FRUCTUS: Inventarisierung im Kanton Bern

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Auch das zweite Jahr des FRUCTUS - Projekts Obst- und Beerensorten-Inventarisierung Schweiz ist äusserst erfolgreich verlaufen. Insgesamt konnten rund 750 Sorten für die langfristige Erhaltung vermehrt werden. Inventarisiert wurde im Jahr 2001 mit den Kantonen Freiburg, Jura, Neuenburg und Tessin die erste Etappe des Teilprojekts Westschweiz, sowie im deutschsprachigen Raum der Kanton Bern. Mit dem Kanton Bern ist nun ein für die Sortenerhaltung speziell wichtiger Kanton inventarisiert, zählte man doch bei der Obstbaumzählung 1991 noch mehr als 700.000 Feldobstbäume - rund ein sechstel des Totalbestandes der Schweiz. Der Kanton Bern erwies sich denn auch als wahre Schatztruhe an alten Obst-Sorten.Fast ein Viertel der rund 13.000 angeschriebenen Landbewirtschafter im Kanton Bern - vorab Landwirte - nahmen an der Umfrage teil und meldeten über 36.000 Bäume und Beerenflächen. Von den eingegangenen Sortenmeldungen hat das Inventarisierung-Team im Kanton Bern mehr als 900 direkt im Feld untersucht und beschrieben. Hinzu kommen etwa 400 Sorten, die an Hand von Fruchtmustern beschrieben und an mehreren Sortenbestimmungstreffen teilweise bestimmt werden konnten.

 

Besonders das Berner Oberland sticht mit seinem Sortenreichtum heraus. Zu einem grossen Teil ist dies sicher der Tatsache zu danken, dass die Land-Bewirtschaftung in dieser Region weniger rationalisiert werden konnte als im Berner Mittelland. Eine gewisse Bedeutung für die Vielfalt der angebauten Sorten hatte offenbar früher auch der Tourismus. Dr. Fritz Kobel schreibt in seinem Buch „Die Kirschensorten der deutschen Schweiz“ (Wädenswil, 1937) dass einige rotfrüchtige Kirschensorten, wie zum Beispiel die Eigenkirsche, als hochwertige Tafelkirschen speziell für die Versorgung von Hotels und Pensionen angebaut wurden. Auch für Traditionen wie das „Chirschmuesen“ in der Gegend von Wimmis wurden - und werden teilweise heute noch - spezielle Sorten verwendet: der Volksmund nennt eine für das Kochen von Kirschmus verwendete Kirschensorte, die Schöne von Einigen, denn auch treffend „Plüderkirsche“.

 

Ganz allgemein hat die jahrzehntelange grosse Bedeutung des Obstes für die Selbstversorgung dazu beigetragen, dass noch heute im Kanton Bern viele alte, gefährdete, und oft nur lokal verbreitete Obstsorten vorkommen. So hat unter anderem das Dörren im Berner Oberland eine lange Tradition. Vielerorts wurde früher in gemeinsam genutzten Gemeinde-Dörrereien Obst getrocknet. Heute ist diese Kultur jedoch am aussterben und Dörrhäuschen, von denen es zum Beispiel in der Gemeinde Iseltwald noch einige gibt, sind oft nicht mehr in Betrieb. Eine speziell gute Dörrbirne aus dem Berner Oberland soll die Sonnenbirne sein. Aber auch die Entenbirne, der Battlerapfel und - nicht zu vergessen - eine Vielzahl der verschiedensten Süssäpfel, wurden für das Dörren sehr geschätzt. Daneben gibt es viele Berner Sorten, die seit je her als Wirtschaftsobst in der Küche Verwendung fanden wie die Fivis-Birne, der Schüsseler-Apfel oder die Schürbirne. Ein interessanter Sortenfund ist der Apfel Heimenschwander, ein robuster Tafelapfel, der in der Umfrage nur gerade von zwei verschiedenen Standorten gemeldet wurde.

 

Nebst dem Berner Oberland war vor allem das Emmental ergiebig für die Sortensuche. So konnten einige robuste Kirschensorten wie zum Beispiel die Brentenkirsche oder die Märgelikirsche gefunden werden, welche Kobel (1937) erwähnte. Schon Kobel beschreibt sie als recht widerstandsfähig gegen den Schrotschuss, der zu jener Zeit stark im Vormarsch war. Am Bielersee schliesslich findet sich noch ein traditionelles Kirschen-Anbaugebiet mit eigenen Sorten wie Frühschwarze, Seeländer Langstieler oder die bekannte Seeländer Rieskirsche.

 

Als wertvolle historische Quelle erwiesen sich die Mitteilungen des Statistischen Bureaus des Kantons Bern von 1930, Nr. 4, mit dem Titel: „Umfang, Zusammensetzung und Sortenaufbau des bernischen Obstbaues“. Von vielen Sorten, die damals schon als abgehend bezeichnet wurden, konnten jetzt noch letzte Bäume gefunden werden, wie zum Beispiel von der Safranbirne, der Bühlbirne, der Kindbetterinkirsche oder vom Apfel Huebech. Viele lokale Sorten konnten dank dem Inventarisierungsprojekt sogar erstmals detailliert beschrieben werden.

 

Nebst den genannten und vielen weiteren lokalen Berner Sorten kamen bei der Inventarisierung des Kantons Bern auch wahre Trouvaillen ausländischer Herkunft zum Vorschein wie die rote Muskatellerbirne, die Gäsdonker Reinette, die Doppelte Bergamotte, sowie weitere Birnensorten wie La France, Campervenus, Délices de Jodoigne und viele mehr. Es handelt sich dabei um exquisite und bei uns sehr gefährdete Sorten. Einzelne davon sollen angeblich selbst in ihrem Herkunftsland als gefährdet oder gar verschollen gelten.

 

Gut zehn kantonale Obstfachleute, darunter auch einige FRUCTUS-Mitglieder, durchstöberten für das Inventarisierungsprojekt den Kanton und arbeiteten bei der Sortenbestimmung mit. Von der Kontaktaufnahme mit Sorten-Besitzern, die in der Umfrage Sorten gemeldet hatten, über oft beschwerliche Reisen in die hintersten Winkel des Kantons, bis zur anspruchsvollen Dokumentation der Bäume und Früchte im Feld wurde viel gute Arbeit geleistet. Der Kanton Bern unterstützte das hauptsächlich durch das Bundesamt für Landwirtschaft finanzierte Projekt mit einem finanziellen Beitrag an die Arbeit der Feldkontrolleure. Die Fachstelle für Obst- und Beeren des Kantons Bern unterstützte das Projekt zudem in der Öffentlichkeitsarbeit und stellte am Oeschberg, Koppigen, Räume für die Sortenbestimmung zur Verfügung. In der Region Bielersee wurde an einer Medienkonferenz und mit Flugblättern auf das Projekt aufmerksam gemacht, um noch mehr Sortenbesitzer zum Melden ihrer Sorten zu ermuntern, dies in Zusammenarbeit mit der Interessengemeinschaft Bielersee und dem Verein Bielerseeschutz.

 

Ein bewährter Partner des Inventarisierungsprojekts war einmal mehr Pro Specie Rara, einerseits mit dem Projekt ‚Schweizerische Beerensammlung‘, wo bereits viele Beerensorten aus dem Inventarisierungsprojekt eine neue Heimat gefunden haben. Andererseits profitiert das Inventarisierungsprojekt vom Know-how der Zentralen Obst-Datenbank, die von Pro Specie Rara aufgebaut und betreut wird.

 

So trugen wiederum Viele zum Erfolg dieser Inventarisierungs-Etappe bei. Allen beteiligten sei an dieser Stelle herzlich für die produktive und partnerschaftliche Zusammenarbeit gedankt. Ein spezieller Dank geht an das Bundesamt für Landwirtschaft für die finanzielle Unterstützung des Projekts. Nur dank der breiten Unterstützung und Zusammenarbeit der vielen involvierten Personen und Organisationen ist es möglich geworden, dass dieses Jahr alleine aus dem Kanton Bern rund 500 Sorten vermehrt werden können für die langfristige Erhaltung. Für das Inventarisierungs-Team an der Eidgenössischen Forschungsanstalt Wädenswil ist dies ein grosser Ansporn, mit gleicher Energie die weiteren Etappen in Angriff zu nehmen. Im Jahr 2002 werden die Kantone Aargau und Solothurn, sowie in der Westschweiz Genf, Waadt und Wallis inventarisiert.

 

Simon Egger, Eidg. Forschungsanstalt Wädenswil

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