Schweiz: Wildbienen fliegen für die Forschung

Agroscope-Fachleute untersuchen die möglichen Stressfaktoren für Wildbienen und ihr Zusammenspiel im Rahmen eines EU-Projekts zusammen mit 42 Partnerorganisationen.

PoshBee - ein EU-Projekt mit 42 Partnerorganisationen.

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Was stresst Wildbienen? Sind es gewisse Pflanzenschutzmittel? Oder das Fehlen nährstoffreicher Nahrung? Ist es eine Kombination davon? Fachleute in ganz Europa gehen diesen Fragen nach, auch bei Agroscope.

Vom gesamten Ertrag der Schweizer Landwirtschaft können rund 350 Mio. Franken (ca. 329 Mio. Euro) jährlich nur dank der Bestäubungsleistung von Honig- und Wildbienen erwirtschaftet werden. Viele der über 600 Wildbienenarten der Schweiz tragen oft genauso viel dazu bei wie die Honigbienen. Deshalb ist der Schutz von Wildbienen auch für die Landwirtschaft sehr wichtig. Im Zusammenhang mit dem Insektensterben sind auch Wildbienenpopulationen unter Druck. Doch was genau setzt den Wildbienen zu? Agroscope-Fachleute untersuchen die möglichen Stressfaktoren und ihr Zusammenspiel im Rahmen eines EU-Projekts zusammen mit 42 Partnerorganisationen (www.poshbee.eu). Das Ziel: Dank der neuen Erkenntnisse Maßnahmen zur Gesunderhaltung von Honig- und Wildbienenpopulationen entwickeln und optimieren.

Rostrote Mauerbienen repräsentieren Solitärbienen

Die Rostrote Mauerbiene (Osmia bicornis) eignet sich gut als Modell-Organismus, um Stressfaktoren auf Solitärbienen zu untersuchen. Sie werden europaweit in solchen Versuchen eingesetzt. Somit sind Vergleiche mit den Versuchsergebnissen der anderen Projektpartner möglich. Diese Mauerbienen-Art lässt sich zudem einfach züchten, nimmt künstliche Nistmöglichkeiten gerne an und ist in der Obstbestäubung sehr wichtig. Somit sind die gewonnenen Erkenntnisse praxisrelevant.

Flugkäfige mit unterschiedlichen Bedingungen

Agroscope hat am Standort Zürich-Reckenholz bereits 2019 erste Versuche mit Rostroten Mauerbienen in Käfigen durchgeführt. Mit den Nachkommen aus diesen Versuchen hat man im April 2020 weitere Versuche gestartet. Die Frage lautet: Sind Bienen, die als Larven schon Kontakt mit Pflanzenschutzmitteln hatten, besser oder schlechter daran angepasst als adulte Bienen, die erstmals mit solchen Mitteln in Kontakt kommen? Kann eine optimale Ernährung allfällige Pestizidbelastungen abschwächen?

In den Käfigen finden die Mauerbienen sehr unterschiedliche Bedingungen vor – je nachdem, in welchen Flugkäfig sie einziehen: nährstoffreiche und weniger wertvolle Nahrungspflanzen, Monokultur oder vielfältiges Blütenangebot, mit oder ohne Belastung durch Pflanzenschutzmittel.

Die Agroscope-Fachleute protokollieren, wie gut sich die Bienen orientieren, wie effizient sie Pollen sammeln und somit Blüten bestäuben, wie viele Nachkommen sie produzieren und wie alt sie werden. Alle diese Daten werden Hinweise geben, wie sich das Zusammenspiel von Nahrungsqualität und Pestizidexposition auf die Mauerbienen auswirkt.

Die Orientierungsfähigkeit ist entscheidend

Ein wichtiger Faktor für den Bestäubungs- und Nisterfolg ist die Orientierung. Können sich Mauerbienen schlecht oder gar nicht mehr orientieren, finden sie die Blüten, den Heimweg oder ihre Brut verzögert oder überhaupt nicht mehr.

Agroscope-Fachleute forschen im Verhalten der Mauerbienen nach Anzeichen, dass etwas nicht stimmt. Sehr wichtig für die Gesundheit – wie bei uns Menschen – ist die Fähigkeit der Bienen, den Organismus möglichst rasch wieder von Fremdstoffen wie Pflanzenschutzmittel zu befreien. Auch eine intakte Darmflora könnte dabei eine Rolle spielen; dies wird ebenfalls untersucht.

Bei geringem Nisterfolg schrumpft die Population

Wenn der Nisterfolg zurückgeht, werden weniger Nachkommen produziert und die Populationen schrumpfen. Darum will man herausfinden, was den Nisterfolg beeinflusst. Einige direkte Effekte wirken sich auf die Sterblichkeit von erwachsenen Bienen und Larven aus. Andere direkte Effekte – insbesondere Kombinationen von Pflanzenschutzmitteln – stehen im Verdacht, bei längerer Exposition negative Auswirkungen auf Aktivität oder Orientierung von weiblichen Mauerbienen zu haben. Diese könnten dann weniger effizient Pollenvorräte für ihre Nachkommen sammeln. Doch es kommen auch indirekte Effekte in Frage: Wenn beispielsweise die Futterpflanzen zu weit weg sind, bleiben die Mütter länger weg. Dann haben Brut-Räuber und Parasiten leichteres Spiel. Können die Mütter weniger Pollen für die Brutzellen sammeln, investieren sie unter diesen schlechten Bedingungen möglicherweise mehr in den männlichen Nachwuchs. Die kleineren Männchen benötigen weniger Futterproviant als weibliche Nachkommen.

Die Agroscope-Fachleute schauen genau hin: Wie viele Nachkommen produzieren die Mauerbienen unter den verschiedenen Bedingungen? Wie ist das Geschlechterverhältnis der Nachkommen? Wie viele Larven sterben? Wie kräftig sind die Nachkommen? Dabei werden die Jungbienen gewogen.

Die Erkenntnisse aus den Versuchen sollen mithelfen, Maßnahmen zur Gesunderhaltung von Honig- und Wildbienenpopulationen zu entwickeln und zu optimieren. In einem Fachvideo wird Projektleiter Matthias Albrecht im Juli erläutern, was die Versuche an ersten Erkenntnissen hervorgebracht haben. (Agroscope)

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