Baden-Württemberg: Heftige Schäden trotz Hagelflieger

Sobald ein Unwetter angekündigt und die Alarmierung erfolgt ist, steigen sie in ihre Maschinen und fliegen direkt unter die sich nähernde Gewitterwolke. Die Rede ist von den modernen "tollkühnen Männern in ihren fliegenden Kisten", den Piloten der so genannten Hagelflieger.

Sobald ein Unwetter angekündigt und die Alarmierung erfolgt ist, steigen sie in ihre Maschinen und fliegen direkt unter die sich nähernde Gewitterwolke. Die Rede ist von den modernen „tollkühnen Männern in ihren fliegenden Kisten“, den Piloten der so genannten Hagelflieger. Ziel der Aktion ist es, den drohenden Hagel durch das Ausbringen eines Silberjodid-Aceton-Gemischs zu verhindern oder zumindest die Größe der Hagelkörner zu reduzieren. Auch wenn die Piloten wissen was sie tun und statt fliegender Kisten über moderne Flugzeuge verfügen, gebührt ihnen für den Mut direkt in das Unwettergebiet zu fliegen zweifelsfrei eine ordentliche Portion Respekt. Zweifel kommen hingegen immer wieder auf, wenn es um die Wirksamkeit dieser Methode der Hagelabwehr geht. Eine Analyse der schweren Hagelunwetter am 7. und 11. Juni 2016 in der Ortenau zeigt dies konkret auf.

3 Mio. Euro Versicherungssumme gemeldet
Das vorteilhafte, warme Klima und der ertragreiche Boden machen die Ortenau zu einem idealen Anbaugebiet im Bereich des Wein- und Obstbaus. Mit der Witterung einher geht gerade in dieser Region aber auch eine große Gefahr, dass Unwetter die Ernte zerstören können. Der Absicherung gegen Hagelschäden kommt daher eine besondere Bedeutung zu. Im September wurde aus diesem Grund der Verein „Hagelabwehr Ortenau“ gegründet, der einen Hagelflieger am Standort Söllingen betreibt. Was aber war an den beiden Unwettertagen 7. und 11. Juni 2016? Es ist davon auszugehen, dass der Hagelflieger aufgestiegen ist, die Unwetterwarnungen waren im Juni täglich zu verfolgen. Hans-Ulrich Eppler, Bezirksdirektor der Vereinigten Hagel in Stuttgart, und damit auch für die Ortenau zuständig, berichtet, dass allein an diesen beiden Tagen über 100 Schadenmeldungen mit einer Versicherungssumme von drei Mio. Euro aus dem Landkreis eingegangen sind. Betrachtet man auch noch die weiteren Schadentage seit Mitte Mai waren es beinahe 200 Meldungen mit einer Versicherungssumme von 4,5 Mio. Euro. Ursache war in allen Fällen Hagelschlag; die zusätzlichen Schäden durch Starkregen sind hier noch gar nicht enthalten. Betroffen waren alle Gemeinden des Landkreises zwischen Kehl und Oberkirch sowie zwischen Rheinau und Gengenbach.

Die Frage nach der Wirksamkeit
Eppler besichtigte die Schäden bei einem Ortstermin persönlich. Auf dem Betrieb von Franz-Josef Müller, Präsident des Landesverbandes Erwerbsobstbau Baden Württemberg (LVEO), wurde das ganze Ausmaß der Schäden deutlich. „Die Äpfel taugen zum Großteil nur noch als Mostobst – wenn überhaupt“, sagt dieser inmitten seiner Anlage im Oberkircher Ortsteil Zusenhofen. „Für den Obstgroßmarkt sind wir zur Deckung der Fixkosten auf eine Mindestmenge tadelloser Früchte angewiesen. Darum versprechen wir uns von dem Hagelflieger auch etwas; er ist ja nicht gerade billig. Aber wie man heute sieht, ist der Hagelflieger auch keine Garantie dafür, dass die schweren immer Schäden ausbleiben.“ Eppler kann dem nur beipflichten: „Ein wissenschaftlicher Beweis für die Wirksamkeit der Methode konnte bislang nicht erbracht werden. Wir wissen aber auch nicht, was ohne Flieger geschehen wäre. Eine Art Vollkaskoversicherung gegen Hagel, die sich viele der Unterstützer wünschen, sind die Flugzeuge leider nicht.“ Christian Kaiser, zuständiger Außendienstinspektor in der Region, ergänzt: „Kleinkörniger Hagel fällt zwar nicht mit so großer Wucht auf die Pflanzen, dafür aber in erheblich höherer Zahl. Außerdem sind die Unwetter meist von Sturmböen begleitet, so dass auch die Kraft der kleinen Körner enorm sein kann.“

Auch der Betrieb von Patric Spraul aus dem Renchener Ortsteil Ulm wurde von den Hagelunwettern nicht verschont, wie er bei dem Ortstermin zeigt. Die Schäden sind hier sogar noch größer als in Zusenhofen. Spraul ist froh, dass er eine Hagelversicherung abgeschlossen hat und damit wenigstens den finanziellen Schaden ersetzt bekommt. Dass ein Schutz gegen die Folgen von Hagel in der Region notwendig ist, sieht er genauso wie seine Berufskollegen. Und die Versicherung hat er bewusst abgeschlossen zusätzlich zum Hagelflieger.

Welchen Schutz – egal ob Netz oder Versicherung – ein Betrieb wählt, muss der jeweilige Betriebsleiter individuell und eigenverantwortlich entscheiden, meint Bezirksdirektor Eppler. Er kann Herrn Spraul nur zustimmen, dass letztlich allein die Versicherung einen finanziellen Schaden verlässlich ersetzen kann. Die jüngsten Gewitter waren lokal begrenzt und dennoch hat es erhebliche Schäden gegeben. Er erinnert an die Unwetterfronten der Vorjahre: „Da haben sich regelmäßig mehrere Gewitterzellen verbunden und einen Streifen von 200 mal 80 Kilometer, das sind 16.000 Quadratkilometer, verwüstet. Da ist ein Hagelflieger schon flächenmäßig überfordert.“

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