Hochstamm-Obstbäume: Rückgang verlangsamt sich

Die schlechte Nachricht: Der Bestand an Hochstamm-Obstbäumen sinkt in der Schweiz weiter. Die gute Nachricht: Der Rückgang hat sich verlangsamt.

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Die schlechte Nachricht: Der Bestand an Hochstamm-Obstbäumen sinkt in der Schweiz weiter. Die gute Nachricht: Der Rückgang hat sich verlangsamt. In Regionen, wo hauptsächlich Äpfel und Birnen angebaut werden, sind die Verluste geringer als in Steinobst-Regionen.

Über 1,6 Millionen Hochstamm-Obstbäume prägten im Kanton Bern im Jahr 1961 die Landschaft. Seither kennt die Entwicklung nur eine Richtung: nach unten. Mit einem Minus von 32% war der Rückgang von 1961 bis 1971 besonders groß. In den 1970er Jahren nahm der Bestand um 25 und in den 1980er Jahren um 16% ab. Und zwischen 1991 und 2001 verschwanden nochmals 204.600 Bäume, was einem Minus von 28% entspricht. Wie es heute um den Hochstamm-Bestand im Kanton Bern steht, kann zwar nicht mit letzter Sicherheit gesagt werden. Denn das Bundesamt für Statistik hat die früher im 10-Jahres-Rhythmus durchgeführten Obstbaum-Erhebungen aus Kostengründen per 2001 eingestellt. Bekannt ist aber die Anzahl Bäume, die auf Landwirtschaftsbetrieben stehen. Und das sind immerhin 85% des Gesamtbestandes, wie man aus früheren Erhebungen weiss. Die Fachstelle für Obst und Beeren des Kantons Bern hat aufgrund dieser Datenlage eine Schätzung des Bestandes vorgenommen. Resultat: Im Kanton Bern gab es im Jahr 2011 rund 490.600 Hochstamm-Obstbäume. Verglichen mit 1961 entspricht dies zwar einem Minus von 70%. Die gute Nachricht: Die Reduktion hat sich im letzten Jahrzehnt massiv verlangsamt. Gegenüber 2001 nahm der Bestand "nur" um 4,8% ab. Betrachtet man nur die Bäume, für die Bauern Direktzahlungen erhalten, beträgt die Abnahme lediglich 1,3%. Im letzten Jahr hat gar eine Trendwende stattgefunden, nahm doch der Bestand erstmals wieder zu – um rund 2.400 Bäume. Grund dafür dürfte der vermehrte Anbau von pflegeleichten Nussbäumen sein.

Auch in anderen Kantonen
Der Rückgang des Hochstamm-Bestandes verlangsamt sich nicht nur in Bern. Der Trend zeigt sich auch in anderen Kantonen. Im Kanton Zürich verschwanden zwischen 1991 und 2001 noch 21% der Bäume. Im letzten Jahrzehnt waren es lediglich 9%. Im Thurgau, einem bedeutenden Obstbaugebiet, verschwanden im gleichen Zeitraum ebenso 9% der Bäume, im Kanton Solothurn waren es acht und in Luzern 7,5%. Betrachtet man nur die Jahre 2009 bis 2011 hat im Kanton Luzern die Anzahl Hochstammbäume gar um 6.350 zugenommen.

Beiträge zeigen Wirkung
Die Entwicklung der Hochstamm-Bestände hängt von vielen Faktoren ab. So spielt das Auftreten des Feuerbrandes eine entscheidende Rolle. Bern verzeichnete nicht zuletzt deshalb eine derart niedrige Abnahme, weil das gefährliche Bakterium wenig auftrat im letzten Jahrzehnt. Anders in Luzern, wo 2007 rund 13.000 Bäume Opfer des Feuerbrands wurden.

Dass sich der Rückgang in den letzten Jahren verlangsamt hat, hängt maßgeblich mit den Beiträgen des Bundes zusammen. Seit 1993 unterstützt der Bund Hochstammobstbäume im Rahmen des ökologischen Ausgleichs. 15 Franken erhält ein Bauer pro Baum. 2001 wurde zudem die Ökoqualitätsverordnung (ÖQV) eingeführt, mit der die ökologischen Ausgleichsflächen qualitativ verbessert und vernetzt werden sollen. Bauern, die bei diesem Programm teilnehmen, erhalten bis zu 50 Franken.

In den letzten Jahren ist die Anzahl derjenigen Bäume, für die ein Bauer mehr als nur den Basisbetrag von 15 Franken kassiert, kräftig angestiegen. Im Kanton Luzern hat sich beispielsweise deren Anzahl innerhalb von 10 Jahren von 20.448 auf 109.414 mehr als verfünffacht. Damit gibt es für knapp jeden zweiten beitragsberechtigten Hochstammbaum in Kanton Luzern mehr als nur 15 Franken. Und je höher der Betrag, desto eher bleibt ein Hochstammbaum auf dem Feld stehen.

Markt ist entscheidend
Die vom Bund gesetzten Anreize sind indes nur die eine Seite der Medaille. Die andere ist der Markt. Und der meint es mit dem Hochstamm-Obst nicht allzu gut. Als Tafelfrucht ist Hochstamm-Obst kaum noch gefragt. Bleibt nur noch die Verarbeitung, wo jedoch für die Bauern weniger Geld rausspringt. Hier liegt das Problem: Die Pflege von Hochstammbäumen und die Ernte der Früchte sind zeit- und damit kostenintensiv. Oft decken daher die erzielten Preise die Kosten nicht. Stimmt die Wirtschaftlichkeit nicht, werden Bäume nicht mehr gepflegt und letztlich gefällt. Diesbezüglich sieht die Situation beim Kernobst besser aus als beim Steinobst. Äpfel und Birnen lassen sich zu Most verarbeiten. Die Nachfrage ist vorhanden. So konnten im letzten Jahr trotz Großernte sämtliche Früchte verarbeitet werden. Anders sieht es beim Steinobst aus. Seit dem Abschluss des zweiten bilateralen Abkommens im Jahr 2005 bläst den Kirschenproduzenten ein rauer Wind entgegen. Denn diese Verträge führten zu einer Aufhebung des Grenzschutzes für Konservenkirschen, womit sich der Wettbewerb markant verschärfte. Die Konfitürenverarbeiter können seither die preiswerteren ausländischen Früchte zollfrei einführen – zum Nachteil der Schweizer Konservenkirschen. Diese verloren in den letzten Jahren denn auch Marktanteile. Kaum besser sieht es bei den Zwetschgen aus. In dem Masse wie die Nachfrage nach Hochstamm-Steinobst schrumpft, schrumpft auch der Baumbestand – trotz finanziellen Beiträgen des Bundes.

Baselland: Baum-Reihen lichten sich weiter
Das zeigt sich im Baselbiet. Der Halbkanton weist nicht nur schweizweit die höchste Hochstamm-Dichte auf, er ist gleichzeitig auch einer der bedeutendsten Kirschen- und Zwetschgen-Anbaugebiete der Schweiz. Auf rund 75% der Hochstammbäume wächst Steinobst (in Bern sind es nur rund 35%). Während sich in den oben erwähnten Kantonen der Rückgang der Hochstämmer im letzten Jahrzehnt im einstelligen Prozentbereich bewegte, lichten sich die Baumreihen im Baselbiet auf hohem Niveau weiter. 22.129 beitragsberechtigte Bäume sind in den letzten zehn Jahren verschwunden. Das entspricht einem Minus von 15%. Immerhin: Auch im Baselbiet hat sich der Rückgang verlangsamt. Von 1991 bis 2001 hat der Baumbestand noch um 34,5% abgenommen. (lid)

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