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Marktgärtnerei: Die Revolution der Gemüseproduktion
Es ist eine Revolution im Kleinen, die inzwischen auch Österreich erfasst hat: Außergewöhnlich kleine Gemüsegärtnereien sprießen vielerorts aus dem Boden und versorgen die umliegende Bevölkerung mit erntefrischem Gemüse direkt aus dem Garten. Was im ersten Moment nach kitschiger Bauernhofromantik klingt, ist ein gut durchdachtes, langerprobtes und überaus erfolgreiches Konzept: Die Marktgärtnerei. Marktgärtnerei steht für eine einzigartig bunte Gemüsevielfalt direkt von Gärtner:innen in der Region. In Handarbeit angebaut, auf gesundem Boden gewachsen und voller Geschmack. Gemüse, so frisch wie aus dem eigenen Garten. Wie der Name schon verrät, ist hier aber kein größerer Hobbygarten gemeint, sondern eine echte kleine „Gärtnerei für den Markt“: Marktgärtner:innen sind professionelle Gemüsegärtner:innen, die ihr Gemüse selbst vermarkten. Ein altbewährtes Konzept, neu gedacht.
Die Prinzipien der Marktgärtnerei gehörten lange Zeit ganz selbstverständlich zur gärtnerischen und gemüsebaulichen Praxis und erlebten bei den Pariser Gemüsegärtnern des 19. Jahrhunderts ihren Höhepunkt. Hier erzielten die Gemüsegärtnereien rund um Paris eine derart hohe Produktivität, dass nicht nur die Pariser Bevölkerung ganzjährig mit Gemüse versorgt werden konnte, sondern sogar Gemüse nach England exportiert wurde. Im Zuge des technischen Fortschritts und der Stadterweiterung ging die Ära der Pariser Gemüsegärtner nach und nach zu Ende. Ausgehend von den USA und Kanada hat die moderne Marktgärtnerei aber viele der Ideen und Techniken von damals wieder aufgegriffen, weiterentwickelt und um innovative Hilfsmittel unserer Zeit ergänzt. Seit rund zwei Jahrzehnten gewinnt die Marktgärtnerei nun auch hierzulande stark an Popularität.
Die wichtigsten Merkmale einer Marktgärtnerei
- Klein, vielfältig und leistungsstark: Kleine Flächen sind das Markenzeichen. Während in der Landwirtschaft meist viele Hektar Fläche benötigt werden, sind Marktgärtnereien oft nicht größer als ein Fußballfeld (ca. 0,1 bis 1 Hektar). Auf diesen kleinen Flächen werden große Mengen Gemüse in außergewöhnlicher Vielfalt produziert.
- Gesunder Boden: In der Marktgärtnerei dreht sich alles um den Aufbau und Erhalt eines gesunden Bodens. Er ist die Voraussetzung für gesunde Pflanzen und in weiterer Folge auch für gesunde Menschen. Und: Gesunde Böden sorgen für besten Geschmack!
- Echtes Handwerk: Marktgärtner:innen sind Profis, die das Gärtnerhandwerk mit Leidenschaft leben und mit innovativen Kleingeräten von heute ergänzen. Das System der Marktgärtnerei ist in seiner Kleinteiligkeit und Vielfältigkeit zugeschnitten auf Menschen statt auf große Traktoren.
- Von Grund auf ökologisch: Gearbeitet wird im Einklang mit der Natur, ohne Mineraldünger und chemische Pestizide. Das schont die Ressourcen und fördert die Artenvielfalt. Marktgärtnereien fühlen sich den Prinzipien der biologischen Landwirtschaft verpflichtet, sind aber nicht immer bio-zertifiziert.
- Genuss im Rhythmus der Jahreszeiten: Gemüse aus Marktgärtnereien schmeckt so pur wie aus dem eigenen Garten. Geerntet wird hier nämlich erst, wenn es wirklich reif ist. Und dann, wenn es in unsererm Region auch wirklich Saison hat. Kein Import, keine Heizung, keine künstliche Belichtung. Dafür zu jeder Jahreszeit voller Nährstoffe und voller Geschmack.
- Erntefrisch in der Region: Ob am Bauernmarkt, im Hofladen oder über Gemüsekisterln – vermarktet wird erntefrisch direkt an Konsument:innen. Hier wachsen wieder persönliche Beziehungen, und lange Transportwege werden reduziert.
Landwirtschaft 5.0: Hochproduktiv nach dem Vorbild der Natur
Die Marktgärtnerei ist nicht nur ökologisch, sondern auch hochproduktiv. Die kleinen, vielfältigen und naturnahen Strukturen fördern die Artenvielfalt, sorgen für gesunde Böden, arbeiten äußerst ressourcenschonend – und sind gleichzeitig in der Lage, auf kleinsten Flächen beachtliche Erträge zu erwirtschaften. Wie das geht? Indem Marktgärtner:innen das enorme biologische Potenzial der Natur zu nutzen verstehen, und technische Hilfsmittel nur ganz gezielt dort einsetzen, wo es wirklich Sinn macht.
Bewusst low-tech also, aber umso innovativer. Wissenschaftlich belastbare Zahlen zur Marktgärtnerei gab es für den mitteleuropäischen Kontext bisher aber kaum. Im Frühjahr 2022 wurde deshalb die Operationelle Gruppe (OG) Marktgärtnerei gegründet. Gefördert von der Europäischen Innovationspartnerschaft „Landwirtschaftliche Produktivität und Nachhaltigkeit“ (EIP-AGRI) wurde in diesem Projekt bis Juni 2025 daran gearbeitet, die Marktgärtnerei in Österreich erstmals wissenschaftlich fundiert zu untersuchen. Den Kern der Gruppe bildeten sechs Marktgärtnereien aus drei Bundesländern, die mit Persönlichkeiten aus Forschung und Beratung zusammenarbeiteten, um Zahlen und Daten in den Bereichen Gemüsebau, Betriebs- und Arbeitswirtschaft sowie Boden zu erheben.
1.000 m² einer Marktgärtnerei versorgen bis zu 100 Personen mit Gemüse
Nun, nach drei Jahren Forschungsarbeit, liegen die Ergebnisse vor. Und sie zeigen: Mit dem Produktionssystem der Marktgärtnerei kann kleinstrukturierte Landwirtschaft auf weniger als einem Hektar auch heute noch wirtschaftlich erfolgreich sein und zugleich einen wichtigen Beitrag zur heimischen Gemüseversorgung leisten. Die vorliegenden Versuche ergaben, dass Marktgärtnereien – bezogen auf den aktuellen Pro-Kopf-Verbrauch in Österreich von 123 kg Gemüse im Jahr - pro 1000 m² Anbaufläche bis zu 100 Personen mit Gemüse versorgen könnten. Die derzeitigen Konsumgewohnheiten der Österreicher:innen entsprechen im Moment allerdings noch nicht ganz dem vielfältigen Sortiment einer Marktgärtnerei. Was noch nicht ist, kann aber bekanntlich noch werden. Das Bewusstsein für Regionalität, Saisonalität und Bio-Qualität nimmt in der Bevölkerung jedenfalls bereits deutlich zu. „Die Ergebnisse der OG Marktgärtnerei zeigen eindrucksvoll, wie Marktgärtner:innen bei hohen Erträgen gleichzeitig den Boden gesund erhalten oder wieder gesund machen. Die Kund:innen sind von Frische und Qualität begeistert – da schmeckt Gemüse noch wie aus dem eigenen Garten.“ Alfred Grand (Bio-Landwirt, Unternehmer und Gründer der Marktgärtnerei GRAND GARTEN)
Das Ziel: weniger Gemüse-Import, hin zu regionaler Wertschöpfung
Eines ist sicher: Österreich braucht mehr Gemüseproduzent:innen. Denn aktuell wird nur etwas mehr als die Hälfte des österreichischen Gemüsekonsums aus heimischer Produktion gedeckt. Die restlichen 45% müssen importiert werden (Versorgungsbilanzen der Statistik Austria 2023/24). Gerade die Krisensituationen der Gegenwart und die Klimaveränderungen mit all ihren Auswirkungen machen aber immer deutlicher: Unsere Lebensmittelversorgung muss regionaler, resilienter und unabhängiger werden. Das Produktionskonzept der Marktgärtnerei liegt hier genau am Puls der Zeit und stellt dabei keine Konkurrenz, sondern eine wichtige Ergänzung zum großflächigen Feldgemüsebau dar, um die heimische Versorgung mit Frischgemüse zu stärken. Gerade die kleinen, vielfältigen und dezentralen Strukturen der Marktgärtnerei können wesentlich zur Sicherheit des österreichischen Ernährungssystems beitragen – die große Gemüsevielfalt beugt Ernteausfällen vor, der Energiebedarf ist äußerst gering und die regional organisierte Logistik sorgt für Unabhängigkeit. Und: Marktgärtnereien bringen Geschmackserlebnisse auf unsere Teller, wie sie in keinem Supermarkt zu finden sind. Frisches Gartengemüse für alle. Eine echte Revolution.

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