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Eine wirklich heiße Stadt: Rüsselsheim lässt grün grüßen
Im Hitze-Check 2025 der Deutschen Umwelthilfe erreichte sie Platz 4 deutschlandweit - hinter Mannheim, Ludwigshafen und Worms. Die mittlere Oberflächentemperatur liegt in Rüsselsheim im Sommer tagsüber bei gut 38° Celsius und nachts sind zunehmend Tropennächte auch deutlich über zwanzig Grad angesagt. 55,6% der Stadtfläche sind versiegelt; der Grünvolumenanteil ist mit 3,35 m³ Grün/m² sehr niedrig. Als Industriestadt spielen die Gewerbegebiete und das Opel-Altwerk eine unglückliche Rolle; das übrige Stadtgebiet ist jedoch recht gut durchgrünt. Das größte Problem ist - wie in vielen anderen Städten auch - die Versiegelung von Flächen. Auf zugebauten, gepflasterten oder asphaltierten Flächen wird die einfallende Strahlungsenergie fast vollständig in Wärme umgewandelt. Mehr noch: Gebäude, Wege und Plätze speichern die Wärme und geben sie allmählich stundenlang an die Umgebung ab. Dagegen helfen Bäume, Parks und Wasserflächen: Jeder Quadratmeter mit offenem Boden, insbesondere begrünte Flächen wie in Parks und Gärten, kann Wasser aufnehmen und durch Verdunstung zur Kühlung beitragen. Bäume senken die Temperatur lokal sogar um mehrere Grad Celsius, auch weil sie Schattenspender sind: Laut Bundesbauministerium kann es unter Baumkronen im Umkreis von 40 Metern bis zu zehn Grad kühler sein. Aus kommunaler Perspektive gibt es wenig Einfluss auf bestehende Industrieflächen, jedoch bemüht sich der Magistrat um die Entwicklung von industriellen Konversionsflächen hin zu ausgeglichenen Wohn- und Arbeitsquartieren. Im Stadtgebiet selbst sind die Bemühungen doppelt, Bäume zu erhalten, Flächen zu entsiegeln und Standorte zu verbessern - auch im Sinne einer vegetationstechnischen Schwammstadt.
Mehr Grün?
Hartmut Hebling ist Projektleiter im Team der Grünplanung der Stadt Rüsselsheim. Der Baumschulmeister und Dipl.-Ing. Landespflege (FH) hat langjährige Erfahrung in der Anlage und Pflege von Grünflächen. In seiner Arbeit zeigt sich: Es gibt sehr wohl Ansätze, das Grün in der Stadt zu stärken - doch es braucht Zeit, potentielle Flächen und vor allem realistische Erwartungen. „So gern wir an vielen Stellen mehr große Bäume pflanzen würden, so sehr sind wir durch die vorhandene Bebauung oder zu geringe Flächen für ausreichende Pflanzgruben beschränkt. Dennoch: Die Stadt Rüsselsheim entwickelt über das gesamte Stadtgebiet verteilt verschiedenste Grünprojekte. Zu den größeren Pflanzflächen zählen etwa die Begrünung des Wendebereichs Hans-Böckler-Straße, das "Lange-Beet" an der Frankfurter Straße westlich der Parkschule und Aufwertungen mitten auf der Berliner-Straße durch ein aufgesetztes Tundrenbeet. Ganzheitlich geplante Waldspielplätze wie im Königstädter Stadtteil sind ohne ingenieurökologische Maßnahmen im Klimawandel kaum mehr möglich. Auch viele barrierefrei umgebaute Bushaltestellen erhalten Dachbegrünungen durch die Stadtwerke und durch uns ein abgestimmtes resilientes Begleitgrün.," so Hebling.
Pflanzenkohle: Schwarz fürs Grün
Als besonders interessanten Baustein in Rüsselsheims Strategie sieht Hebling den systematischen Einsatz von Pflanzenkohle - oft auch als „Klimakohle" bezeichnet - als Substratbestandteil bei Baum- und Strauchpflanzungen. Hebling: „Unser Handlungsfeld im Stadtgrün ist in vielfacher Hinsicht unsicher: Die Standorte sind zu trocken, zu nass, zu salzig, zu heiß, zu kalt, mal klein, mal groß - da braucht es Verständnis für Boden und Edaphon (Bodenlebewesen) und Pflanze. Hier setze ich auf Pflanzenkohle, denn sie ist hochwirksam, einfach anwendbar und leicht verfügbar. Sie optimiert die Bodeneigenschaften mit Blick auf Nähr- und Störstoffe, fördert das Bodenleben und die Wasserverfügbarkeit." Schon 2023 wurde bei überarbeiteten Pflanzflächen in Rüsselsheim erstmals Pflanzenkohle als „klimapositiver Zuschlagsstoff" verwendet. Das Rüsselsheimer Baumsubstrat enthält 15% Pflanzenkohle, der Vegetationsboden bis zu 30%. Ron Richter von der klimafarmer GmbH aus dem benachbarten Nierstein und Pionier für Produktion und Einsatz von Pflanzenkohle in Deutschland, hat mehrere Projekte in Rüsselsheim begleitet. „Die dort verwendete Kohle stammt aus regionaler Herkunft; ein Teil des Grünschnitts von öffentlichen Flächen haben wir in unserem Netzwerk bestehend aus mittlerweile fünf Anlagen zu Pflanzenkohle umgewandelt und anschließend wieder in die kommunalen Substrate eingebracht." Praktisch umgesetzt wurde das etwa bei Strauch- und Heckenpflanzungen und auf dem Spielplatz Jugenheimer Weg. Auch bei der Pflanzung im Rahmen des Labels ‚StadtGrün naturnah‘ kam pflanzenkohlehaltige Pflanzerde zum Einsatz. Hebling: „Gerade in diesem Sommer zeigt sich, wie wichtig ein guter Wasserspeicher im Erdreich ist. Außerdem trägt die Pflanzenkohle durch ihre CO₂-Bindungskraft als CO₂ Senke langfristig zum Klimaschutz bei."
Es funktioniert nur im Zusammenspiel
Am Ende geht es nie um einen einzelnen Baustein, sondern um das richtige Zusammenspiel. In der Pflanzgrube beginnt das bei einer geeigneten Pflanzenkohlequalität, passenden organischen Substanzen, gezielt dosierten Nährstoffen und dem Aufbau eines aktiven Bodenlebens aus Pilzen und Bakterien. Erst wenn diese Zutaten aufeinander abgestimmt sind, entsteht ein System, das langfristig funktionieren kann.
Genauso wichtig ist aber das Zusammenspiel der Menschen dahinter. Das Besondere an solchen Projekten ist, dass jeder Beteiligte auf seine Weise etwas beiträgt und zugleich einen eigenen Mehrwert erfährt: Der Stadtkämmerer freut sich über sinkende Betriebs- und Pflegekosten, die Projektplanung gestaltet das eigene Umfeld sichtbar positiv, der Garten- und Landschaftsbaubetrieb gewinnt Erfahrung und eine weitere Referenz - und die Menschen vor Ort gewinnen Lebensqualität. Neben der Grünplanung können deshalb auch Klimaanpassung, Stadtplanung, Bildung und Soziales Teil solcher Projekte werden.
„Wenn jeder seinen Teil beiträgt, entsteht aus einer Baumpflanzung plötzlich sehr viel mehr als nur neues Grün", sagt Ron Richter. „Menschen erleben, dass ihr Handeln Wirkung hat. Dinge, die sonst unsichtbar bleiben - Bodenleben, Wasserspeicherung, CO₂-Speicherung, vermiedene Pflegekosten oder die Zusammenarbeit verschiedener Bereiche - werden sichtbar und nachvollziehbar. Darin liegt eine große Chance für unsere Städte." Und vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis: Gute Stadtentwicklung beginnt mit den richtigen Zutaten - in der Pflanzgrube, in der Planung und im Miteinander. (Quelle: klimafarmer)

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