Pestizide: Rückstände in konventionellem Obst

Das CVUA Stuttgart fand viele Rückstände und Kontaminanten in Frischobst aus konventionellem Anbau von 2016.

Von 853 Proben wiesen 96% Rückstände von verschiedenen Pestizid-Wirkstoffen auf. Bild: GABOT.

Im Jahr 2016 wurden am CVUA Stuttgart insgesamt 853 Proben Frischobst aus konventionellem Anbau auf Rückstände von über 700 verschiedenen Pestiziden, Pestizidmetaboliten sowie Kontaminanten untersucht. 820 dieser Proben (96%) wiesen Rückstände von insgesamt 188 verschiedenen Pestizid-Wirkstoffen auf (im Jahr 2015: 179 Wirkstoffe; 2014: 192 Wirkstoffe; 2013: 193 Wirkstoffe; 2012: 197 Wirkstoffe; 2011: 184 Wirkstoffe). Insgesamt wurden 5.481 Rückstände gefunden. Bei 59 Obstproben (6,9%) wurden Höchstmengenüberschreitungen festgestellt. Im Vergleich zum Vorjahr ist die Beanstandungsquote damit in etwa in der gleichen Größenordnung (im Jahr 2015: 5,2%, 2014: 11%; 2013: 4,8%; 2012: 4,5%; 2011: 3,6%). Der Anteil an Proben mit Höchstmengenüberschreitungen für den Wirkstoff Chlorat beträgt 2,1% (1,6% im Jahr 2015; 6,9% in 2014), wobei für acht Proben (0,9%) die Höchstmenge nur gering überschritten wurde (< 0,02 mg/kg). Die im Jahr 2015 festgestellte Quote hat sich damit erfreulicherweise in etwa gehalten und liegt deutlich niedriger als bei Gemüse.

Vorbemerkung

Funde von Pestizidrückständen in pflanzlichen Lebensmitteln bedeuten nicht zwangsläufig, dass sie aus einer Anwendung von Pflanzenschutzmitteln oder Bioziden stammen.

Ausweitung des Untersuchungsspektrums für alle Proben

Auch 2016 wurden wieder alle Proben routinemäßig mit der QuPPe-Methode auf sehr polare Stoffe untersucht, die mit der QuEChERS-Multi-Methode nicht erfasst werden können. Zu den Vertretern dieser Gruppe gehören die Fungizide Fosetyl und Phosphonsäure, die häufig im Obstbau eingesetzt werden, das Herbizid Chlorat sowie Perchlorat, das als Kontaminant eingestuft wird (siehe auch Kapitel, Chlorat, Phosphonsäure und Perchlorat).

Die Proben kamen aus 39 verschiedenen Herkunftsländern, wobei die Mehrzahl allerdings aus Deutschland (291), Spanien (169), Italien (80), Südafrika (47), Türkei (43) und Brasilien (25) stammten. Die höchste Quote mit Proben über der Höchstmenge betraf Proben aus der Türkei (19%) und Brasilien (20%).

Im Jahr 2016 wiesen 820 (96%) der Obstproben Rückstände auf. Es wurden 188 verschiedene Pestizidwirkstoffe gemäß der Rückstandsdefinition (siehe Anlage 4) nachgewiesen, das entspricht einschließlich aller Metaboliten und Kontaminaten 247 Einzelsubstanzen. Im Schnitt wurden 6,4 verschiedene Wirkstoffe pro Probe nachgewiesen. Der mittlere Pestizidgehalt lag bei den untersuchten Obstproben bei 0,43 mg/kg ohne Fosetyl (Summe), ohne Bromid sowie ohne die Oberflächenbehandlungsmittel Thiabendazol, Imazalil und ortho-Phenylphenol, die hauptsächlich auf der Schale von Zitrusfrüchten, z. T. auch von Kernobst und exotischen Früchten in größeren Mengen vorkommen.

Darstellung der Ergebnisse für die einzelnen Obstarten

Beerenobst enthielt im Mittel 7,5 verschiedene Wirkstoffe und wies im Mittel 0,6 mg Pestizide pro kg (mittlerer Pestizidgehalt ohne Fosetyl Summe, Oberflächenbehandlungsmittel und Bromid) auf. Die empfindlichen Früchte sind anfällig für Pilzerkrankungen, vor allem bei feuchter Witterung.

Zwei Proben Johannisbeeren aus Deutschland waren 2016 besonders auffällig. Eine Probe enthielt vier (Captan, Difenoconazol, Folpet, Tebufenozid), die andere sieben Wirkstoffe (Dimethoat, Summe, Fenazaquin, Folpet, Procymidon, Tebufenozid, Triflumuron, Vinclozolin) über der Höchstmenge; insgesamt wurden in den beiden Proben 19 bzw. 25 verschiedene Wirkstoffe nachgewiesen. Beide Proben stammten aus demselben Betrieb. Derart belastete Proben sind jedoch glücklicherweise die absolute Ausnahme.

Kernobst enthielt im Mittel 8,3 verschiedene Wirkstoffe und wies im Mittel 0,31 mg Pestizide pro kg (mittlerer Pestizidgehalt ohne Fosetyl Summe, Oberflächenbehandlungsmittel und Bromid) auf. Damit ist die Anzahl verschiedener Wirkstoffe leicht höher als bei Beerenobst, die Rückstandsmenge ist jedoch nur halb so hoch.

Eine Probe türkischer Birnen enthielt Chlorpyrifos mit einem Gehalt von 0,2 mg/kg. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit hat im April 2014 neue toxikologische Referenzwerte veröffentlicht. Für Chlorpyrifos wurde eine ARfD von 0,005 mg/kg Körpergewicht abgeleitet (EFSA 2014 [4]). Bei der Anwendung des EFSA PRIMo-Modells der EU bezogen auf Kleinkinder errechnet sich bei dem in der Birnenprobe festgestellten Rückstandsgehalt an Chlorpyrifos von 0,20 mg/kg eine Aufnahmemenge von 0,0182 mg/kg Körpergewicht (Variabilitätsfaktor 7), was einer Ausschöpfung der ARfD von 364 % entspricht, obwohl die Höchstmenge von 0,5 mg/kg nicht überschritten ist. Die Probe wurde als nicht sicher beurteilt.

Steinobst enthielt im Mittel 6,3 verschiedene Wirkstoffe und wies im Mittel 0,26 mg Pestizide pro kg (mittlerer Pestizidgehalt ohne Fosetyl Summe, Oberflächenbehandlungsmittel und Bromid) auf.

Eine Probe deutscher Kirschen enthielt Dimethoat (Summe aus Omethoat und Dimethoat) mit einem Gehalt von 0,82 mg/kg Probe. Die Höchstmenge beträgt 0,2 mg/kg. Bei der Anwendung des EFSA PRIMo-Modells der EU bezogen auf Kleinkinder errechnet sich eine Ausschöpfung der ARfD von 276%. Auch diese Probe wurde als nicht sicher beurteilt.

Zitrusfrüchte enthielten im Mittel 7 verschiedene Wirkstoffe und wiesen im Mittel 0,48 mg Pestizide pro kg (mittlerer Pestizidgehalt ohne Fosetyl Summe, Oberflächenbehandlungsmittel und Bromid) auf.

Höchstmengenüberschreitungen bei Zitrusfrüchten betraf in vier Fällen Chlorat. Lediglich eine Probe chinesischer Pomelo wies Dicloran über der Höchstmenge auf, eine Probe Kumquat aus Spanien enthielt das Insektizid Lambda-Cyhalothrin über der Höchstmenge. In China wird das Fungizid Dicloran, Berichten zufolge, benutzt um die Schale der Früchte vor Beschädigungen und Flecken zu schützen.

Exotische Früchte waren die Obstgruppe mit der höchsten Beanstandungsquote (11%). 19 von 175 untersuchten Proben wiesen im Jahr 2016 Rückstände über der Höchstmenge auf. Dabei waren Granatäpfel aus der Türkei und Passionsfrüchte aus Kolumbien besonders auffällig. Für exotische Früchte ist die Höchstmenge für Fosetyl, Summe mit 2,0 mg/kg vergleichsweise niedrig, so dass insgesamt 7 Proben über dieser Höchstmenge lagen.

Mehrfachrückstände

Rückstände mehrerer Pestizide waren auch im Jahr 2016 bei Obst sehr häufig nachweisbar: 770 Obstproben (90%) wiesen Mehrfachrückstände auf (im Jahr 2015: 89%, 2014: 95%; 2013: 85%; 2012 83%). Stark von den untersuchten Proben und deren Herkunft abhängig. Da jedes Jahr andere Schwerpunkte gesetzt werden oder risikoorientiert bestimmte aktuelle Fragestellungen bearbeitet werden, sind die Ergebnisse eines Jahres als nicht repräsentativ anzusehen.

Dennoch können, insbesondere wenn die Rückstandssituation über mehrere Jahre betrachtet wird, Trends festgestellt werden. Anzahl untersuchter Stoffe wurde in den vergangenen 5 Jahren kontinuierlich angepasst und erweitert. Während 2012 im Mittel auf etwa 600 Pestizide geprüft wurde, waren es 2016 648 Stoffe (jeweils entsprechend der rechtlichen Rückstandsdefinition.

Die Ausweitung der Untersuchung und ein Rückgang von Rückstandsgehalten durch Nacherntebehandlung (Waschen, Wachsen etc.) haben gegenläufige Auswirkungen auf die Anzahl Pestizide, die nachweisbar sind. Wie Abbildung 2 zeigt ist für die Jahre 2012 bis 2016 für alle Obstarten ein leichter Anstieg der Anzahl nachgewiesener Wirkstoffe zu beobachten.

Am besten schneiden exotische Früchte ab, die im Mittel über alle 5 Jahre 2,8 Wirkstoffe pro Probe enthielten. Steinobst liegen mit 5,7 pro Probe im Mittelfeld. Beerenobst und Zitrusfrüchte enthielten im Mittel über 5 Jahre 6,7 bzw. 6,5 Wirkstoffe und Kernobst lag mit 7,3 Wirkstoffen pro Probe an der Spitze. Bei Kernobst ist die mittlere Anzahl an Pestizidwirkstoffen seit 2012 kontinuierlich von 6,1 auf 8,3 angestiegen.

Beim Vergleich der Anzahl an verwendeten Pestizidwirkstoffen muss berücksichtigt werden, dass die einzelnen Kulturen in den verschiedenen klimatischen Zonen einem unterschiedlich starken Schädlingsdruck ausgesetzt sind. Entsprechend individuell und unterschiedlich sind somit auch die erforderlichen Pflanzenschutzmaßnahmen.

Einzelne Stoffe mit Besonderheiten Chlorat

Chlorat-Rückstände in pflanzlichen Lebensmitteln können neben der Anwendung als Herbizid verschiedene andere Ursachen haben (siehe Infokasten). Bei Obst spielen Chloratbefunde, im Vergleich zu Gemüse jedoch eine sehr untergeordnete Rolle.

Phosphonsäure Im Jahr 2016 wurde die Untersuchung auf Fosetyl (Summe aus Fosetyl und Phosphonsäure) fortgeführt. Rückstände an Phosphonsäure können als Folge der Anwendung der fungiziden Pflanzenschutzmittelwirkstoffe Fosetyl und Phosphonsäure (in Deutschland im Obst- und Gemüsebau, z.B. bei Salaten, Gurken, Tomaten, Erdbeeren etc. zugelassen) sowie aus früheren Anwendungen von Pflanzenstärkungsmitteln (sog. Blattdünger) auftreten. Mit der EU-weiten Einstufung von Phosphonsäure als Fungizid sind diese Anwendungen jedoch nicht mehr möglich. Als gesetzliche Höchstmenge ist die Summe aus Fosetyl und Phosphonsäure sowie deren Salzen festgesetzt. In Obstproben wurde Phosphonsäure in 481 Proben, das entspricht 56% aller untersuchten Obstproben, mit Gehalten bis 86,2 mg/kg berechnet als Fosetyl, Summe nachgewiesen. 17 Proben (2%) wurden wegen einer Überschreitung der Höchstmenge an Fosetyl, Summe beanstandet (siehe Anlage 1). Aufgrund der durchschnittlich vergleichsweise hohen Fosetyl-Rückstände wird der mittlere Pestizidgehalt pro Probe stark beeinflusst. In Tabelle 1 wird der mittlere Pestizidgehalt pro Probe deshalb auch ohne Fosetyl (Summe), angegeben.

Perchlorat

Perchlorate sind Salze der Perchlorsäure. Sie sind in Wasser meist leicht löslich und in der Umwelt persistent (dauerhaft verbleibend). In der Umwelt kommen diese sowohl anthropogen, d.h. durch den Menschen verursacht, als auch natürlich in Minerallagerstätten vor. Perchlorat wird aber auch durch oxidative Vorgänge in der Atmosphäre gebildet und lagert sich mit dem Staub ab. Die industrielle Verwendung der Perchlorate ist umfangreich und sehr vielfältig: Sie werden in der metallverarbeitenden Industrie, in der Papierveredelung, als Entwässerungsmittel, als Oxidationsmittel sowie als Spreng- und Treibstoffe eingesetzt. Eine weitere Eintragsmöglichkeit könnte die Verwendung von Chilesalpeter als Düngemittel sein. Hauptabbaugebiete des Düngers sind natürliche Vorkommen in der Atacama-Wüste. In solchen trockenen Gebieten reichert sich Perchlorat an, da es nicht durch Niederschläge in den Wasserkreislauf gelangen und somit nicht langsam durch Mikroorganismen abgebaut werden kann.

Perchlorate sind derzeit in der EU weder als Pflanzenschutzmittel, noch als Biozide zugelassen. Perchloratbefunde fallen deshalb unter die Regelungen der Kontaminanten-Verordnung, die zum vorbeugenden Schutz des Verbrauchers ein allgemeines Minimierungsgebot für Fremd­stoffe in Lebensmitteln enthält.

Etwa sechs bis 8% aller konventionellen Obstproben (2732 Proben wurden in den Jahren 2013 bis 2016 untersucht) enthalten Perchlorat, allerdings überwiegend in sehr kleiner Konzentration. Lediglich 0,3% der Proben wiesen 2016 Gehalte über 0,1 mg/kg auf: eine Probe Kirschen aus der Türkei 0,98 mg/kg, eine Probe Grapefruit aus Spanien 0,19 mg/kg und eine Probe Tafeltrauben aus Chile enthielt 0,12 mg/kg Perchlorat.

Unzulässige Anwendung von Pflanzenschutzmitteln

Für Proben mit Herkunft Deutschland wird auch überprüft, ob der jeweils nachgewiesene Wirkstoff für die Anwendung überhaupt und bei dieser Kultur zugelassen ist. Die häufigsten Abweichungen waren bei Johannesbeeren (bei sieben Proben), Äpfeln (bei sechs Proben) festzustellen. In einer Probe Johannisbeeren wurden 8 unzulässige Wirkstoffe nachgewiesen, darunter auch Procymidon, Triflumuron und Vinclozolin, die generell nicht zugelassen sind. Werden die Höchstmengen eingehalten, so sind diese Waren verkehrsfähig. Der Sachverhalt wird jedoch von den für den Pflanzenschutz zuständigen Stellen weiter verfolgt.

Im Vorjahr waren Befunde von Fosetyl, Summe (inkl. Phosphonsäure) ein Thema, da diese in Deutschland im Obstbereich lediglich für Erdbeere, Brombeere und Trauben zugelassen sind, aber auch in vielen anderen Obstarten nachgewiesen wurden. Auch 2016 wurde Fosetyl, Summe in 116 Proben aus Deutschland nachgewiesen für die es keine Zulassungen gibt. (CVUA)

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