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Oxfam: Kritisiert Ausbeutung vor unserer Haustür
Saisonarbeiter*innen, die Spargel, Erdbeeren und Gemüse für deutsche Supermärkte ernten, erleben Ausbeutung und schlechte Arbeitsbedingungen: Lohndumping, Wuchermieten und unzureichender Krankenversicherungsschutz sind weit verbreitet. Mitverantwortlich sei der enorme Preisdruck deutscher Supermarktketten auf Bäuer*innen. Das zeigt die neue Oxfam-Studie "'Das hier ist nicht Europa.' Ausbeutung im Spargel-, Erdbeer- und Gemüseanbau in Deutschland".
Anders als für frühere Studien hat Oxfam nicht in Anbaugebieten von Südfrüchten recherchiert, sondern direkt vor der Haustür. Das Ergebnis: Auf deutschen Spargel- und Erdbeerhöfen herrschten unhaltbare Bedingungen. Grundlage der Studie seien eigene Recherchen und ein Bericht des PECO-Instituts, für den Arbeiter*innen bei vier Betrieben interviewt worden seien. Mittels Testkäufen seien diese als Lieferanten deutscher Supermärkte identifiziert worden.
Akkordlöhne und Wuchermieten für Baracken
Die Ergebnisse der Recherche seien laut Oxfarm erschreckend: Löhne würden systematisch gedrückt, viele Arbeiter*innen seien mit einer kaum durchschaubaren Kombination aus Stunden- und Akkordlöhnen konfrontiert und berichten von schwer oder gar nicht erreichbaren Zielvorgaben. „Das sind keine Einzelfälle. Beschäftigte klagen regelmäßig über falsche Angaben bei der Arbeitszeiterfassung, wodurch sie mehr arbeiten müssen, als sie bezahlt bekommen.”, sagt Benjamin Luig von der Initiative Faire Landarbeit. „Zehn Stunden schwere und monotone körperliche Arbeit sind Alltag in der deutschen Landwirtschaft. Aber Lohndumping und massiver Leistungsdruck dürfen kein Geschäftsmodell sein.”
Ein weiteres Problem seien hohe Lohnabzüge. Arbeiter*innen zahlten für einfachste Gemeinschaftsunterkünfte mehr als die Durchschnittsmieten deutscher Großstädte. „Für eine Baracke ohne Küche verlange einer der Betriebe 40 Euro pro Quadratmeter. Die durchschnittliche Kaltmiete in der Münchner Innenstadt liegt bei 23 Euro. Hier werden alle Spielräume, Menschen um ihren gerechten Lohn zu bringen, ausgenutzt“, sagt Steffen Vogel, Oxfam-Referent für globale Lieferketten und Menschenrechte im Agrarsektor. Besonders ein Betrieb in Brandenburg habe sich als skandalös erwiesen: Die Unterkünfte glichen Baracken, in den Zimmern wachse Schimmel. Eine Küche gäbe es nicht, gekocht werde auf mobilen Herdplatten. „Das hier ist nicht Europa.“, resümiert ein befragter Arbeiter. Supermarktgigant Edeka, pries derweil „Unterkünfte mit Hotelcharakter“ an.
Kündigung bei Krankheit
Die Studie belege laut Oxfarm auch die unzureichende Versicherung der Arbeiter*innen. Die meisten hätten keinen umfassenden Krankenversicherungsschutz oder gäben an, gar nicht versichert zu sein. Ein Großteil werde über das Modell der kurzfristigen Beschäftigung angestellt. Für diese Arbeiter*innen schlössen Betriebe meist private Gruppen-Krankenversicherungen ab, die ein weit geringeres Leistungsspektrum als gesetzliche Versicherungen böten. Manche berichteten, dass sie ihre Behandlungskosten selbst bezahlen müssten. Wegen extrem kurzer Kündigungsfristen von bis zu einem Tag käme es vor, dass Arbeiter*innen noch krank oder verletzt die Heimreise antreten würden.
Marktmacht: Ja, Verantwortung: Nein. Supermärkte drücken Preise ins Bodenlose
Die Verantwortung für diese unhaltbaren Arbeitsbedingungen läge nicht nur bei den Betrieben, sondern auch bei den deutschen Supermärkten, die für Spargel, Erdbeeren und Gemüse ruinös niedrige Preise zahlten, so Oxfarm. In Deutschland teilen die Big Four – Edeka, Rewe, Aldi und die Schwarz-Gruppe mit Lidl und Kaufland mehr als 85% des deutschen Lebensmitteleinzelhandels unter sich auf. „Die Supermärkte üben einen brutalen Preisdruck aus“, sagt Tim Zahn, Referent für globale Lieferketten, Menschenrechte und Migration bei Oxfam. „Den Preisdruck geben die Betriebe nach unten weiter: an die Arbeiter*innen auf den Feldern. Und er hat weitere Folgen: Viele kleinere landwirtschaftliche Betriebe geben auf. Die Supermärkte stehlen sich hier seit Jahren aus der Verantwortung, sie müssen endlich dazu gebracht werden, angemessene Preise zu zahlen.“ Oxfam Deutschland und die Initiative Faire Landarbeit fordern deshalb, dass der Einkauf unter Produktionskosten verboten wird. Die Bundesregierung müsse zudem dafür sorgen, dass Saisonarbeiter*innen grundsätzlich sozialversicherungspflichtig beschäftigt würden, unter anderem, damit sie vollen gesetzlichen Krankenversicherungsschutz vom ersten Tag an erhielten. (Oxfam)

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