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Schweiz: Eine Brennnesselwanze im Erdbeerland
Seit ungefähr zehn Jahren stellen pflanzenfressende Wanzen in Europa ein zunehmendes Problem dar. Die gepunktete Nesselwanze Liocoris tripustulatus, die auf Brennnesseln sehr verbreitet ist, befällt nun auch Erdbeeren im gedeckten Anbau und verursacht schwerwiegende Schäden. Die von Agroscope eingeleiteten Forschungsarbeiten haben zum Ziel, die Biologie dieser Wanze zu untersuchen und geeignete Bekämpfungsstrategien zu entwickeln. Pflanzenfressende Wanzen haben einen zunehmenden Einfluss auf die landwirtschaftliche Produktion in ganz Mitteleuropa. Gewisse exotische Arten konnten sich dank Klimawandel oder als Folge ungewollter Einfuhren in unseren Gegenden verbreiten. Die grüne Reiswanze Nezara viridula kam schrittweise aus dem Mittelmeerraum und die aus China stammende, marmorierte Baumwanze Halyomorpha halys ist auf gutem Weg, sich auf unserem Kontinent zu verbreiten.
Neue einheimische Schädlinge
Es kommt vor, dass einheimische Wanzen, die bisher keinen nennenswerten Einfluss auf die landwirtschaftliche Produktion hatten, plötzlich zu gefürchteten Schädlingen werden. Lygus rugulipennis ist eine Wanzenart, die hauptsächlich in Wiesen vorkommt, die reich an Leguminosen sind. Sie verursacht heute schwerwiegende Ernteverluste in verschiedenen Kulturen, insbesondere bei Erdbeeren und Auberginen. Die Ursache für das Übergreifen auf bisher verschonte Kulturen ist schwierig zu bestimmen. Eine Rolle spielen sicherlich Veränderungen der lokalen Umweltbedingungen, der Anbautechniken oder des Anbaukalenders.
Befall von Erdbeeren
Im Laufe der letzten Jahre stellten verschiedene Erdbeerproduzenten im Genferseegebiet Veränderungen auf den Erdbeeren in ihren Gewächshäusern fest. Diese deuteten auf die Aktivität einer ihnen unbekannten Wanzenart hin. Es stellte sich heraus, dass es sich um die Art Liocoris tripustulatus handelte. Zu dieser Wanze existieren kaum wissenschaftliche Veröffentlichungen, denn man ging bisher davon aus, dass sie nur auf Brennnesseln vorkommt.
Angesichts der wirtschaftlichen Schäden, die dieser Schädling verursacht, wurden bei Agroscope im Jahre 2013 entsprechende Forschungsarbeiten eingeleitet. Die biologischen Eigenschaften, die Phänologie und die sinnvolle Kontrolle der Population von L. tripustulatus sind Gegenstand einer laufenden Diplomarbeit.
Sinnvolle Bekämpfung: erste Ergebnisse erwartet
Die wenigen zugelassenen Pflanzenschutzmittel sind nicht kompatibel mit dem biologischen und integrierten Pflanzenschutz aufgrund ihrer Toxizität gegenüber Nützlingen, die in den Gewächshäusern zur Bekämpfung anderer Schädlinge eingesetzt werden. Bei den Erdbeeren verursacht Liocoris tripustulatus Schäden durch Einstiche auf den noch unreifen, grünen Erdbeeren. Wenn die Früchte grösser werden, verwandeln sich die Einstiche in spektakuläre Verformungen, die vergleichbar sind mit den Schäden der verwandten Wanzenart Lygus rugulipennis. Die Beobachtungen von Agroscope zeigen jedoch, dass Licoris tripustulatus bei vergleichbarer Populationsdichte ein deutlich höheres Schadenspotenzial aufweist.
Die derzeitigen Bekämpfungsversuche von Agroscope werden in einer kommerziellen Erdbeeranlage in der Region Genf durchgeführt. Sie basieren auf dem Prinzip der „Fangpflanzen“, die bereits für Lygus entwickelt wurden. Ziel ist es, die schädlichen Wanzen auf Pflanzen zu locken, die sie besonders mögen, und diese Pflanzen dann mit einem Insektizid zu behandeln, damit die Schädlinge gar nicht in die zu schützende Kultur eindringen können. Im Falle von Liocoris dienten die Grosse Brennnessel und die Luzerne als Fangpflanzen. Diese wurden in den unproduktiven Flächen zwischen den Gewächshäusern angelegt. Die ersten Auswertungen der Ergebnisse werden gegen Ende Sommer erwartet und sollen zeigen, ob die Anwendung dieser Bekämpfungsmethode in der Praxis erfolgreich ist.
Biologie und Phänologie
Die ersten Daten zur Biologie der L. tripustulatus zeigen, dass sie unter natürlichen Bedingungen als erwachsenes Insekt überwintert, normalerweise im Boden am lebenden Wurzelstock der Grossen Brennnessel. Im Frühling werden die Wanzen wieder aktiv und vermehren sich auf diesen Pflanzen. Die weiblichen Wanzen legen ihre Eier in das Stengelgewebe ab. Daraus schlüpfen Nymphen (Larven), die sich in fünf Stadien entwickeln. Die Nymphen und erwachsenen Wanzen ernähren sich hauptsächlich von Pflanzengewebe. Unsere Beobachtungen im Labor haben jedoch gezeigt, dass sie teilweise auch Fleischfresser sind. Sie greifen nicht nur kleine Insekten mit weichen Körpern (Blattläuse) an, sondern auch ihre Artgenossen. Ein Teil der erwachsenen Insekten der ersten Generation fliegt davon und kann so auch Erdbeerkulturen besiedeln, in denen dann die zweite Generation entsteht. Bisher ist noch nicht bekannt, ob unter günstigen Bedingungen im Jahreszyklus eine dritte Generation entstehen kann und welche Faktoren zur Dormanz führen (tiefe Temperaturen und/oder kürzere Tage). Sicher ist, dass die Wanze normalerweise am Ende des Sommers die schützende Pflanze verlässt, ausser wenn sie dort günstige Bedingungen für die Überwinterung vorfindet, vor allem das ständige Vorhandensein von lebenden Pflanzen (Unkräutern). In diesem Fall kann sich die erste Generation im darauffolgenden Frühling auf den frisch ausgepflanzten Erdbeerpflanzen entwickeln, was zu entsprechend schwerwiegenden wirtschaftlichen Schäden und Schwierigkeiten beim Pflanzenschutz führt. (acw)

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