Erfahrungsaustausch: Nützlingseinsatz im geschützten Anbau

Der Nützlingsvertrieb SAUTTER & STEPPER GmbH lud dieses Jahr wieder nach langer Coronapause zum Erfahrungsaustausch "Nützlingseinsatz im geschützten Anbau" am 16.02.23 nach Herrenberg ein.

Rund 70 Zuhörer beim Erfahrungsaustausch "Nützlingseinsatz im geschützten Anbau". Bild: SAUTTER & STEPPER GmbH.

Aus ganz Deutschland reisten Interessenten und Interessentinnen an, um sich auf den neusten Stand zu den Themen biologischer und integrierter Pflanzenschutz zu bringen. Seit Auftreten von Corona konnte der alljährliche Erfahrungsaustausch für die Kunden von SAUTTER & STEPPER nicht mehr stattfinden. Um so größer war die Freude, dass man sich 2023 wieder auf aktuellem Stand rund um die Nützlinge bringen konnte. Ein paar Betriebe konnten aufgrund von Personalmangel die Interessenten nicht freistellen und andere mussten leider absagen. Dennoch kamen ca. 70 Personen zusammen und am Ende konnte er als ein sehr erfolgreicher Tag verbucht werden.

Aktuelle Rechtsgrundlagen im Pflanzenschutz und IPSplus in Schutzgebieten in BW

Frau Dr. Zunker vom LTZ Augustenberg referierte über die Rechtsgrundlagen im Pflanzenschutz. Ein wichtiger und essentieller Teil des Erfahrungsaustausches, da die Veranstaltung eine vom Regierungspräsidium anerkannte Fortbildung für die Pflanzenschutzsachkunde ist, die jede und jeder Sachkundige nach § 9 Abs. 4 PflSchG alle drei Jahre nachweisen muss. Frau Dr. Zunker erklärte alle wichtigen Punkte rund um die neue Verordnung zur nachhaltigen Verwendung von Pflanzenschutzmitteln (SUR), nationale Reduktionsziele und die Umsetzung in BW nach dem Biodiversitätsstärkungsgesetz. Die Verordnung Sustainable Use Regulation „SUR“ wurde nicht ganz unkritisch betrachtet, da die Folgen für die Produktion und Ernährungssicherheit nicht beachtet werden, die Bewirtschaftung stark eingeschränkt wirkt, die Kulturartenvielfalt zurück geht, bei gleichzeitig beschleunigtem Strukturwandel zu großen, spezialisierten Betrieben mit hohem Verwaltungsaufwand. Ein Thema dieses Vortrags war auch das Verbot vom Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und Bioziden in ökologisch empfindlichen Gebieten, welches seit dem 01.01.22 nur in Ausnahmefällen möglich ist. Biostimulanzien sind seit dem 16.07.22 in der EU-Düngeprodukte-Verordnung geregelt, eine zweistufige Wirksamkeitsprüfung muss bestanden werden und diese müssen eine entsprechende Kennzeichnung erhalten. Auch bei den Zusatzstoffen hat sich gesetzlich etwas geändert, da vor dem 14. Februar 2012 nach altem Recht gelistete Zusatzstoffe seit dem 14. Februar 2022 nicht mehr in Verkehr gebracht und angewendet werden dürfen. Frau Dr. Zunker verwies die Zuhörer noch einmal auf die landesspezifischen Vorgaben zum integrierten Pflanzenschutz und die entsprechenden Maßnamenblätter für verschiedene Kulturen, die man auch auf der Homepage des LTZ finden kann.

Phasmarhabditis californica - Nemalsug 2.0

Herr Hoge von der BASF war als Referent eingeladen, um über die neue Nematoden Spezies Phasmarhabditis californica gegen Nacktschnecken zu berichten, die ab März 2023 bei SAUTTER & STEPPER erhältlich sein wird. Herr Hoge gab einen interessanten Einblick in die Produktionsabläufe und die Lebenszyklen der Nematoden und Schnecken. In den dargestellten Versuchen zeigte sich eine 2-fach bessere Wirkung von Phasmarhabditis californica im Vergleich zu Phasmarhabditis hermaphrodita und eine 8-fach bessere Wirkung als Eisenphosphatprodukte und dabei eine nachhaltige Wirkung über 5 Wochen bei 75% Bodenfeuchtigkeit. Der Einsatz von Nematoden gegen Schnecken ist oftmals schwierig, da nur 20% der Nacktschnecken sichtbar sind, während sich 80% im Boden aufhalten und somit der Nützlingseinsatz meist sehr spät erfolgt. Die Nematoden selbst sind ab 5 °C einsetzbar, erreichen aber die beste Wirkung bei höchster Schneckenmobilität bei 15-20°C. Die Nematoden zeigen eine starke Initialwirkung auf die Reduzierung von Schneckenschäden innerhalb weniger Tage und bis zu 100% Schneckensterblichkeit unter optimalen Bedingungen.

Förderung von Nützlingen durch Blühstreifen

Einen interessanten Einblick in alle Aspekte bei der Auswahl von Blumenmischungen, um die Nützlinge zu fördern und zu unterstützen und in die Versuche vom LTZ rund um Blühstreifen und die Nützlingsförderung gab Frau Dr. Dieckhoff vom LTZ Augustenberg. Es werden verschiedene Mischungen angeboten für unterschiedliche Zwecke. Die Schweiz bietet dabei interessante maßgeschneiderte Mischungen für konkrete Probleme z.B. als Gegenspieler für Kohleulen an. Beim Anlegen von Blühstreifen sollten die Abstände zur Kultur und die Windrichtung beachtet werden. Bei Kulturen wie Salat mit kurzen Standzeiten ist es essentiell mehrjährige Blühpflanzen auszuwählen, damit der Effekt des Blühstreifens auch „wirken“ kann. Die wichtigsten Aspekte beim Anlegen von Blühstreifen: der Blühzeitraum der gewählten Mischung muss sich unbedingt mit der Kulturzeit decken, es sollten verschiedene Blütenfarben und -formen eingesetzt werden und man sollte keine Blütenpflanzen wählen, die typischerweise manche Schädlinge der vorhandenen Kultur anlocken (kein Dill bei Möhren einsetzen, da dieser die Möhrenfliege anlockt). Die Lösung sind maßgeschneiderte Blühmischungen!

Bekämpfung von Icerya purchasi durch Rodolia cardinalis im fränkischen Weinbauklima

Einen wahren Erfolgsbericht brachte Herr Schneider, der einen Massenbefall von Icerya purchasi im Gewächshaus und im Freiland bei Zitruspflanzen verzeichnete und nur einmalig zehn erwachsene Rodolia cardinalis einsetzen musste, um schon nach vier Wochen mehrere Adulte und Larven bzw. Puppen an den Hochstämmchen zu entdecken. Bereits zehn Wochen später waren keine lebenden Schädlinge mehr auffindbar, dafür aber mindestens 20 Rodolia Larven pro Containertopf. Seit zwei Jahren ist der Bestand schädlingsfrei. Erfolgreicher kann ein Nützlingseinsatz gar nicht verlaufen!

Thrips erkennen, erklären und bekämpfen

Über die neuen Arten, die sich mittlerweile bei den Thrips verbreiten und etablieren, berichtete Herr Klatt vom Pflanzenschutzdienst der Landwirtschaftskammer NRW, der sich seit vielen Jahren mit Thrips beschäftigt. Bis ca. 1980 waren im Zierpflanzenbau überwiegend Parthenothrips, Heliothrips und Hercinothrips verbreitet. Dann kamen die Frankliniella hinzu und Thrips tabaci. Mittlerweile etablieren sich neue Arten. Herr Klatt zeigte eindrucksvolle Schadbilder als auch Schädlingsbilder. Es treten in einem Bestand innerhalb von kurzer Zeit oftmals sogar unterschiedliche Thripsarten auf, die bestimmt werden sollten, um eine optimale Bekämpfung zu gewährleisten. Die Übertragung von Viren sollte durch Thrips nicht unterschätzt werden, daher ist ein Monitoring essentiell. Ggf. sollte in Erwägung gezogen werden gleichzeitig Insektizide auf biologischer Basis einzusetzen, was durchaus parallel zum Nützlingseinsatz möglich ist.

Neue Insektenarten im Gartenbau – invasive Schädlinge oder nicht bekämpfenswert?

Leider musste Herr Dr. Olaf Zimmermann kurzfristig absagen, weshalb Frau Dr. Zunker einsprang und über Grundsätzliches zu den neuen Insektenarten berichtete mit den aktuell auffälligen Nelkenwicklern und der Bläulingszikade und die Schädlinge Japankäfer und Breitflügelzikaden, die auf uns zukommen werden. Neu ist auch ein Schädling, bei dem das LTZ um Meldungen bittet – Obama nungara. Ein ursprünglich aus Südamerika kommender, bis zu 7 cm langer zu den Landplanarien zählender Strudelwurm, der evtl. für unsere einheimischen Regenwürmer eine Gefahr darstellen könnte. Insgesamt wurde klar, dass das Einschleppen von neuen Schädlingsarten nicht zu verhindern ist und einige Arten auch erst nach Jahren ihr Schadpotential zeigen, weshalb das frühe Erkennen wichtig ist. Die Bürgermeldungen unterstützen dabei zunehmend das LTZ und sind immer willkommen. In der Regel gibt es natürliche Gegenspieler oder Gegenspieler, die sich dem neuen Schädling auch anpassen. Dabei bleibt die Genehmigung zur Freisetzung immer noch diskussionswürdig.

Invasive Stinkwanzen – aktueller Stand und natürliche Gegenspieler

Frau Dr. Dieckhoff vom LTZ Augustenberg brachte die interessierten Zuhörer auf den aktuellen Stand der invasiven Stinkwanzen. Die Grüne Reiswanze und die Marmorierte Baumwanze breiten sich weiterhin aus. Das Auftreten kann durch die herrschenden Wetter- bzw. Klimabedingungen um wenige Wochen verzögert sein. Bei den natürlichen Gegenspielern findet, wie beim Schädling selbst ein Monitoring statt. Dabei konnte festgestellt werden, dass die heimischen natürlichen Gegenspieler nur schlecht an invasive Arten angepasst sind und keine effektive Populationskontrolle darstellen. Bei der Baumwanze kann jedoch auch eine Ausbreitung des Gegenspieler Trissolcus japonicus ebenso festgestellt werden, was für eine zusätzliche Freisetzung sprechen würde. Versuche die Reiswanze mit biologischen Insektiziden zu bekämpfen waren alle nicht erfolgreich.

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