Baden-Württemberg: Herausforderungen für Obst- und Gemüseerzeuger

Das Jahr 2018 war von vielen Extremen für die genossenschaftliche Obst- und Gemüsewirtschaft geprägt.

Obstgroßmarkt Mittelbaden. Bild: Markus Dietze.

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Auf ein Jahr mit vielen Extremen schaut die genossenschaftliche Obst- und Gemüsewirtschaft in Baden-Württemberg zurück: Nicht nur die außergewöhnliche Hitze und langanhaltende Trockenheit stellten die Erzeuger im Jahr 2018 vor sehr große Herausforderungen. Auch die Vermarktung erwies sich aufgrund eines reichlichen Angebots und des hohen Wettbewerbsdrucks als schwierig. Dadurch gerieten die Preise unter Druck und die Erlöse deckten mitunter noch nicht einmal die Erntekosten. Allein bei den Äpfeln lag die Erntemenge im Marktobstbau mit rund 460.000 Tonnen viermal so hoch wie im Frostjahr 2017 mit rund 110.000 Tonnen. „Das Jahr 2018 zeigt sehr deutlich, wie vielfältig die Herausforderungen für die Erzeuger sind“, betonte Dr. Roman Glaser, Präsident des Baden-Württembergischen Genossenschaftsverbands (BWGV), auf der Jahrespressekonferenz der baden-württembergischen Obst-, Gemüse- und Gartenbaugenossenschaften in Karlsruhe.

Insgesamt 143.000 Tonnen Obst haben die genossenschaftlichen Erzeugermärkte im Jahr 2018 vermarktet. Das sind 34.000 Tonnen oder 21% weniger als im ohnehin schon sehr schwachen Vorjahr. Auf einem stabilen Niveau präsentiert sich dagegen die genossenschaftliche Gemüsewirtschaft: Insgesamt wurden 86.000 Tonnen zur Vermarktung angeliefert, 2% mehr als im Vorjahr. Das differenzierte Bild zeigt sich auch beim Umsatz: Der Gesamtumsatz der genossenschaftlichen Erzeugergroßmärkte und ihrer Vertriebsgesellschaften belief sich auf 407 Mio. Euro, ein Rückgang um rund 36 Mio. Euro oder 8%. Die Obstumsätze lagen 2018 bei 142 Mio. Euro (Vorjahr: 179 Mio. Euro) – ein Minus von rund 20%. Gemüse erzielte im vergangenen Jahr einen Umsatz von 233 Mio. Euro (Vorjahr: 226 Mio. Euro) – ein Plus von knapp 3%.

Großes Angebot an heimischen Äpfeln

Wie kann es sein, dass sich die außergewöhnlich gute Apfelernte nicht positiv auf die Vermarktung und den Umsatz auswirkt? „Die schwache Apfelernte aus dem Frostjahr 2017 hat sich erst im Vermarktungsjahr 2018 ausgewirkt“, erklärte Glaser. Ab April gab es so gut wie keine baden-württembergischen Äpfel mehr zu kaufen, sodass in der Vermarktungsbilanz vier komplette Monate fehlen. In Konsequenz halbierte sich der Umsatz auf gerade einmal 46,4 Mio. Euro (Vorjahr: 88 Mio. Euro). Die im Herbst 2018 geernteten Äpfel hatten es zudem schwer, in die Regale der Einzelhändler zu kommen, die von nicht-baden-württembergischer Ware belegt waren. Die Apfel-Vermarktung findet über das gesamte Jahr statt, daher schlägt sich die große Erntemenge nicht in der Vermarktungsbilanz des Kalenderjahres 2018 nieder. Glaser: „Aufgrund der hervorragenden Ernte in 2018 wird es bis zur neuen Ernte im Herbst 2019 ausreichend Äpfel aus Baden-Württemberg zu kaufen geben. Unsere Botschaft lautet daher: Sie können auch gerne zwei Äpfel am Tag essen.“ Die Hauptsorten im Südwesten sind Elstar, Jonagold und Gala. Die drei Sorten machen gut ein Drittel aller geernteten Äpfel aus. Aufgrund der großen Ernte dämpft Glaser allerdings die Erwartungen hinsichtlich des Umsatzes: „Das große Angebot drückt auf die Vermarktungspreise und damit auch auf die Erlöse. Der gezielte Einkauf heimischer Äpfel hilft daher ganz gezielt auch unseren Obstbauern.“

Hoher Preisverfall bei Erdbeeren

Für die Erdbeererzeuger war 2018 ein schwieriges und wenig zufriedenstellendes Jahr: Hitze und hohe Temperaturen erschwerten die Produktion und führten teilweise zu Sonnenbrandschäden auf den Früchten. Der zeitliche Ernteabstand zwischen Tunnelanlagen, Anlagen mit Folien- und Vliesabdeckungen sowie Freilandfeldern schmolz zudem zusammen. Dies sorgte für große Tagesanlieferungen. Hinzu kam, dass der Lebensmittelhandel noch mit Importware eingedeckt war. So fanden die Verbraucher die heimischen Erdbeeren bei manchen Handelspartnern erst mit zwei Wochen Verspätung. Diese Faktoren führten zu einem dramatischen Preisverfall gleich zu Beginn der Vermarktungssaison. Der durchschnittliche Kilopreis lag bei 2,20 Euro. In 2017 lag er einen Euro höher bei 3,19 Euro. „Zu diesem Preis ist allein die Ernte nicht mehr kostendeckend; dennoch müssen die Früchte aus den Feldern gebracht werden, um den Produktionsstandort Natur gesund zu halten“, machte Glaser die schwierige Situation deutlich. 10.800 Tonnen Erdbeeren vermarkteten die genossenschaftlichen Erzeugermärkte. Das sind 3.000 Tonnen oder 33% mehr als im Vorjahr. Dagegen sank der Umsatz um 4% auf 24,2 Mio. Euro (Vorjahr: 24,7 Mio. Euro).

Noch stärker fällt die Diskrepanz zwischen Erntemenge und Umsatzerlösen bei den Zwetschgen aus: 243% mehr Erntemenge schlagen mit einer Umsatzsteigerung von 56% gegenüber dem Vorjahr zu Buche. Insgesamt wurden mit 17.600 Tonnen (Vorjahr: 5.100 Tonnen) Zwetschgen 10,8 Mio. Euro (Vorjahr 6,9 Mio. Euro) umgesetzt.

Glaser: „Nach den kalten Tagen bis Ende März hat das gute Wetter im April zu einer schnell einsetzenden aber kurz andauernden Obstblüte 2018 geführt. Die Bäume haben wegen des fehlenden Ertrags im Jahr 2017 Energie gespart, was sich erwartungsgemäß 2018 in einer großen Erntemenge niederschlug. Die Hitze und Trockenheit im Land haben dann eine noch größere Erntemenge verhindert.“

Schwierige Spargelsaison

Auch die Spargelsaison war alles andere als zufriedenstellend. Der März war noch ungewöhnlich nass und kalt und verzögerte das Austreiben der Spargelstangen. Nur in den beheizten Anlagen konnte bereits Anfang März der erste Spargel gestochen werden. Mit dem Temperaturanstieg im April sind dann innerhalb kurzer Zeit große Mengen an Spargel auf den Markt gekommen und sorgten für einen erheblichen Preisdruck. Zu Pfingsten Mitte Mai befand sich die Spargelsaison mit großen Angebotsmengen und niedrigen Preisen auf dem Höhepunkt. Wegen der hochsommerlichen Temperauren wurde die Ernte mitunter Anfang Juni schon eingestellt. Mit 5.400 Tonnen sank im vergangenen Jahr die Absatzmenge um 5%. Der Gesamtumsatz verringerte sich auch aufgrund gesunkener Kiloerlöse um 10% auf 21,7 Mio. Euro (Vorjahr: 24,1 Mio. Euro).

Erfreulicher verlief die Saison für Tomaten: Mit 17.300 Tonnen konnte die Erntemenge um 6% gesteigert werden. Bei einem gleichzeitig auf 1,75 Euro pro Kilogramm gestiegenen Durchschnittserlös (Vorjahr: 1,70 Euro) wurde mit 30,4 Mio. Euro ein Umsatzplus von 15% erreicht.

Bei Paprika gelangten mit 4.500 Tonnen 20% weniger in die Vermarktung. Der Umsatz stieg dagegen um 6% auf 10,4 Mio. Euro. Die Preise für Salate und Frischgemüse waren in der Frühsaison aufgrund eines guten Angebots durchschnittlich. Nach dem kalten und nassen Februar und März setzte die langanhaltende warme und trockene Periode ein, die ab Jahresmitte zu einer knappen Marktversorgung und Preisanstiegen führte. „Der genossenschaftliche Gemüseanbau stand auch in Baden-Württemberg im Zeichen der Trockenheit und der Hitze. Es hat sich einmal mehr gezeigt, wie wichtig der geschützte Anbau ist. In den Gewächshäusern ist eine durchgängige Bewässerung gesichert, im Freiland kann eine vollständige Wasserversorgung bei Trockenheit nicht immer gewährleistet werden“, stellte Glaser heraus. Darüber hinaus sei die notwendige Zusatzbewässerung in einem Jahr wie 2018 mit erheblichen Mehrkosten und erhöhtem Arbeitsaufwand verbunden, betonte der BWGV-Präsident.

Umsatz bei Gartenbaugenossenschaften auf Vorjahresniveau

Trotz der Trockenheit schauen die neun Gartenbaugenossenschaften in Baden-Württemberg positiv auf das zurückliegende Jahr. Mit ihren Mitgliedern haben die Genossenschaften wie im Vorjahr einen Gesamtumsatz von rund 32 Mio. Euro erzielt. Der Verkauf von Blumen und Pflanzen erfolgt bei den meisten Blumengroßmärkten in Eigenregie der Mitglieder. Dabei haben die Mitglieder wie im vergangenen Jahr einen Gesamtumsatz von rund 100 Mio. Euro erzielt. „Die Blumenbranche hängt insbesondere bei Schnittblumen und Beetblumen stark von Feiertagen sowie deren Termine im Kalender ab. Ostern war 2018 bereits Ende März. Aufgrund dieses frühen Termins in Verbindung mit dem nasskalten Frühjahr, litt der Verkauf von Frühjahrsblühern wie etwa Tulpen, Narzissen oder Stiefmütterchen“, erklärte Glaser. Das gute Wetter im April und Mai hat den regionalen Erzeugern dann jedoch eine erfolgreiche Beetblumen-Saison beschert. In den Sommermonaten waren insbesondere mediterrane, trockenheitsresistente Pflanzen gefragt.

Mangel an Erntehelfern kann zu Betriebsaufgaben führen

Mit großer Sorge sieht Glaser die zunehmenden Schwierigkeiten der Erzeuger, genügend Erntehelfer zu bekommen. „Das Jahr 2018 hat schonungslos vor Augen geführt, dass bei einer großen Ernte mitunter nicht mehr alles geerntet werden kann, beziehungsweise dass bei niedrigen Preisen gar nicht kostendeckend geerntet werden kann“, sagte Glaser und ergänzte: „Unseren Erdbeerbauern blieb gar nichts anderes übrig, als reife, aber nicht absetzbare Früchte dennoch zu ernten und so auch noch Geld in die Anlagen zu tragen.“ Die Problematik von weniger werdenden Erntehelfern ist seit längerem bekannt und verschärft sich zunehmend: Der wirtschaftliche Aufschwung in Osteuropa sorgt dafür, dass viele bisherige Erntehelfer direkt in ihrer Heimat Arbeit finden und nicht mehr als Saisonkräfte ins Ausland gehen. Außerdem herrscht in ganz Europa ein intensiver Wettbewerb um saisonale Arbeitskräfte. Auch Branchen wie die Bauwirtschaft oder Paketdienste haben Hochkonjunktur und verschärfen den Wettbewerb. Glaser: „Der Mangel an Erntehelfern und der zunehmende Kostendruck durch den Mindestlohn stellen viele Bauern im Südwesten vor existenzielle Herausforderungen. Als Folgen drohen Flächenstilllegungen und vorzeitige Erntestopps bis hin zu Betriebsaufgaben. Die bisherige Vielfalt an regionalen, nachhaltig produzierten und gesunden Lebensmitteln werden unsere Obst- und Gemüse-Genossenschaften sowie die dahinterstehenden Erzeugerbetriebe so nicht garantieren können. Die Leidtragenden wären in diesem Fall die Verbraucher.“

BWGV fordert mehr Wertschätzung gegenüber Landwirten

In diesem Zusammenhang plädierte Glaser für mehr Wertschätzung gegenüber den Landwirten und ihrer Arbeit. „Egal ob es um den notwendigen Einsatz von Dünge- oder Pflanzenschutzmitteln oder um die Erneuerung und Erweiterung von Anlagen für den geschützten Anbau geht – Landwirte werden immer wieder kategorisch kritisiert. Dabei handeln die Landwirte sehr verantwortungsvoll und auch im Eigeninteresse nach den Grundsätzen der Nachhaltigkeit und der wissenschaftlich anerkannten guten Agrarpraxis.“ Darüber hinaus sei es auch entscheidend, dass die Obstbauern sowie Gemüse-, Gartenbau- und Blumengärtner von ihrer Arbeit leben können: „Jeder Verbraucher muss selbst seine Einkaufsgewohnheiten auf den Prüfstand stellen und sollte sich selbstkritisch fragen, was er bereit ist, für heimische Lebensmittel und Gartenbauprodukte zu bezahlen.“

Mit Nachdruck wirbt Glaser erneut für die Einführung einer steuerfreien Risikoausgleichsrücklage zur besseren Absicherung gegen Ernteausfälle: „Der Ausbau von Schutzmaßnahmen gegen Witterungsextreme wird immer wichtiger. Die Landwirtschaft nach dem genossenschaftlichen Prinzip der ‚Hilfe zur Selbsthilfe‘ hierbei zu unterstützen ist der richtige Weg.“ (BWGV)

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