsbau aus Eisenberg einen Wohngarten mit modernen Gestaltungselementen und einer zeitlosen Bepflanzung. Zwei der drei Preisträger entstanden in gemeinsamer Planung und Bau von Landschaftsarchitekten und Garten- und Landschaftsbau-Betrieben. FGL-Präsident Jens Heger betonte, dass es auch für die BUGA Erfurt 2021 erste Interessenten für die Themen- bzw. Schaugärten gibt. Für den Thüringer bdla-Vorsitzenden Wolfram Stock steht fest, dass die BUGA 2021 und die nächste Landesgartenschau 2024 weitere Impulse setzen werden. „Impulse für die Besucher, die nicht nur aus Thüringen kommen und Impulse für die Städte und das Umland und für viele junge Menschen, die die Berufsbilder von Gartenbau und Landschaftsarchitektur näher gebracht bekommen. Aber es geht eben nicht nur um zukünftige Leuchtturmprojekte. Fachübergreifende Planung muss auch im täglichen Geschäft die Regel werden.“ (bdla)

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