Schweiz: Das frühe Erwachen der Wühlmäuse

Den Wühlmäusen war der trockene und heisse Sommer egal. Dieses Jahr sind sie besonders früh aktiv. Wie viele es sind, ist regional stark unterschiedlich. Viele Landwirte haben vorgesorgt: Die professionelle Mauserin Kathrin Hirsbrunner war schon im Herbst ausgebucht.

Die Fallen werden geleert und wieder gestellt, bis Hirsbrunner sicher ist, dass keine Maus mehr im Bau ist. Bild: mg, lid.ch.

Anzeige

Bunte Fähnchen zieren die Wiese in Hausen am Albis. Aus der Distanz scheint es als würde Kathrin Hirsbrunner einen Orientierungslauf veranstalten. Die Arbeitshose mit den Werkzeugen und die Handschuhe verraten allerdings, dass sie nicht zum Spaß auf dem Feld rumläuft: Die professionelle Mauserin verrichtet gerade ihre Arbeit.

Mit dem Beginn des Graswachstums erwachen die Wühlmäuse aus ihrer sexuellen Winterruhe. Der Vegetationsbeginn initiiert einen Hormonschub, die Mäuse paaren sich. Drei Wochen später kommen die Jungen zur Welt, vier in der Regel. Eine Mäusefamilie zählt daher meist 6 Exemplare. Manchmal leben aber auch 2 Weibchen mit ihrem Nachwuchs miteinander oder Kathrin Hirsbrunner stößt auf 2 Männchen im selben Bau. Dieser kann 40 bis 70 Meter lang sein. Auf dem Feld zeigen sich die Mäuse mit kleinen Hügeln, die eher flach ausfallen, im Gegensatz zu denen des Maulwurfs. Trotzdem sind sie verpönt - der Schaden, den ein paar Wühlmäuse anrichten können, ist groß.

Anstieg in Appenzell und St. Gallen

Der diesjährige milde Winter sei nicht per se ein Auslöser für eine höhere Mäusepopulation meint Cornel Stutz von der Forschungsanstalt Agroscope. In der Nord- und Nordostschweiz sowie in den Kantonen Bern und Solothurn seien die Populationen kleiner als im Vorjahr. "Die Sterblichkeit im Winter ist bei Schermäusen nicht sehr groß. Die Tiere sind an den Winter angepasst und graben sich tiefer in den Boden. Auch in einem harten Winter sterben so maximal 10% einer Population", meint Stutz, der für den Schermaus-Radar verantwortlich ist und jeden Frühling die schweizweiten Bestände erfasst und grafisch darstellt. Zurzeit ist der Radar noch in Arbeit. Schnee in höheren Lagen erschwerte die Erhebung bisher. Cornel Stutz kann aber bereits jetzt sagen, dass in den St. Galler Voralpen und im Appenzell die Schermauspopulationen im Anstieg sind.

Stutz vermutet, dass die Mäuse dieses Jahr rund 2 bis 3 Wochen früher Nachwuchs haben. Dafür sei der eher frühe Vegetationsstart verantwortlich, welcher allerdings standortbedingt ungemein variieren könne. Es komme dabei nicht nur auf die Höhe, sondern auch auf die Exposition des Feldes an. An Südhängen, wo die Vegetation schneller aus der Winterruhe erwacht, sind auch die Mäuse erfahrungsgemäß eher aktiv. Stutz führt weiter aus, dass die Trockenheit 2018 kaum einen Einfluss auf die Mäusepopulationen hatte. "Allein wegen der Trockenheit sind keine Schermauspopulationen zusammengebrochen. Sie wühlten zwar deutlich weniger, aber trotzdem hatte die Trockenheit nur einen kleinen Einfluss auf ihre Vermehrungsaktivität."

Prävention ist wichtig

Eine große Mäusepopulation auf der Parzelle eines Landwirtes oder in einer Baumschule ist nicht durch das Wetter bedingt. Landwirte oder Baumschulisten können vorbeugende Maßnahmen ergreifen. "Eine gute Wiesenpflege ist eine sinnvolle Prävention. Besonders gefährdet sind Wiesenbestände, die zu hoch in den Winter gehen", sagt Cornel Stutz. Wenn im Frühling ein Schaden sichtbar ist, sollten die Betroffenen zuerst prüfen, ob sich das Fangen oder Vergasen überhaupt lohne. "Sinnvoll ist das Mausen nur an Orten, wo der Mäusebestand bei weniger als 50 Mäusen pro Hektare liegt. Mit anderen Worten ausgedrückt, wenn weniger als 10% der Futterbaufläche durch Mäusebaue belegt ist. Bei größeren Populationen lohnt sich der Aufwand für die Mäusebekämpfung nicht mehr. Abschleppen und übersäen, bei großen Schäden auch Pflügen und eine frische Ansaat, sind in diesen Fällen geeignetere Optionen", so der Fachmann.

Knapp 120 Topcat-Fallen führt Hirsbrunner in ihrem geräumigen Auto mit, wenn sie zu einem Einsatz fährt. Sie findet, dass diese Fallen den besten Dienst erweisen. "Die Maus wird durch den Schlag ins Genick getötet" sagt Hirsbrunner. Mit prüfenden Blicken läuft sie übers Feld. Wo sie mehrere Hügel sieht, kann sie mithilfe einer Sonde testen, ob sich ein Bau unter der Erde befindet. Falls dies der Fall ist, gräbt sie mit ihrem Lochschneider ein Loch. Sie kontrolliert nochmals, ob sie einen Laufgang erwischt hat und setzt die Falle ein. Dann platziert sie ein Fähnchen daneben. Drei verschiedene Farben symbolisieren dabei die Aufstellzeit. So weiss sie, wann sie welche Fallen gesetzt hat.

Kathrin Hirsbrunner setzt den ganzen Tag Fallen, bis 1,5 Stunden vor Arbeitsschluss. Je nach Wetter muss sie sich aber ein wenig gedulden. "Es gibt Tage, an denen die Mäuse sehr schnell bereits unterwegs sind. An anderen Tagen sind sie keine Frühaufsteher", lacht die Fachfrau, "die Mäuse sind jeweils drei Stunden aktiv bevor sie sich etwa drei Stunden passiv verhalten." Das gebe ihr genügend Zeit für eine Mittagspause. Nach und nach beginnen die Fallen runterzuschnellen. Hirsbrunner bemerkt dies an einem charakteristischen Ton oder auch daran, dass die rot bemalten Hebel nach unten zeigen. Jetzt kann sie die Fallen leeren und wieder frisch stellen. "Theoretisch können bis zu 6 Mäuse, also eine ganze Familie, an einem Standort gefangen werden." Um zu überprüfen, ob ein Bau noch bewohnt wird, öffnet sie die Gänge oder lässt die Gänge nach dem Fangen offen. "Wenn ich später sehe, dass die Löcher wieder gestopft wurden, weiß ich, dass da noch eine Maus drin ist."

Hier, auf dem Feld im zürcherischen Hausen am Albis, waren die Schäden deutlich sichtbar. Bereits diesen Februar war Kathrin Hirsbrunner da, zusammen mit ihrer Mitarbeiterin hat sie auf drei Hektaren rund 1200 Fallen gesetzt und bisher 450 Mäuse gefangen. Das Feld war aber noch nicht ganz "ausgemaust". Deshalb reiste Hirsbrunner erneut an, um den Auftrag zu Ende zu bringen. Ihrem Ziel ist sie jetzt deutlich näher: "Ich kann garantieren, dass ich hier 95% der Mäuse gefangen habe", sagt sie. "Wenn ich später im Frühling, etwa im Mai, gekommen wäre, hätte ich rund 1200 Mäuse gefangen. Die Tiere hätten sich bis dahin bereits vermehrt. "Klar, diese Zahl klingt viel beeindruckender, aber schlussendlich will ich ja einfach das Feld ausräumen."

Kein Kopfgeld pro Maus

Sie wird nicht nach Anzahl Mäusen bezahlt, sondern handelt im Vornherein einen Betrag aus. Landwirte, Landschaftsarchitekten, Baumschulisten, Gärtner: Alle sind sie froh über die Arbeit der fleißigen Mauserin. Jeweils im Herbst ist sie bereits ausgebucht für den nächsten Frühling. "Aber ich nehme nicht mehr jeden Auftrag an. Die Arbeit ist anstrengend, und da soll sie wenigstens Sinn machen."

Nicht sinnvoll sei zum Beispiel eine Mäusebekämpfung in einem Feld, dessen Nachbarparzellen total voller Mäuse sind. "Da lohnt es sich nur, die Mäuse zu fangen, wenn der Nachbar bereit ist, auch Maßnahmen zu ergreifen. Ansonsten ist das Feld schnell wieder voller Mäuse, die sich in den leeren Wohnungen des verlassenen Feldes breitmachen", erklärt sie in einer bildhaften Sprache.

Der Fuchs als Helfer

Eine andere Variante ist ein Mäusezaun: Entlang dem rund 25cm aus dem Boden ragenden, ultrafeinen Maschendrahtzaun, werden die Mäuse geleitet und alle 40 bis 50 Meter von einer Mäusefalle in Empfang genommen. "Der Fuchs kann bei diesen Fallen dann die Klappe mit der Schnauze öffnen und die lebenden Tiere fressen." So einen Zaun instand zu halten ist allerdings arbeitsintensiv. Das Gras neben dem Zaun sollte gestutzt sein, damit Fuchs und Nachtgreifvögel die Beute gut sehen können. Für die Füchse legt Hirsbrunner jeweils die Tagesbeute an einen Haufen nahe eines Waldrandes oder einer Hecke. So sind sie in der Regel am nächsten Tag verschwunden. Füchse mögen die kleinen Tiere - ein Fuchs frisst locker 3000 Mäuse pro Jahr und ist somit wohl der beste Helfer der Mauserin.

Kathrin Hirsbrunner verrichtet ihre Arbeit gerne. Als sie sich vor 13 Jahren entschied, eine berufliche Neuorientierung zu wagen, war ihr wichtig, dass sie ihr eigener Chef ist und sich an der frischen Luft bewegen kann. "Immer wieder kann ich an so wunderbaren Orten wie hier meine Arbeit verrichten", schwärmt sie und zeigt dabei auf das Panorama von Luzerner und Glarner Alpen. Sie mag die Arbeit in und mit der Natur, auch wenn sie die kleinen Nager töten muss. "Ich staune immer wieder, was diese kleinen Geschöpfe alles so in ihren Bau reinziehen. Im Spätherbst, Winter oder Frühling stoße ich manchmal auf einen säuberlich gestapelten Haufen voller kleiner Obstbaumwurzeln oder ich finde eine Anhäufung von Löwenzahnwurzeln, die eine Maus nicht fressen konnte oder musste. Es fasziniert mich jedes Mal aufs Neue, auf welche Art und Weise die Tiere den Vorrat anlegen."

Trotz der Freude an der Arbeit freut sie sich auf die Pensionierung und hofft, das Wissen an jemanden weiterzugeben. Der Job sei aber weder prestigeträchtig noch bringe er viel Geld ein. Das sei ihr aber sowieso nicht so wichtig. Kaum gesagt, ist sie bereits wieder am anderen Ende des Feldes, wo sie Fallen leert und neu stellt. (lid.ch)

Der GABOT-Newsletter

Kommentare (0)

Bisher sind keine Kommentare zu diesem Artikel erstellt worden.