HV-NRW: Jahresempfang des NRW-Einzelhandels

Einzelhandel unter Druck – Branchenempfang setzt Zeichen für Zuversicht, Verantwortung und europäische Stärke.

Der Handelsverband steht für die Verbindung aus Austausch, Interessenvertretung und gegenseitiger Unterstützung innerhalb der Branche.

Der diesjährige Empfang des Handelsverbandes Nordrhein-Westfalen (HV NRW) und des Handelsverbandes Nordrhein-Westfalen – Rheinland (HVR) stand unter besonderen Vorzeichen. Zwar bleibt die wirtschaftliche Lage vieler Einzelhandelsunternehmen angespannt, doch bewusst setzte der Verband in diesem Jahr einen anderen Schwerpunkt: Statt erneut ausführlich über bekannte strukturelle Probleme zu sprechen, war das Thema „Haltung" im Fokus des Abends.

Auch 2025 bedeutete für zahlreiche Unternehmen im nordrhein-westfälischen Einzelhandel ein schwieriges Jahr. Fast die Hälfte der Händlerinnen und Händler berichtete von rückläufigen Umsätzen. Die Ursachen für diese Entwicklung sind vielfältig. Neben steigenden Kosten für Energie, Personal und Mieten belastet vor allem die anhaltende Konsumzurückhaltung viele Unternehmen. Gleichzeitig befindet sich der Handel mitten in einem tiefgreifenden strukturellen Wandel. Digitalisierung, Plattformökonomie und neue Konsummuster verändern den Wettbewerb nachhaltig. Bekannte Probleme, die auch beim diesjährigen Jahresempfang der Handelsverbände eine Rolle spielten, aber nicht im Fokus stehen sollten: „Ich habe lange überlegt, worüber ich heute sprechen soll", erklärte Michael Radau, Präsident des HV NRW, zu Beginn seiner Rede vor Vertreterinnen und Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Handel. „Ich könnte über die wichtige Funktion des Handels in der Gesellschaft sprechen. Ich könnte über Bürokratiekosten, Fachkräftemangel, Kaufzurückhaltung oder Energiekosten reden. Aber sind wir ehrlich: Darüber haben wir schon oft gesprochen – wir haben kein Erkenntnisproblem." Doch gerade vor dem Hintergrund globaler politischer und wirtschaftlicher Veränderungen brauche es mehr als die üblichen Warnungen und Forderungen. „Deshalb habe ich mich entschieden, heute über etwas anderes zu sprechen – über Haltung", folgerte Radau.

Viele politische und wirtschaftliche Gewissheiten der vergangenen Jahrzehnte geraten derzeit ins Wanken. Radau verwies dabei auf zunehmende geopolitische Spannungen, eine veränderte Rolle der USA sowie den wachsenden Einfluss Chinas im globalen Handel – etwa durch Plattformen, Investitionen und Handelsbeschränkungen. Um diesen Entwicklungen zu begegnen, brauche es aus seiner Sicht mehr europäische Geschlossenheit und Selbstbewusstsein. „Wir müssen schnellstmöglich eine europäische Kraft entwickeln", betonte Radau. Europa könne dabei selbst zur starken Marke werden: „Warum machen wir nicht ‚Aus Europa' zu einer neuen Qualitätskennzeichnung?" Mit mehr Vertrauen innerhalb Europas und klaren wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sei sogar eine neue wirtschaftliche Dynamik möglich – „ein Wirtschaftswunder 2.0 für Europa, Deutschland und Nordrhein-Westfalen".

Neben wirtschaftlichen und geopolitischen Fragen nahm die Rede auch die gesellschaftliche Verantwortung von Wirtschaft und Zivilgesellschaft in den Blick. Radau betonte die Bedeutung einer stabilen, regelbasierten Demokratie – gerade in Zeiten wachsender politischer Polarisierung. „Unsere Demokratie ist mit Blick auf viele andere Länder immer noch eine der besten Gesellschaftsformen. Aber sie ist nicht selbstverständlich. Wir müssen aktiv dazu beitragen, sie zu erhalten." Er rief die Anwesenden dazu auf, im Alltag Haltung zu zeigen – etwa gegenüber Desinformation, Hetze oder extremistischen Positionen. Präsident Radau appellierte an die Gäste: „Seien Sie Botschafter für unsere Demokratie und für verlässliche Fakten."

An diesem Abend wollten die Handelsverbände NRW und Rheinland bewusst einen Impuls setzen, der über die aktuellen wirtschaftlichen Herausforderungen des Einzelhandels hinausgeht. „Über wirtschaftliche Probleme sprechen wir regelmäßig und sehr konkret – mit der Politik, mit der Verwaltung und mit unseren Mitgliedern. Aber gerade in bewegten Zeiten braucht es auch Orientierung und eine klare Haltung", betonte Dirk Wittmer, Vorstandsvorsitzender des HVR. Gerade in einer Phase tiefgreifender wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Veränderungen sei es wichtiger denn je, auf starke Partnerschaften und ein verlässliches Netzwerk bauen zu können. Der Handelsverband stehe genau für diese Verbindung aus Austausch, Interessenvertretung und gegenseitiger Unterstützung innerhalb der Branche. Besonders hob Wittmer dabei das Engagement der vielen ehrenamtlich aktiven Händlerinnen und Händler in den regionalen Handelsverbänden hervor. Sie trügen maßgeblich dazu bei, dass die Anliegen des Handels sichtbar bleiben und die Branche eine starke Stimme gegenüber Politik und Öffentlichkeit behält. „Dieser Einsatz ist unverzichtbar", so Wittmer. „Bitte tragen Sie diese Botschaft weiter: Engagement im Handelsverband lohnt sich – gerade auch für junge Unternehmerinnen und Unternehmer."

Als Gastredner sprach der ehemalige Bundesfinanzminister Peer Steinbrück in seiner Rede "Dimension der Zeitenwende: Reform-konsequenzen für Deutschland" über Fragen der Staatsmodernisierung und wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen. Durch den Abend führte Moderatorin Gisela Steinhauer.

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