Laimburg: Strategie zur Bekämpfung der Kirschessigfliege

In dem vom Versuchszentrum Laimburg koordinierten EFRE-Projekt wurde eine innovative Strategie zur Bekämpfung der Kirschessigfliege entwickelt.

Im „Windkanal” wurden Experimente durchgeführt, um die anziehende Wirkung von Substanzen auf die Kirschessigfliege zu untersuchen. ©Swedish University of Agricultural Sciences/Annamia Olvmyr.

Die aus Südostasien stammende invasive Kirschessigfliege (Drosophila suzukii) verursacht seit 2011 erhebliche Schäden an Kulturpflanzen in verschiedenen europäischen Ländern. In Südtirol besonders betroffen sind Kirschen, Erdbeeren, Himbeeren, Heidelbeeren sowie Trauben der lokalen Rebsorte Vernatsch. Mit dem Ziel eine innovative und nachhaltige Strategie zur Bekämpfung des Insekts zu entwickeln, führte das Versuchszentrum Laimburg in Zusammenarbeit mit der Freien Universität Bozen das Projekt DROMYTAL durch, welches vom Europäischen Fonds für regionale Entwicklung EFRE 2014–2020, „Investitionen in Wachstum und Beschäftigung“ gefördert wurde. Die Ergebnisse des Projekts wurden im Rahmen des offiziellen Abschlussevents am Freitag, 11. Dezember 2020 in einer Live-Schaltung auf YouTube vorgestellt.

„Die Förderung einer nachhaltigen Landwirtschaft ist eines unserer wichtigsten Ziele und dank Forschungsprojekten wie DROMYTAL ist es nun möglich ganz konkret die Aufwandmenge an Pflanzenschutzmitteln auf den Kulturen zu reduzieren, um diesem Schadinsekt Herr zu werden. Auf diese Weise nähern wir uns Schritt für Schritt unserem Maximalziel an, nämlich der Obstgarten Europas mit der größten Biodiversität zu werden“, betonte Agrarlandesrat Arnold Schuler zur Begrüßung. „Ziel unserer Arbeit im Bereich Pflanzenschutz ist es verschiedene Strategien zu testen und zu entwickeln, um die Ernte zu sichern, die Qualität des Ernteguts zu erhalten und gleichzeitig die Umwelt und die Gesundheit des Konsumenten zu schützen“, sagte der Leiter des Instituts für Pflanzengesundheit am Versuchszentrum Laimburg, Klaus Marschall: „Das Projekt DROMYTAL ist ein sehr konkretes Beispiel dafür, wie die angewandte Forschung direkt auf die Probleme der landwirtschaftlichen Praxis reagieren und Lösungsansätze bereitstellen kann. Hier haben wir es geschafft eine innovative Methode zur Bekämpfung eines invasiven Schädlings zu entwickeln, und das mit einer im Vergleich zu konventionellen Methoden beträchtlich reduzierten Aufwandmenge an Pflanzenschutzmitteln“ bekräftigte Marschall. „Der nächste wichtige Schritt besteht nun darin, diese Strategie auch für die Anwendung in der Praxis verfügbar zu machen.“

Köderverfahren „Attract & Kill“: Gezielte Behandlung, reduzierte Aufwandmenge, bessere Umweltverträglichkeit

Im Projekt DROMYTAL hat das Forscherteam unter der Leitung des Versuchszentrums Laimburg mit dem sog. „Attract & Kill“-Verfahren eine innovative Strategie zur Bekämpfung der Kirschessigfliege entwickelt. „Diese Strategie beruht auf einem besonderen Hefelockstoff, dem ein geeignetes Insektizid beigemengt wird“, erklärte die Expertin für invasive Schädlinge am Versuchszentrum Laimburg, Silvia Schmidt, die das Projekt geleitet hatte. „Die Formulierung lockt den Schädling auf gezielten Flächen an, die Kirschessigfliege wittert in der Hefe eine Nahrungsquelle und verendet dann am beigemengten Insektizid.“ Die Besonderheit an dem neuen Verfahren: Wo möglich, wird die Hefelockstoffformulierung gezielt auf die Blätter aufgebracht, nicht auf die Früchte. Auf diese Weise ist es nicht erforderlich die gesamte Anlage zu behandeln. Dadurch reduziert sich die Aufwandmenge an Insektizid pro Hektar beträchtlich, eine eventuelle Rückstandsbelastung an Früchten wird von Vornherein minimiert und die Behandlungen sind damit umweltverträglicher sowie nachhaltiger: „Unsere „Attract & Kill“-Strategie hat im Freiland bereits bewiesen den Befall durch die Kirschessigfliege wirksam und nachhaltig zu bekämpfen, und zwar gleichermaßen wie Behandlungen mit konventionellen Insektiziden, aber mit einer Reduktion der Aufwandmenge um ein Drittel und einer besseren Umweltverträglichkeit“, erklärte Schmidt.

Erfolg durch interdisziplinäre Forschung

Das Projekt DROMYTAL wurde durch die Zusammenarbeit eines interdisziplinären Forscherteams mit Kompetenzen in Entomologie, Chemie und chemischer Ökologie, Mikrobiologie sowie Verhaltensstudien ermöglicht. Auf diese Weise konnten die in den Laborversuchen gewonnenen Erkenntnisse in Halbfreilandversuche in Gewächshäusern übertragen und die entwickelte Strategie schließlich im Freiland getestet und überprüft werden. Die Forscher der Arbeitsgruppe Entomologie des Versuchszentrums Laimburg unter der Leitung von Silvia Schmidt wählten verschiedene interessante Hefestemme aus und züchteten diese. Darüber hinaus führten sie Untersuchungen im Feld durch, um die für die Kirschessigfliege attraktivste Hefe zu identifizieren. Im Labor und im Gewächshaus wurden verschiedene Formulierungen aus Hefelockstoff und Insektizid bewertet. Um die Strategie dann auf verschiedene Anbaubedingungen anzupassen, wurden Wirksamkeitsuntersuchungen durchgeführt. Im Labor für Aromen und Metaboliten des Versuchszentrums Laimburg untersuchten Chemiker unter der Leitung von Daniela Eisenstecken die Metaboliten, die aus der Verstoffwechselung der bioaktiven Hefekulturen hervorgehenden. Ziel war es, jene Metaboliten zu identifizieren, die die Kirschessigfliege dazu bringen, sich von der Hefe zu ernähren. Darüber hinaus wurde untersucht, wie lange die Metaboliten nach einer Behandlung auf der Blattoberfläche fortbestehen, um die Wirksamkeit des „Attract & Kill“-Verfahrens zu überprüfen. Im Labor für Entomologie und Fruchtanalysen der Freien Universität Bozen führte das Forscherteam unter der Leitung von Sergio Angeli eine chemische Charakterisierung der flüchtigen Hefeduftstoffe durch und überprüfte, welche dieser Duftstoffe effektiv von der Kirschessigfliege wahrgenommen werden.

Verhaltensstudien im Windkanal

Im Projekt involviert war auch ein Forscherteam der Schwedischen Universität für Agrarwissenschaften SLU unter der Leitung von Paul Becher: Die Forscher untersuchten, wie man das Verhalten der Kirschessigfliege mithilfe flüchtiger Moleküle, die bei der Fermentation der Hefen entstehen, beeinflussen kann. Dazu wurden Experimente im sog. „Windkanal“ durchgeführt. In diesem Gerät fliegen die Insekten gegen den Wind, um eine Duftquelle zu erreichen, die sie als attraktiv wahrnehmen. Auf diese Weise kann die tatsächliche Attraktivität einer Substanz auf den Schädling überprüft werden. Weitere Versuche wurden durchgeführt, um sicherzustellen, dass die Beimengung des Insektizids die fraßfördernde Wirkung der Formulierung nicht negativ beeinflusst. (fmh)