Schweiz: Kompetenzzentrum für Trüffelbauern

Immer mehr Landwirte pflanzen im Nebenerwerb Trüffelbäume an. Viele von ihnen stürzen sich jedoch ohne ausreichende Vorkenntnisse ins Pilzabenteuer. Ein Agrarwissenschaftler der ETH Zürich will dies ändern.

Eichen, Buchen und weiter Baumarten sind auf der Plantage gepflanzt worden. Bild: ri/lid.ch.

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Heftige Graupelschauer jagen über das Feld auf dem Zollikerberg nahe Zürich. Hunderte junge Bäumchen stehen auf der rund ein Hektar großen Wiese und biegen sich im eisigen Wind. Gioele Fiori schlägt den Jackenkragen hoch und geht von Pflanze zu Pflanze. Es sind keine gewöhnlichen Eichen, Buchen und andere Arten, die hier wachsen – es ist die einzige Trüffelplantage am Zürichsee. Initiiert wurde sie von einem jungen Agrarwissenschaftler der ETH Zürich, der seine Bachelorarbeit über das Thema verfasst hatte. „Ich bin von Pilzen fasziniert, seit ich mit meinem Großvater zum ersten Mal auf der Suche nach ihnen durch den Wald streifte“, erinnert sich Fiori.

Falsche Versprechungen

Vor fünf Jahren hat er sich auf den Trüffelanbau in der Landwirtschaft spezialisiert. „Es ist eine tolle Idee für innovative Landwirte“, sagt er, „aber es gilt aufzupassen, dass man nicht zu blauäugig an die Sache rangeht.“ Es käme immer wieder vor, dass unseriöse Baumverkäufer den Bauern unrealistische Versprechungen machten. Dass in drei Jahren bereits Trüffeln zu ernten seien, zum Beispiel. Dass jeder Boden geeignet sei und dass die Bäume quasi ohne Pflege gediehen. Wer als Hobby ein paar Trüffelbäume im Garten pflanze und keinen Erfolg habe, der könne damit leben, sagt Fiori. „Aber bei den Landwirten geht es dann vielleicht um die Existenz.“

Risiken verteilen

Dass eine Trüffelplantage zuerst einmal einen großen finanziellen Aufwand und später viel Arbeit bedeutet, das wissen Barbara und Thomas Friedli. Gioele Fiori stand ihnen von Anfang an zur Seite und begleitet das Projekt auf dem Zollikerberg weiterhin. 2015 setzten Friedlis zusammen mit zehn Kollegen an einem Tag 900 junge Bäumchen. „Es war ein gewaltiger Kraftakt“, erinnert sich Barbara Friedli lachend, „aber es hat auch Spaß gemacht.“ All ihre Eichen, Buchen, schwarzen Föhren, Linden, Hasel, Tannen und Birken sind mit den Sporen der Tuber uncinatum, der sogenannten Burgunder-Trüffel, geimpft. Ein kleiner Teil auch mit der begehrten Perigord-Trüffel. „Wir wissen, dass sich durch die Klimaveränderung die Bedingungen für den Perigord-Trüffel in der Schweiz stetig verbessern“, erklärt der ETH-Wissenschaftler. Und weil sie in den Plantagen keine Konkurrenz durch andere Pilze hätten, stiegen ihre Chancen weiter.

Fiori hat die zertifizierten Bäume in Frankreich gekauft - von verschiedenen Produzenten. Damit wurde die Gefahr gebannt, dass sich später alle Pflanzen als Nieten erweisen könnten. „Es ist ein bisschen wie ein Portfolio bei Aktien“, sagt Fiori, „man muss das Risiko verteilen.“

Umfassende Betreuung

Damit das Risiko im Trüffelgeschäft möglichst tief gehalten werden kann, müssen verschiedenste Abklärungen getroffen werden. Ist der Boden geeignet? Stimmt der PH-Wert? Ist der Standort der richtige? Bei wem sollen die Bäume gekauft werden? Wie kann man den Boden optimieren? Wie muss der Bauer die Plantage deklarieren, um Direktzahlungen zu erhalten? Für all diese und auch all die anderen Fragen rund ums Trüffelbusiness in der Landwirtschaft will Fiori Antworten bieten. Sein Ziel ist es, ein Kompetenzzentrum für Trüffelproduzenten zu schaffen. „Der Landwirt soll durch alle Schritte - von der Vorbereitung bis zur Vermarktung - begleitet werden.“

Der Wissenschaftler ist auf gutem Weg: Unter dem Dach seiner Vereinigung „Pro Trüffel Schweiz“ sind neben Ökologen und Ökonomen auch erfolgreiche Trüffelproduzenten Ansprechpartner. Das Bundesamt für Landwirtschaft leistet finanzielle Unterstützung. „Wir erachten dieses Zentrum als eine wichtige Sache“, sagt Martin Weber vom Fachbereich Qualitäts- und Absatzförderung des BLW. Denn noch sei nicht viel Fachwissen vorhanden und für die Produzenten seien fundierte Erkenntnisse von entscheidender Bedeutung für ihre Trüffelprojekte.

Ganz wichtig sei der Informationsaustausch zwischen erfahrenen Trüffelanbauern und Neulingen. „Doch um sie alle zusammenzubringen, müssen wir erst einmal herausfinden, wie viele es überhaupt gibt“, sagt Fiori, „und wo sie sind.“ Er und seine Kollegen gehen davon aus, dass in der Schweiz etwa 100 Hektaren mit Trüffelbäumen bepflanzt sind und dass ein Produzent im Durchschnitt weniger als 1 Hektar bearbeitet. „Wir schätzen, dass höchstens 40 Prozent davon Landwirte sind.“ Die Antworten soll eine Umfrage liefern, die über die verschiedenen Trüffelorganisationen in der Schweiz lanciert wird.

Betrüger im Netz

Durch all die leicht zugänglichen Informationen von "Pro Trüffel Schweiz" soll auch vermieden werden, dass zukünftige Trüffelbauern auf dubiose Anbieter hereinfallen. "Im Internet tummeln sich Kreti und Pleti", sagt Fiori, "die wollen einfach ihre Bäume verkaufen." Und so komme es denn vor, dass sich Landwirte voller Enthusiasmus ins Trüffelbusiness stürzten und später ernüchtert vor einem Scherbenhaufen stünden. Und sei der Schaden erst einmal passiert, getrauten sich die Bauern aus Scham nicht, ihre negativen Erfahrungen zu teilen.

Gioele Fiori bietet von einer Initialberatung mit Bodenanalyse im Labor, bis hin zu einer kompletten Begleitung seine Fachkenntnisse an. Auch Friedlis Plantage auf dem Zollikerberg stattet der Agronom immer wieder einen Besuch ab. Von den 900 Bäumen sind 50 unterdessen eingegangen. "Die Mäuse haben ihre Wurzeln gefressen", stellt Friedli nüchtern fest. Auf Anraten des Fachmanns haben sie ein "Wiesel-Hotel", eine Anhäufung von großen Steinen, auf der Plantage erstellt. Die Wiesel sollen den Mäusen den Garaus machen.

8 bis 10 Jahre zum ersten Trüffel

Friedlis, die Ackerbau betreiben, machen sich keine Illusionen: Acht bis zehn Jahre wird es dauern, bis sie den ersten Trüffel ernten können. "Und von der ersten Ernte wird niemand reich", sagt Thomas Friedli lachend. Bis es soweit ist, müssen die Plantage regelmäßig gemäht, der Boden allenfalls aufgekalkt und die Pflanzen laufend gepflegt und kontrolliert werden. Thomas Friedli kommt auf 20- bis 30.000 Franken für seinen Hektar Trüffelplantage. "Die unzähligen Arbeitsstunden darf man gar nicht rechnen", ergänzt seine Frau. Dass durch die Trüffeln das Land ökologisch aufgewertet wird, ist für das Landwirtehepaar ein schöner Nebeneffekt, der auch vom Bund anerkannt und durch Direktzahlungen unterstützt wird.

Sollten dann tatsächlich Trüffel vom Hof der Friedlis auf den Markt kommen, ist für Absatz bereits vorgesorgt. Gourmetrestaurants und Comestibles, aber auch viele Privatpersonen hätten bereits Interesse angemeldet. Außerdem wollen sie die begehrte Knolle auf Dorfmärkten anbieten. Es sei zwar schade, dass man keine Früchte wachsen sehe, wie zum Beispiel bei Obstbäumen, sagt Barbara Friedli. Aber: "Wir sind zuversichtlich, geduldig und es ist ein äußerst spannendes Projekt." (Quelle: lid.ch)

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