Schweiz: Dem Jordanvirus auf der Spur

Das Jordanvirus ist eine neue Bedrohung für die Schweizer Landwirtschaft – insbesondere für Tomaten und Paprika.

In einem speziell abgesicherten Quarantänelabor untersuchen Forschende die Pflanzenproben auf das Jordanvirus. Bild: Denise Altenbach/Agroscope.

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Agroscope nimmt bei der Bekämpfung dieses Quarantäneorganismus in der Schweiz eine Schlüsselrolle ein. Eine neu geschaffene Forschungsgruppe diagnostiziert im Quarantänelabor die eingereichten Pflanzenproben mittels PCR-Test. Bei positivem Befund sind harte Maßnahmen nötig, um eine Verbreitung zu verhindern und Schäden einzugrenzen: Kürzlich musste am Flughafen Zürich eine Lieferung mit 6.000 Jungpflanzen komplett vernichtet werden.

Aus diesem Stoff sind Filme gemacht: Eine Lieferung von rund 6.000 Tomaten-Jungpflanzen erreicht per Flugzeug die Schweiz. Inspektoren und Inspektorinnen des Eidgenössischen Pflanzenschutzdienstes (EPSD) entnehmen einzelne Pflanzen und schicken sie an Agroscope nach Changins (VD). In einem speziell abgesicherten Quarantänelabor untersuchen Forschende die Pflanzenproben auf das Jordanvirus. Am Folgetag liegt das Resultat mit dem nachgewiesenen Jordanvirus vor. Agroscope meldet das Resultat unverzüglich dem EPSD. Dieser verfügt, dass die Lieferung am Flughafen komplett vernichtet werden muss.

Weltweiter Handel nimmt zu

Oben beschriebener Fall ist kein Einzelfall mehr. Mit dem weltweiten Handel von Saat- und Pflanzgut nehmen die neuen Schädlinge in der Schweiz zu. Letztes Jahr wurde das Jordanvirus erstmals auf importierten Pflanzen in der Schweiz entdeckt. Im 2022 hat Agroscope bisher drei Importe untersucht, wovon zwei positiv waren. "Es ist ein Kampf gegen die Zeit", meint Denise Altenbach, Leiterin der Forschungsgruppe Molekulare Diagnostik für geregelte Pflanzenschadorganismen. "Wir müssen die Resultate der molekularen Tests spätestens 48 Stunden nach Erhalt der Pflanzenproben an den EPSD am Flughafen schicken. Fehler können wir uns nicht erlauben. Es muss verhindert werden, dass infizierte Jungpflanzen in Produktionsbetrieben und in den Hausgärten landen". Das Team rund um Denise Altenbach wurde extra für solche Analysen im November 2021 bei Agroscope neu geschaffen. Es ist noch im Aufbau und wird weiter aufgestockt.

Bis zu 1.000 Stichproben geplant

Der EPSD, und mit ihm der Agroscope Pflanzenschutzdienst, arbeiten bei der Bekämpfung des Jordanvirus eng mit den Kantonalen Pflanzenschutzdiensten (KPSD) zusammen. Ein Trio, das gut funktioniert, um eine Verbreitung des ansteckenden Virus zu verhindern. Dieses Ziel kann nur erreicht werden, wenn man das Virus frühzeitig erkennt. Dieses Jahr sind bis zu 1.000 Stichprobenkontrollen beispielsweise in Tomaten- und Paprikaproduktionsbetrieben sowie in Gärtnereien oder Gartenzentren geplant. Dazu kommen die nicht planbaren Einsätze wie bei oben beschriebenem Import.

Auch Drainagewasser wird untersucht

Auch das Drainagewasser aus Gewächshäusern wird auf das Jordanvirus untersucht. Dieses Vorgehen wird auch beim Coronavirus mit dem Abwasser aus Kläranlagen angewendet. Fällt eine Stichprobe positiv aus, beispielsweise in einem Produktionsbetrieb, kann die Fruchternte unter strengen Hygienemassnahmen weitergeführt werden. Dies, weil Experten das Risiko einer Verbreitung durch Früchte als gering einschätzen und der Schaden für die Produzenten unverhältnismässig groß wäre. Nach Saisonende müssen alle Pflanzen verbrannt und alle betroffenen Gewächshäuser inklusive Bewässerungskreislauf dekontaminiert werden.

Internationaler Austausch ist wichtig

"Wir versuchen, die Landwirtschaft vor dem Virus zu schützen", erklärt Denise Altenbach ihre Aufgabe im Kampf gegen das Virus, das für Menschen ungefährlich ist. "Ähnlich wie bei Grippe und Covid-19 ist es allein anhand der Symptome nicht immer einfach, einen Befall mit dem Jordanvirus von anderen Viren zu unterscheiden. Erst unsere molekularen Tests klären, ob es sich um das Jordanvirus handelt oder nicht". Ein weiteres Puzzleteil in der Bekämpfung des Jordanvirus ist der internationale Austausch, an dem sich Agroscope beteiligt. So können die Schweizer Experten/innen von den Erfahrungen aus anderen Ländern profitieren, die schon länger mit dem Jordanvirus zu kämpfen haben.

Hintergrundinformationen

Das Jordanvirus (Tomato Brown Rugose Fruit Virus, ToBRFV) ist 2021 erstmals in der Schweiz nachgewiesen worden - in einem Thurgauer Tomatenproduktionsbetrieb. Diese Pflanzenkrankheit befällt Tomaten und Paprika, weitere Wirtspflanzen auf dem Feld oder in der Umwelt sind derzeit nicht bekannt. Ertragsausfälle bis zu 100% sind möglich. Das Jordanvirus ist sehr ansteckend. Es überlebt lange auf Pflanzenresten, im Boden und in Gewächshäusern. Als Quarantäneorganismus ist das Jordanvirus melde- und bekämpfungspflichtig und wird von den Eidgenössischen- und den Kantonalen Pflanzenschutzdiensten überwacht. (Agroscope)

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