Stadtgrün 2021: Neue Bäume braucht das Land!

Die Abteilung Landespflege der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau (LWG) pflanzt am 26.11.2015 in Zusammenarbeit mit dem Gartenamt der Stadt Hof die letzten 48 Stadtbäume für die Erweiterung des langfristig angelegten Forschungsprojekts "Stadtgrün 2021: Neue Bäume braucht das Land!"

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Die Abteilung Landespflege der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau (LWG) pflanzt am 26.11.2015 in Zusammenarbeit mit dem Gartenamt der Stadt Hof die letzten 48 Stadtbäume für die Erweiterung des langfristig angelegten Forschungsprojekts „Stadtgrün 2021: Neue Bäume braucht das Land!“

Insgesamt fast 660 Versuchsbäume
Bereits im Frühjahr wurden Straßenbäume in Würzburg und in Kempten gepflanzt. Nach Abschluss der insgesamt 197 Nachpflanzungen in diesem Jahr betreuen die Wissenschaftler Dr. Philipp Schönfeld und Dr. Susanne Böll dann insgesamt 657 Stadtbäume an den drei Projektstandorten Würzburg, Hof/Münchberg und Kempten. Das Budget für das Leuchtturmprojekt der Landespfleger liegt von 2009 bis 2021 bei 760.000 Euro.

Sortiment ausgeweitet
2009/2010 hatte man bei Projektbeginn mit 460 Bäumen in 20 Arten begonnen. Bei der diesjährigen Pflanzung wurden zusätzlich zehn weitere Arten bzw. Sorten gesetzt. Mit den diesjährigen Pflanzungen erhöht sich somit die Zahl der Bäume von 460 auf 657.

Den richtigen Baum für den richtigen Standort finden
„An allen drei Standorten testen wir die gleichen Bäume in der gleichen Stückzahl. Ziel ist, den richtigen Baum für den richtigen Standort zu finden. In drei unterschiedlichen Klimaregionen – heiß und trocken, kalt oder feucht – testen wir das Verhalten der Bäume“, erklärt Dr. Philipp Schönfeld, Sachgebietsleiter Pflanzenökologie und -verwendung. Dabei herrschen an jedem der drei Orte andere Klimabedingungen. Schönfeld: „Diese Orte erschienen uns im Hinblick auf ihre Klimadaten vielversprechend für unseren Versuch.“

Bisherige Arten in ihrer Verwendbarkeit stark eingeschränkt
„Die Bäume, die wir ausgesucht haben, stellen eine Alternative zu ähnlichen oder verwandten heimischen Arten dar, die bisher in unseren Städten verwendet wurden und werden. Nur dass die bisherigen Arten in ihrer Verwendbarkeit inzwischen stark eingeschränkt sind“, sagt Projektbetreuerin Dr. Susanne Böll. „Viele ‚alte‘ Arten sind von Umwelteinflüssen, Schädlingen und Pilzenerkrankungen so geplagt und geschwächt, dass sie schon nach wenigen Jahren nicht mehr weiterwachsen oder sogar absterben. Früher wurde ein Straßenbau 60 bis 80 Jahre, heute oft nur noch 10 Jahre alt.“ Und wer möchte schon baumlose Innenstädte haben?

Gesunde Bäume, gesundes Stadtklima
Klimawandel, verstärkter Umweltstress, neue Schädlinge wie die Kastanienminiermotte, Stammrisse durch Temperaturschwankungen, darauf folgende Anfälligkeit für Pilzerkrankungen führen dazu, dass einige Stadtbäume zwei bis drei Jahre nach der Pflanzung kaum weiterwachsen und nie eine richtige Krone ausbilden, so die Grünplaner. Die meisten Stadtbäume stehen in Straßennähe, haben nur wenig Platz für ihre Wurzeln und der Asphalt strahlt viel Wärme zurück. Die Biologin erläutert: „Für eine ansprechende Gestaltung, eine hohe Lebensqualität und ein gesundes Stadtklima brauchen wir jedoch große, gesunde, gut entwickelte Bäume, die kühlenden Schatten spenden können.“

Besser gewappnet gegen Klimaschwankungen und Krankheiten
Viele heimische Bäume, die üblicherweise in der freien Landschaft stehen, sind nicht als Solitär für die künstliche Umgebung Stadt geeignet. Unter den Bäumen, die jetzt getestet werden, ist etwa die Orientalische Platane, um zu testen ob sie besser gegen Krankheiten gewappnet ist, als die früher gepflanzte Ahornblättrige Platane. Außerdem testen die Experten zwei Eschenarten, die aus Südosteuropa stammende Blumen-Esche sowie die nordamerikanische Rot-Esche und schauen, ob diese vielleicht nicht nur mehr Hitze und Trockenheit vertragen als die heimische Esche, sondern auch widerstandsfähig sind gegenüber dem Eschentriebsterben. Auch eine für einen Straßenbaum eher ungewöhnliche Art, die Kobushi-Magnolie, ist dabei.

Jetzt insgesamt 30 Arten und Sorten
Bei der Auswahl der Test-Bäume haben die beiden Forscher etwas tiefer ins Sortiment geschaut. „Danach hatten wir eine Wunschliste mit über 70 Bäumen. Davon haben wir für den Projektstart 2009 zunächst 20 und dann für die Pflanzung in 2015 noch einmal zehn Sorten bzw. Arten ausgewählt“, erklärt Böll. Insgesamt handelt es sich um einen Mix aus kleinen, mittleren und großen Bäumen, die auch tatsächlich in den benötigten Stückzahlen in den hiesigen Baumschulen erhältlich sind. Auswahlkriterien waren Berichte über die Standortbewertungen am Heimatstandort, eventuelle Anfälligkeit für Krankheiten und Schädlingen, Widerstandsfähigkeit sowohl gegenüber Hitze und Trockenheit als auch Frost und eine für den Straßenrand geeignete Kronenform.

Gute Startbedingungen
Alle „Kandidaten“ bekommen die gleichen Startbedingungen: Sie werden fachgerecht geschnitten, gepflanzt, gemessen, gepflegt und gegossen. Jeder Baum erhält eine standardisierte Pflanzgrube mit acht Kubikmetern Baumsubstrat, einen Dreibock zur Verankerung und eine Stammschutzmatte aus Schilfrohr. Die Baumstandorte in Hof sind bereits entsprechend vorbereitet.

Zwei Mal jährlich werden die Bäume beurteilt
Bis zum Jahr 2021 werden die Bäume zweimal jährlich bei der sogenannten Bonitur beurteilt, der Höhenzuwachs, die Breite und der Stammumfang werden gemessen, die Vitalität anhand der Belaubung und etwaiger Trockenschäden an den Blättern bewertet. Dabei achten die Fachleute auch auf Schädlinge wie Raupen und Blattläuse und Pilzkrankheiten wie Mehltau.

Extremes Klima
In Würzburg, wo ein mildes Weinbauklima herrscht, war es dieses Jahr mit zweimaligen Hitzerekorden von über 40 Grad extrem lange sehr heiß und sehr trocken. In Kempten herrscht ein besonders feuchtes Voralpenklima mit viel Regen und Schnee. An den Standorten Hof und Münchberg, Spitzname bayerisch Sibirien, ist es am kältesten. Hier weht auch schon mal ein eisiger böhmischer Ostwind und hier fielen die Temperaturen 2012 auf minus 20 Grad Celsius. Der Boden gefror bis in etwa einen Meter Tiefe.

Rückblick auf sechs Jahre Erfahrungen
Nach sechs Jahren können die Wissenschaftler von ersten Erfahrungen berichten. Alle Bäume in Würzburg haben trotz der diesjährigen Hitze und Trockenheit sehr gut durchgehalten. Beim starken Frost in Hof sind 2013 die Zürgelbäume komplett erfroren. Hingegen entwickelten sich dort die Kobushi-Magnolien sowie die Eisenholzbäume besonders gut. In Kempten sind die Amberbäume durch die mitunter früh einsetzenden Schneefälle gefährdet, die zum Bruch von Ästen oder zum Verlust des ganzen Baums führen können. Vor dem Experten-Duo liegen jetzt noch sechs weitere Forschungsjahre. (lwg) 

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