Deyerling: "Meine gesamte Ernte ist in Gefahr"

Ein Gespräch mit dem Spargelbauer Christian Deyerling über die aktuelle Situation.

Christian Deyerling, Spargelbauer und QS-Systempartner aus Haßloch. Bild: QS.

Anzeige

Die Sonne scheint, die Temperaturen steigen, doch dem Pfälzer Spargelbauer und QS-Qualitätsbotschafter Christian Deyerling bereitet das gerade schlaflose Nächte. Der Spargel ist erntereif und auf seinen Feldern muss die Ernte eingeholt werden. Aber es ist keiner da, der ihn sticht.

Frage: Herr Deyerling, ist die diesjährige Spargelernte in Gefahr?

Christian Deyerling: Die Corona-Pandemie hat auch die Landwirtschaft fest im Griff. Je nachdem, wie lange die Krise andauert, ergeben sich in der Erntezeit Risiken vor allem für die Kulturen mit hohem Handarbeitsbedarf – dazu gehört Spargel. Das liegt vor allem daran, dass für die Ernte zahlreiche ausländische Arbeitskräfte eingesetzt werden. Sie kommen jedes Jahr hauptsächlich aus Polen und Rumänien, was im Moment durch die Corona-bedingten Reisebestimmungen nicht mehr möglich ist. Die gewohnte Fahrt mit dem Auto oder dem Bus ist derzeit untersagt, die Grenzen nach Ungarn und Österreich sind ja geschlossen. Auch fliegen ist keine Option mehr da Deutschland die Einreise verboten hat. Viele treten die Reise aus Angst davor, nicht mehr ins Heimatland zurückkehren zu können oder sich zu infizieren, erst gar nicht an.

Frage: Was bedeutet das für die bevorstehende Saison?

Deyrling: Ich muss ernsthaft überlegen, ob ich den Spargel überhaupt ernte oder besser stehen lasse. Nicht nur die fehlenden Erntehelfer bereiten mir Kopfzerbrechen, auch der Absatz des Gemüses wird ohne Hotels und Restaurants schwieriger. Mit der flächendeckenden Schließung fehlen wichtige Abnehmer. Ich werde voraussichtlich noch nicht einmal so viel stechen können, dass es für den Verkauf über unseren Hofladen und den Wochenmarkt reicht, geschweige denn für den Großmarkt.

Frage: Das Angebot an heimischem Spargel im LEH könnte dieses Jahr also sehr begrenzt sein?

Deyerling: Möglicherweise könnte es sein, dass der Verbraucher es am Angebot nicht einmal merken wird, weil andere Absatzkanäle fehlen. Aber am Preis werden sich die Umstände bemerkbar machen. Auch das Verbraucherverhalten dürfte spannend werden. Ob die Verbraucher in Krisenzeiten ein Luxusgemüse wie Spargel kaufen, werden wir sehen. Viele Firmen müssen zurzeit Kurzarbeit anmelden, viele Menschen haben Angst ihren Job zu verlieren. Das wird die Nachfrage nach Spargel beeinträchtigen und sich dadurch auch am Preis bemerkbar machen.

Frage: Man liest, dass vielen Landwirten Hilfe aus der Bevölkerung angeboten wird.

Deyerling: Das stimmt. Auch mich erreichen viele Anrufe. Und ich bin wirklich froh, dass die Bevölkerung unsere Lage anerkennt und ihre Hilfe bei der Ernte anbietet. Aber jetzt externe Helfer zu beschäftigen, die sich nicht ausschließlich zwischen Feld und Betrieb aufhalten, wie meine festen Saisonkräfte, halte ich für riskant. Das Risiko, dass einer das Virus einschleppt ist sehr groß. Dann müsste sofort mein ganzer Betrieb stillgelegt werden. Außerdem müssen die Helfer angelernt werden, um auf dem Feld und in der Sortierhalle zu arbeiten. Spargel stechen und sortieren braucht Erfahrung. Meine erfahrenen Mitarbeiter, die das Anlernen übernehmen könnten, sind aber nicht da. Leider stehen die externen Personen aus der Bevölkerung auch oft nicht ganztägig oder am Wochenende zur Verfügung und es müssten somit immer wieder Personal neu angelernt werden. Das würde einen erheblichen zusätzlichen Aufwand im Betrieb bedeuten. Insgesamt also ein leider wenig praktikabler Ansatz.

Frage: Die Bundesregierung plant Unterstützung für die Landwirtschaft…

Deyerling: Ja, ich stehe mit unserer Bundeslandwirtschaftsministerien Julia Klöckner und deren Büro in entsprechendem Austausch. Ihr ist die Lage vieler Landwirte bekannt und es wird rund um die Uhr an Lösungen für Unterstützung gearbeitet. Doch leider bekommen wir auch dadurch momentan keine Planungssicherheit in die Bertriebe, die wir so dringend bräuchten. Alle Beteiligten haben keine Ahnung, wie es weitergeht. Die Lage ist wirklich sehr ernst.

Frage: Heißt das, Sie befürchten längerfristige Folgen zu spüren?

Deyerling: Auf jeden Fall! Keiner weiß, ob in der nächsten Erntephase die Helfer und die Nachfrage wieder da sind und das Gemüse geerntet und verkauft werden kann. Das heißt, ich muss mich jetzt schon fragen, ob ich überhaupt wieder auspflanze. Das Zucchini-Pflanzgut beim Jungpflanzenbetrieb wurde auf Eis gelegt, es wäre fatal, jetzt viel Geld dafür auszugeben. Denn schließlich bräuchte ich für die Auspflanzung und Pflege auch Arbeitskräfte, die mir fehlen und wer weiß schon ob zur Ernte die Einreisebestimmungen wieder gelockert sind.

Frage: Haben Sie Existenzängste?

Deyerling: Ja, die habe ich. Die Kosten laufen einem davon. Deswegen fahre ich den Betrieb auf das Nötigste herunter, um Kosten zu minimieren. Auf die Felder, auf denen wir normalerweise jetzt Zucchinis und Kohlrabis pflanzen und Erbsen sähen würden, kommen stattdessen zum Teil Kartoffeln und Mais. Diese Kulturen kann ich mit weniger Arbeitskräften auf meinen Feldern bestellen. Ich versuche zuversichtlich zu bleiben, bin sehr oft mit meinen Kollegen und der Politik im Austausch und handle von Woche zu Woche. (QS)

Kommentare (0)

Bisher sind keine Kommentare zu diesem Artikel erstellt worden.