GalaBau: Die Abkehr von der steinernen Stadt

Die 37. GalaBau-Fachtagung am 7. Februar in der Handwerkskammer Hamburg stand mehr denn je im Zeichen des Klimawandels und seiner Folgen für den urbanen Lebensraum.

Bei der GaLaBau-Fachtagung 2020 diskutierten 290 Experten und Entscheider aus der Stadtplanung, „Grünen Branche“ und Politik über eine nachhaltige grüne Stadtentwicklung und die Folgen des Klimawandels für den urbanen Lebensraum. Bild: Kottich/FGL HH.

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Seit 37 Jahren ist die GalaBau-Fachtagung des Fachverbands Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau Hamburg e. V. (FGL HH) Impulsgeber und Diskussionsplattform für eine grüne, nachhaltige Stadtentwicklung. Die 37. Fachtagung am 7. Februar in der Handwerkskammer Hamburg stand mehr denn je im Zeichen des Klimawandels und seiner Folgen für den urbanen Lebensraum. Die Botschaft: Um die Klima-Problematik in den Städten positiv beeinflussen und abmildern zu können, muss die historisch gewachsene Vorstellung einer „steinernen Stadt“ und die hiermit verbundene Trennung von Natur und Architektur endgültig abgelöst werden.

Zu Beginn der GaLaBau-Fachtagung fand der Vorsitzende des FGL HH, Thomas Schmale, mahnende einleitende Worte: „Hamburg gilt als grüne Metropole, aber seit Jahren zitieren wir immer wieder dieselben Probleme: Flächenkonkurrenz, Klimastress und Pflegemängel. Und leider finden wir kaum Verbesserungsansätze im derzeitigen Klimaplan der Stadt.“ Aus diesem Grund, so Schmale weiter, hätten sich die fünf führenden Grünen Verbände Hamburgs zur Initiative „Green 5“ zusammengeschlossen und zur Wahl ein gemeinsames Forderungspapier an die Hamburger Fraktionen und zuständigen Senatoren geschickt. „Das Papier vereint zentrale Anregungen, mit denen wir den Gründefiziten der Stadt Hamburg entgegenwirken können“, sagte der Vorsitzende und nannte einige Beispiele: „Hamburg hat seit Jahren eine negative Baumbilanz. Wo andere Bundesländer wie Schleswig-Holstein rapide aufforsten und die Menschen mit Initiativen wie dem Einheitsbuddeln zu Baumpflanzungen animieren, schafft es Hamburg nicht einmal, seine bestehenden Bäume zu erhalten.“ Natürlich, so Schmale weiter, müsse Hamburg verdichten, um wachsen zu können. „Für eine zukunftstaugliche Stadtentwicklung benötigen wir aber auch Grün- und Freiflächen, die hochwertig wie nachhaltig gestaltet, gebaut und gepflegt werden. Wie andere Städte könnte auch Hamburg einen bestimmten Anteil aller Bauareale für diese Flächen vorsehen. Stattdessen findet sich im Hamburger Klimaplan bis auf bereits initiierte Projekte keine einzige Klimaschutzmaßnahme, die sich mit Grün oder Pflanzen befasst“, so Schmales Kritik vor den 290 anwesenden Experten und Entscheidern aus der Stadtplanung, „Grünen Branche“ und Politik.

Stadtplanung „grün“ denken

Bekräftigt wurde der Vorsitzende des FGL HH von der Hamburger Stadtplanerin und Architektin Alexandra Czerner: „Die begonnene Klimakatastrophe ist in wachsenden Städten mit allen Folgen für die Flora und Fauna deutlicher spürbar als im ländlichen Raum. Überall dort, wo in Städten Hitze, CO² und Feinstaub entstehen, braucht es direkt vor Ort Kühlung, Filterung und die Umwandlung von CO² in Sauerstoff“, erläuterte die Referentin. Zur lebensnotwendigen Klima-und Luftverbesserung benötigten hochverdichtete Stadtstrukturen viel mehr Grünflächen. „Um dies zu erreichen, ist es zwingend notwendig, die Vorstellung von Stadt in unseren Köpfen umzubauen und alle Bausteine in Architektur und Stadtplanung ´grün` zu denken. Eine grundlegende Natur-durchwachsenheit ist nötig, um den Lebensraum Stadt langfristig wieder gesünder zu gestalten“, folgerte die Expertin. Zu Czerners konkreten Forderungen zählt neben einer Verkehrsreform mit umfassenden Mobilitätskonzepten die bundesweite gesetzliche Verankerung einer vorgeschriebenen Grünflächenzahl für alle Gebäude und alle Straßenräume. Darüber hinaus sprach sich die Referentin dafür aus, Grenzbebauungen, also die Errichtung von Häusern ohne Grünzone zwischen Haus und Bürgersteig, künftig durch entsprechende Regelungen zu verhindern. Versiegelte Flächen in der Stadt müssten außerdem konsequent aufgebrochen und klimaintensiv begrünt werden, um die Naturnähe zum Schutz der Gesundheit der Bevölkerung zu stärken.

Nachhaltige Alternativen: „Klimabäume“ als Insekten-Heimat und naturnahes Grün

Sind heimische Baumarten die geeignetsten Habitate für unsere urbane Insektenfauna? Oder erfüllen stresstolerante, klimafeste Baumarten aus Südeuropa und Asien diese Funktion ebenso gut oder gar besser? Über die Forschungsergebnisse des Projektes „Stadtgrün 2021“ berichtete Dr. Susanne Böll von der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau in Veitshöchheim. Es ist die erste Studie, in der die Artenvielfalt von Insekten und Spinnen in den Baumkronen heimischer und nicht-heimischer Stadtbaumarten vergleichend untersucht wurde. „Die Quintessenz ist, dass ein hoher Individuen- und Artenreichtum auf allen Baumarten zu finden war und sich die heimischen Arten in ihrer Biodiversität nicht von den verwandten südosteuropäischen Arten unterschieden“, sagte die Expertin. Ein Drittel der Insekten- und Spinnenarten sei nur auf heimischen und ein weiteres Viertel nur auf südosteuropäischen Bäumen gefunden worden. Dies bedeute, dass mit Mischpflanzungen heimischer und südosteuropäischer Baumarten eine höhere Artenvielfalt erzielt werden könne als mit der Pflanzung heimischer Monoalleen. „Eine wesentliche Rolle für die hohe Biodiversität der Insekten“, so Böll weiter, „spielt auch der Grünstreifen, in dem die Bäume stehen. Er dient als wichtiger Teillebensraum für eine große Anzahl der erfassten Arten. Auch dies spricht für eine variantenreiche Baumartenwahl und ein konsequentes Anlegen von Grünsteifen in der Stadt.“

Ein Plädoyer für „leben und leben lassen“ hielt Fritz Hilgenstock von Unternehmen hilgenstock naturgarten im schweizerischen Niederuzwill. Der Experte zeigte Beispiele für naturbelassene Gartenanlagen und gab Tipps zur naturnahen Gestaltung von Gärten und Freiflächen. „Viele heimische Wildpflanzen sind unschlagbar nachhaltig, ökologisch sinnvoll, pflegeleicht und kostengünstig. Sie schaffen nicht nur in Privatgärten eine lebendige Artenvielfalt, sondern beleben auch den öffentlichen Raum.“ Allerdings, so Hilgenstock weiter, sei die naturnahe Gartengestaltung im deutschen Normen-Dschungel schwer umsetzbar und mit Hindernissen verbunden. „Dabei geht so Vieles. Man muss es nur wollen und zulassen können“, sagte der Referent und fand damit passende Schlussworte für die vom Klimawandel geprägte GaLaBau-Fachtagung 2020. (GaLaBau)

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