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Im Interview: Dr. Andreas Möller
Was treibt Sie um, sich mit der Agrarwirtschaft zu beschäftigen und Bücher darüber zu schreiben?
Ich stamme aus Mecklenburg und bin Angler. Das Land war in meiner Kindheit immer „da“ – im Guten wie im Schlechten, wenn ich an unseren See denke, der dank der nahegelegenen LPG in jedem Sommer umkippte. So etwas prägt. Als Historiker und „Kommunikationsmensch“ fasziniert mich vor allem die gesellschaftliche Ambivalenz in Bezug auf dieses Thema. Urbane Milieus, die sehr selbstbewusste Vorstellungen haben, wie die Landwirtschaft zu sein hat; Verbraucher, die allein auf den Preis schauen; Landwirte, die zwischen einem liberalisierten Weltmarkt, steigender Regulierung und einem Lebensmitteleinzelhandel (LEH) stehen, der in jeder Zeitungsbeilage „Geiz ist geil“ verheißt: Es gibt kaum einen anderen Bereich, der mehr über unsere Zeit verrät. Die Landwirtschaft steht heute in Polarität da, wo in den 1970ern und 1980ern die Auseinandersetzungen um die Chemie oder die Kernkraft standen.
Wie beschreiben Sie den Blick der Gesellschaft auf die Landwirtschaft und die Pflanzenzüchtung, und andersherum den Blick der Landwirte und Pflanzenzüchter auf die Gesellschaft? Gibt es eine Schnittmenge?
Die Gesellschaft hat eine gestiegene Erwartungshaltung nicht nur hinsichtlich Auswahl und Preis von Nahrungsmitteln. Sie fragt zu Recht auch nach den Bedingungen der Produktion – dies gilt für jede andere Branche von der Stahlherstellung bis zum Automobilbau. Wir leben dennoch in einer Zeit mit einer gewachsenen Risikofixierung. Der Soziologe Ulrich Beck nannte dies in den 1980ern hellsichtig die kommende „Risikogesellschaft“.
Die Notwendigkeit von Produktivitätssteigerungen oder optimierten Eigenschaften von Sorten, denen die Arbeit von Züchtern gilt, erreicht die Verbraucher emotional kaum, da diese den individuellen Nutzen im Alltag als selbstverständlich betrachten oder kaum registrieren. Dieser „Nahhorizont“ ist bei jeder Technologie aber entscheidend für die gesellschaftliche Akzeptanz. Wir erleben dies gerade im Zusammenhang mit Corona: Selbst notorische Gegner des Impfens und der Pharmakologie hoffen auf einmal auf neue Impfstoffe und klammern sich an die Botschaften des Robert Koch-Instituts.
Der Rasenroboter hält den Rasen kurz und die Bewässerung des Grüns darf auch bei Wasserknappheit nicht ausbleiben. Gleichzeitig verspüren wir: Hauptsächlich natürlich! Woher rührt dieser tiefe Wunsch nach Natürlichkeit, während sie zugleich aus dem eigenen Umfeld ferngehalten wird?
Sigmund Freud würde wahrscheinlich sagen: Die Sehnsucht nach der Natur inmitten einer technisierten Welt ist die Sehnsucht nach dem Anderen – eine Art virtuelle Flucht hin zum Ursprünglichen, vermeintlich Besseren. Niemand möchte natürlich ohne Hochleistungsmedikamente, bildgebende Verfahren oder Navigationssysteme leben. Aber die Landwirtschaft soll in unseren Vorstellungen dann doch ein wenig so sein wie Ostpreußen oder der Schwarzwald um 1900: kleinteilig, persönlich, vorindustriell. Die Frage schließt an die vorherige an: Wenn wir selbst einen Nutzen in der Technik erkennen, ist uns jedes Mittel recht, die Natur zu überwachen, zu optimieren – und eben nicht „natürlich“ zu sein. Die Pränataldiagnostik ist für mich ein Beispiel für den Wunsch, die „Schicksalhaftigkeit“ der Natur eben nicht akzeptieren zu müssen, was ich unterstütze. Die professionelle Landwirtschaft und mit ihr die Pflanzenzüchtung erreichen diese persönliche Ebene der Betroffenheit für die meisten Verbraucher nicht. Bester Beleg sind die Volksbegehren pro Biene in Bayern und anderenorts: Die Menschen sind bereit, kollektiv gegen Pflanzenschutzmittel auf die Straße zu gehen. Haben Sie in einem OBI- oder Bauhaus-Baumarkt aber schon einmal ein Volksbegehren gegen Schneckenkorn, Wespen- Ex oder eben Pflanzenschutz gesehen, der im Zweifel in zigfach höherer Konzentration bei Löwenzahn oder Disteln im Garten Anwendung findet als bei professionellen Landwirten? Hier ist er wieder, der „Nahhorizont“, der uns ganz egoistisch anders fühlen lässt als bei der Bewertung einer abstrakten, industriellen Landwirtschaft.
Sie fordern einen Blick in den Spiegel, um dann den Blick auf die Landwirtschaft zu ändern. Ist ohne Mangel eine andere Perspektive auf unsere Arbeit erwartbar?
Wahrscheinlich haben Sie recht: Es gibt diesen Bewusstseinswandel ohne längere Blackout-Effekte der Verbraucher nicht, was sich aber auch niemand wünschen kann. Der Michael Jackson-Song „Man in the mirror“, mit dem ich mein Buch beende, hat mich zwar wegen seines Pathos, ja seiner Kitschigkeit immer genervt. Aber es würde uns allen von der aufgeregten Klima-Debatte (bei gleichzeitigen Peaks bei den Ferienflügen) bis zur Kritik an den Bauern (bei gleichzeitiger Discounter-Mentalität) usw. guttun, hin und wieder mit uns selbst zu beginnen, bevor die anderen an der Reihe sind. Genau das aber ist das Schwierigste überhaupt, wie wir täglich feststellen.
Werden die Entwicklungen der Corona-Pandemie eine Veränderung der Wahrnehmung der heimischen Produktion bewirken, oder wird das nur ein kurzer Effekt sein?
Ich bin sehr vorsichtig bei diesem Thema. Mein Grundgefühl geht aber dahin: Wir reagieren im Angesicht der Gefahr zunächst anders, überdenken unsere Gewohnheiten. Sobald sich die Normalität aber wieder einstellt, ändert sich auch das Bewusstsein.
Ich habe 2015 im Zug der Flüchtlingsbewegung prognostiziert, dass es einen breiten gesellschaftlichen Bewusstseinswandel bei der Bewertung (für uns selbstverständlicher) konventioneller Nahrungsmittel, aber auch der medizinischen Grundversorgung geben würde. Ich habe mich getäuscht. Die Verfügbarkeit von Nahrung, Energie, Wasser und Medizin, die für Millionen von Menschen weltweit etwas Unerreichbares ist, nehmen wir genauso selbstverständlich und bisweilen abschätzig hin wie zuvor.
Sie sprechen von einem Gesellschaftsvertrag mit dem Land und der Landwirtschaft. Wie soll dieser genau aussehen?
Es geht nicht um ein Vertragswerk im wörtlichen Sinn, sondern um die Bereitschaft, den gesellschaftlichen Wert einer heimischen Lebensmittelproduktion anzuerkennen. Es erscheint mir paradox, dass wir einerseits pausenlos von „regionalen Produkten“ sprechen und das Image inhabergeführter Höfe pflegen, andererseits aber alles tun, den Landwirten regulatorisch das Leben schwer zu machen. Wenn es dann noch breite gesellschaftliche Anfeindungen gibt, die es oft an Differenzierungswillen fehlen lassen, beschleunigen wir den Strukturwandel noch.
Pflanzenzüchtung verbindet Natur und Technologie wie kaum eine andere Branche. Was geben Sie uns Züchtern mit auf den Weg?
Das EuGH-Urteil zur „Genschere“ und die Klassifizierung von Organismen als GVO (Gentechnisch veränderter Organismus) dokumentieren die Signalwirkung bei der Beurteilung wissenschaftlich-technischer Entwicklungen. Sie verstärken die latent vorhandenen Ängste vieler Verbraucher und tragen nicht zur Zuversicht bei.
Ich würde im gesellschaftlichen Dialog bei dem bleiben, was in der Kommunikation vielfach geschieht: auf die im positiven Sinn „unnatürliche“ Gestaltung der Natur von den preußischen Landschaftsgärtnern bis zu CRISPR/Cas hinzuweisen, die immer im Sinn der Menschen war, und auf die globalen Herausforderungen im 21. Jahrhundert, die sich ohne verbesserte Sorten nicht bewältigen lassen. Die Nachhaltigkeitsbewegung ist im Grund eine kommunikative Sternstunde des Gedankens, dass wir unsere Ziele nicht mit einer vorindustriellen Landwirtschaft bewältigen können. Die geht nur mit Züchtung, Düngung und modernem Pflanzenschutz, zu dem auch Organicals gehören werden.
Wie sieht die Landwirtschaft in 10, 20 oder 50 Jahren aus?
Die Zahl der Betriebe wird von heute 250.000 weiter sinken, die Hektarzahl pro Betrieb dafür aber steigen. Es wird mehr Spezialisierung und Digitalisierung geben, und eine veränderte „Customer Journey“ der Verbraucher durch neue Portale. Und möglicherweise werden wir noch mehr von dem, was wir täglich verbrauchen, ähnlich wie bei industriellen Stückgütern importieren. Ob dies dem Gedanken der Nachhaltigkeit zuträglich ist, genau wie dem Gedanken, den Weg der Produktion kollektiv noch zu kennen, bezweifle ich.
Abschließend die Frage: Wie stehen Sie persönlich zu Natur und Fortschritt?
Ich kann mir ein Leben ohne beides nicht vorstellen.
Vielen Dank!

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