Spaniens Landwirtschaft im Clinch von Mittelmeerkultur und Globalisierung

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Unter dem Druck der Globalisierung und der sinkenden Preise müssen viele Betriebe wachsen oder weichen. Das hat unabsehbare Folgen für die Dörfer und für die Kultur. Die Spanier kämpfen dagegen wie viele andere Bauern: mit Qualitätsstrategien und neuen Ideen.Wer im Sommer an Spanien denkt, sieht weite Sandstrände der Costa Brava oder Costa Dorada vor sich. Welches Bild aber haben wir von der spanischen Landwirtschaft? Endlose Zitrus- und Olivenplantagen, kilometerlange Gemüsefelder? Die Landwirtschaft in der Region von Valencia an der Westküste Spaniens zeigt ein anderes Bild. Da werden Reis, Zitrusfrüchte, Wein, Oliven und Gemüse in überraschend kleinen Einheiten angebaut. Am internationalen Kongress der Agrarjournalisten im spanischen Valencia lernten Journalisten aus aller Welt die mediterrane Landwirtschaft und Lebenskultur kennen.

 

Mediterrane Produkte gefragt

 

Der spanische Landwirtschaftsminister Miguel Arias Canete sieht in der steigenden Nachfrage nach mediterranen Lebensmitteln in Europa eine grosse Chance für die spanische Land- und Ernährungswirtschaft. Vor allem Früchte und Gemüse würden von Ernährungsfachleuten empfohlen. Diese Kulturen werden in Spanien auf über 2 Mio. ha angebaut, über ein Drittel für den Export. Auch die grosse Nachfrage nach Oliven freut Arias. Spanien, der Welt grösster Olivenproduzent, exportiert jedes Jahr über 11 Mio. Hektoliter Olivenöl unter rund 50 Herkunftsbezeichnungen. Der Landwirtschaftsminister ist überzeugt, dass in Zukunft weitere Anstrengungen unternommen werden, um bei der Qualitätsförderung sowie in den Bereichen Marketing und Verkauf weitere Fortschritte zu erzielen. Ähnliche Hoffnungen hegt Arias für den Weinbau, dem fürs ländliche Spanien eine grosse Bedeutung bezüglich Arbeitsplatzbeschaffung zukommt. Diese Hoffnung scheint eine gute Basis zu haben, denn bislang verfügt Spanien mit rund 1,5 Mio. ha über die grösste Rebfläche der Welt. Darauf werden nicht weniger als 500 verschiedene Sorten angebaut.

 

Bauern als Pfeiler der ländlichen Kultur

 

Wie viel Schutz braucht die Mittelmeerlandwirtschaft, um zu überleben? Diese Frage stellt sich nach Gesprächen mit Vertretern landwirtschaftlicher Organisationen. Gemäss Auxiliadora Hernandes, Direktorin der regionalen Landwirtschaftskammer von Valencia hat die junge Generation wenig Interesse an der Landwirtschaft. Die Dörfer im Landesinneren entvölkern sich. Für die Entwicklung der ländlichen Räume wäre es aber wichtig, dass junge Berufsleute an die Zukunft glauben und zupacken. Sie betont, dass heute gegen 90 % der Landwirte in der Region von Valencia einem Nebenerwerb nachgehen , um wirtschaftlich über die Runden zu kommen. Dies wirke kaum motivierend auf die Jugendlichen, die in der Berufswahl stecken, sich für einen grünen Beruf zu entscheiden. Unter dem Druck der Globalisierung und der sinkenden Preise müssen viele spanische Kleinbetriebe ihre Strukturen vergrössern, was unabsehbare Folgen für die Dörfer und für die Kultur haben wird. Nur dank gut organisierten Produktionsgenossenschaften mit rigorosen Qualitätskontrollen ist es möglich, dass unzählige kleine Bauern mit einigen Hektar Fläche Gemüse produzieren und die Ernte gemeinsam vermarkten. Dabei setzen auch die spanischen Produzenten auf Spezialitäten.

 

Niedrige Preise gefährden Nachhaltigkeit

 

Auxiliadora Hernandes ist überzeugt, dass die Handelsliberalisierung der Welthandelsorganisation WTO den Konkurrenzdruck zwischen den Produzentenländern verstärkt. Deshalb müsse sich die spanische Landwirtschaft laufend reformieren. Die Produktion von Qualität sei dabei über alles zu stellen, fordert Hernandes. Damit setzen die Spanier auf dieselbe Karte, wie die Konkurrenz in Italien und Griechenland. Viele Produzenten fühlen sich von Brüssel vernachlässigt. Sie fordern ein klares Konzept zur Förderung der mediterranen Landwirtschaft. Das Agrarmodell der EU müsse umgebaut werden, fordert Eduardo Navarro von der Produzentenorganisation COAG. Auch wenn im Mittelmeerraum - im Gegensatz zu Mitteleuropa - die Strukturen der historischen Landwirtschaft noch weitgehend erhalten geblieben sind, müsse etwas getan werden, sonst sei die Nachhaltigkeit und die Multifunktionalität in Frage gestellt. „Damit wir die Leistungen für den Tourismus, die Pflege der Landschaft und Dörfer gewährleisten können, brauchen wir bessere Preise für unsere Produkte oder Mittel von der EU“, betont Navarro. Spanien könne nicht in Konkurrenz treten mit „Billiglohnländern“. Genossenschaftssekretär Fernando Moraleda doppelt nach: „Auch der Süden gehört zu Europa“ und „die Gemüse- und Früchtebauern erhalten am wenigsten Unterstützung der EU“. Noch mehr missfällt ihm, dass Präsident Bush die amerikanischen Farmer noch stärker unterstützt. Auch die Importsperre der Amerikaner gegen spanische Clementinen wegen angeblichem Befall durch Fruchtfliegen macht die spanischen Bauern wütend. Dies ist nach ihrer Auffassung eine reine Behauptung, ein aufgebauschtes, unfaires Handelshemmnis. Von der Unzufriedenheit der Bauern im Süden Europas hat offenbar auch Agrarkommissar Fischler in Brüssel Wind bekommen.

 

Wasser knapp und Klima rau

 

Neben der Globalisierung der Agrarmärkte bereiten den Bauern in Spanien auch die klimatischen Verhältnisse Schwierigkeiten. Die Böden verfügen vielerorts nur über eine sehr flache Humusschicht und sind zudem nicht sehr ertragsreich, da sie arm an Mineralien sind. Der grösste Nachteil ist jedoch das Klima. Mit nur 600 Millimeter Niederschlag pro Quadratmeter jährlich und hohen Temperaturen das ganze Jahr über ist es eigentlich zu trocken und zu warm für eine ertragreiche Landwirtschaftung. Die moderne Landwirtschaft in Spanien verbraucht daher rund 80 % des verfügbaren Wassers für die Bewässerung der Kulturen.

 

Wassergericht tagt seit 1.000 Jahren

 

Besonders wenn das Wasser knapp wird, kann es Schwierigkeiten in der Verteilung des kostbaren Produktionsmittels geben, das wussten schon die Römer, als sie die ersten Bewässerungskanäle anlegten. Das hat sich in der langen Geschichte der Kulturlandbewässerung nicht verändert. Deshalb existiert in der Stadt Valencia seit dem Jahr 960, also seit über 1.000 Jahren ein Wassergericht, das alle Streitigkeiten rund um die Wasserverteilung regelt. Jeden Donnerstag um 12 Uhr treffen sich im Schatten der Kathedrale im Stadtzentrum acht Richter zur Regelung allfälliger Zwistigkeiten. Die Verhandlungen sind öffentlich und werden in der Regionalsprache geführt. Die Urteile werden mündlich verkündet und sind nicht anfechtbar. Dieses Wassergericht hat sich seit Jahrhunderten bewährt und auch Zeiten der Trockenheit überdauert. Es stellt das Rückgrat für die blühenden Gemüse-, Zitrus- und Reisfelder in er Region von Valencia dar.

 

Auch Reismarkt wird liberalisiert

 

Der Reis - eine Kultur, die buchstäblich auf nasse Füsse angewiesen ist - wurde im Mittelalter nach Spanien gebracht. Von da hat sie sich nach ganz Südeuropa ausgebreitet. In Spanien werden auf rund 110.000 ha Reis angebaut. Italien als grösster Reisproduzent der EU pflanzt doppelt soviel Reis. In Griechenland, Frankreich und Portugal zusammen wächst bloss halb soviel Reis wie in Spanien. Die Öffnung des EU-Marktes für Produkte aus den 48 ärmsten Ländern setzt die Produzentenpreise im Süden Europas unter Druck. Diese Öffnung tritt am 1. September 2009 in Kraft und bringt für die EU-Reisbauern einen Verlust von 1,4 Mrd. Euro. Auch wenn dieser Stützungsabbau in Schritten erfolgt, wird er für kleine Produzenten schwer zu verkraften sein. Der spanische Landwirtschaftsminister Miguel Arias Canete ist überzeugt: „Übergangsfristen vergehen sehr rasch, aber sie sind ein wichtiges Instrument in der Egalisierung und Liberalisierung der Landwirtschaftspolitik der EU-Länder und darüber hinaus.

 

Agrosfera bringt Landwirtschaft in alle Stuben

 

Wenn die EU-Agrarpolitik nicht renationalisiert werden soll, müssen umso mehr die spanischen Konsumenten, als Stammkundschaft im eigenen Land, bei der Stange gehalten werden. Dabei helfen auch die Medien tatkräftig mit. So bringt des nationale spanische Fernsehen auf dem zweiten Kanal TVE 2 jeden Samstag „Agrosfera“ eine einstündige Sendung zu Themen rund um Landwirtschaft und Ernährung. Die Moderatorin Lourdes Zuriaga ist überzeugt, dass es für die Bauern und für die Konsumenten von grosser Bedeutung ist, die Landwirtschaft nicht nur dann zu thematisieren, wenn Lebensmittelkandale in die Schlagzeilen gelangen. Laut einer Umfrage haben spanische Schulkinder folgendes Bild von den Bauern: „Bauern sind ältere Männer, die lächeln, mit Eseln Holz herumtragen und zuhause das Cheminé heizen“. Zuriaga hat in einer Sendung zudem festgestellt, dass Konsumenten in Spanien ein Olivenbäumchen nicht von einem Rebstock unterscheiden können. Auch neue Begriffe wie „Rückverfolgbarkeit der Lebensmittel“ müssen den Konsumenten erklärt werden.

 

Emotionen verkaufen statt Nahrungsmittel

 

Javier Galarza, Chef des Gemüse- und Früchtedepartement bei der Supermarktgruppe Eroski sieht die Zukunft der spanischen Agrarwirtschaft darin, viel mehr veredelte Produkte zu verkaufen oder wenn schon unverarbeitete Produkte, dann gut im Markt positionierte, wenn möglich in höhern Preissegmenten. Auf einen Punkt gebracht formuliert Galarza: „Wir müssen Emotionen verkaufen und vielmehr die Leute faszinieren mit unsern Produkten, anstatt einfach Nahrungsmittel anbieten.“

 

Markus Rediger, LID

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