Berlin: Seltene Pflanzenarten erfolgreich vermehrt

Der Botanische Garten Berlin hat erfolgreich eine Pflanzenart vermehrt, die in der freien Natur Deutschlands nur noch in einem einzigen Exemplar bekannt ist.

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Der Botanische Garten Berlin hat erfolgreich eine Pflanzenart vermehrt, die in der freien Natur Deutschlands nur noch in einem einzigen Exemplar bekannt ist. Die Verarmte Segge (Carex depauperata) zählt zu den seltensten Pflanzenarten Deutschlands, wenn nicht der seltensten. Vom einzigen Exemplar Deutschlands wurde vorsichtig ein Ausläufer entnommen. In der speziellen Erhaltungskultur des Botanischen Garten Berlins konnte die Art erfolgreich vegetativ vermehrt werden. Die Pflanzen in Kultur bildeten jetzt erstmals Blüten und Früchte aus. Die reifen Früchte werden im Laufe des Sommers zur Langzeitlagerung in die Saatgutbank überführt.

Die Art ist damit in der Erhaltungskultur des Berliner Botanischen Gartens zunächst gesichert. Lebende Pflanzen und Samen stehen für eine Wiederausbringung am Fundort zur Verfügung, um die Population in der Natur zu stärken.

Die Verarmte Segge (Carex depauperata) galt bereits in Deutschland ausgestorben. Sie war in Deutschland nur von einem einzigen Fundort bekannt, im Sauertal bei Echternacherbrück (Rheinland-Pfalz), einem Dorf an der Grenze zu Luxemburg. Die Art galt dort seit über 40 Jahren als verschollen. Viele Botaniker aus ganz Deutschland haben immer wieder vergeblich nach der Art gesucht. Sie zählte lange zu den ausgestorbenen oder verschollenen Blütenpflanzenarten Deutschlands. 2011 wurde die Art von dem Botaniker Dr. Hans Reichert aus Trier wiederentdeckt, aber nur ein einziges Exemplar. Der Botanische Garten Berlin hat die Art in die Erhaltungskultur aufgenommen. Dieses ist ein weiteres Beispiel der erfolgreichen Zusammenarbeit zwischen ehrenamtlichen Botanikern und dem Botanischen Garten Berlin-Dahlem. Um die Art zu schützen, bleibt der genaue Fundort in der Natur bislang geheim.

Die Verarmte Segge ist eine Art aus der Gattung Seggen (Carex), gehört zur Familie der Sauergrasgewächse (Cyperaceae) und sieht grasähnlich aus. Der merkwürdig klingende deutsche Artname weist darauf hin, dass die Blütenstände der Verarmten Segge weniger Blüten aufweisen als die meisten anderen heimischen Seggenarten. Die reifen Früchte sind kugelige Gebilde mit einer schnabelartigen Spitze und werden in der botanischen Fachsprache „Schläuche“ genannt.

Die seltene Art ist atlantisch-mediterran vom Mittelmeergebiet bis England verbreitet. Typischerweise wächst sie in lichten, artenreichen und wärmeliebenden Laubwäldern in Regionen mit warmen Sommern und milden Wintern. Ihre Samen sind lange keimfähig und die Art ist offenbar daran angepasst, plötzlich entstehende Waldlichtungen wieder zu besiedeln. Die Verarmte Segge ist inzwischen in weiten Teilen Europas im Rückgang und vielerorts verschwunden. Besonders in England wurden die Rückgangsursachen intensiv untersucht. Aufgrund geänderter Forstwirtschaft werden die Wälder zu dicht und schattig, so dass der geeignete Lebensraum für diese Art schwindet. Eine wissenschaftliche Publikation über den Fund der Verarmten Segge ist für Ende 2013 geplant.

In der Erhaltungskultur des Botanischen Garten Berlins werden in Deutschland hochgradig gefährdete Pflanzenarten kultiviert und vermehrt. Seit Jahren erfolgreich werden hier Arten erhalten, die ebenfalls nur noch von einem einzigen Fundort in Deutschland bekannt sind. Das ist beispielsweise die Grasart Patzkes Schaf-Schwingel (Festuca patzkei) und das Dickblattgewächs Rötliche Fetthenne (Sedum rubens). Das Lebendmaterial und Sämereien werden vom Botanischen Garten Berlin vorgehalten, bis eine Wiederausbringung am Fundort erfolgen kann zur Stärkung der Population. Wiederausbringungen dürfen nur nach gewissen wissenschaftlichen Standards in Zusammenarbeit mit den zuständigen Naturschutzbehörden erfolgen. Wann eine Wiederausbringung der kultivierten und vermehrten Verarmten Segge erfolgt, ist derzeit noch unklar. Wichtig ist, dass die ökologischen Bedingungen am natürlichen Standort der Pflanzenart verändert werden, um der Art dort eine Überlebenschance zu geben. (Freie Universität Berlin)

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