Stadtgärten: Zwischen Gemüseanbau und Politik

Das Gärtnern in sogenannten Gemeinschaftsgärten ist in Deutschlands ein wachsender Trend. Eine Studie zeigt, dass die Mitglieder viel voneinander lernen und es um mehr geht als Gemüse.

Die Ernte aus dem Stadtgarten. Bild: GABOT.

Besonders in dicht besiedelten Gebieten Deutschlands ist Gärtnern ein wachsender Trend. Genauer das Gärtnern in sogenannten Gemeinschaftsgärten. Ihre Zahl hat sich in den letzten fünf Jahren verdoppelt. Eine Studie von Wissenschaftlerinnen der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg in Zusammenarbeit mit der Fachhochschule Münster zeigt, dass die Mitglieder viel voneinander lernen und es um mehr geht als Gemüse. Der Garten ist eine Möglichkeit der Teilhabe und Mitbestimmung. Ist die Gruppe allerdings sehr bunt, wird es schwieriger.

Die meisten Städter haben wenig Bezug zur Herkunft der Produkte auf ihrem Teller. Doch eine wachsende Anzahl Menschen insbesondere in dicht besiedelten Gebieten Deutschlands buddelt wieder freiwillig in der Erde. "Wir haben uns gefragt, woher das kommt", sagt Insa Theesfeld, Professorin für Agrar-, Umwelt- und Ernährungspolitik am Institut für Agrar- und Ernährungswissenschaften der MLU. "Dafür haben wir uns angeschaut, was in diesen Gebieten knapp ist." Laut Theesfeld mangelt es weder an ökologisch angebauten Lebensmitteln noch geht es primär darum, Brachflächen wieder zu bewirtschaften. "Was vielen fehlt ist das Soziale, also die Teilhabe an gesellschaftlichen Entwicklungen, die Mitbestimmung", so Theesfeld.

Für die aktuelle Studie, welche in der Fachzeitschrift Learning, Culture and Social Interaction erschien, wurden 433 Gemeinschaftsgärten deutschlandweit angeschrieben. 123 füllten den kompletten Fragebogen aus, darunter auch zwei Gärten aus Halle. Die Forscherinnen beschäftigte insbesondere die Frage, inwiefern beim Gärtnern Soziales Lernen stattfindet, also das Lernen durch soziale Interaktion. Dazu gehören beispielsweise auch Kommunikationsfähigkeit und Empathie. Das Lernen beschränkt sich laut den Ergebnissen der Studie bei weitem nicht auf Gartenbau. "Die gärtnerischen Tätigkeiten sind natürlich das Wichtigste, also das erlangte Wissen dazu, aber auch das Erfahren und Erleben", sagt Nicole Rogge, Erstautorin der Studie. Sie schreibt ihre Doktorarbeit zu dem Thema in Halle und Münster. Daneben spiele aber auch Politik eine große Rolle, wenn etwa mit der Stadt über Nutzungsrechte für Brachflächen verhandelt wird. Viele Gärten haben nur kurze Verträge für die Landnutzung. "Das ist auch der große Unterschied zu Schrebergärten, die Bestandssicherheit haben", so Rogge. "Zusätzlich gärtnert man in Schrebergärten jeweils auf seiner Parzelle allein und nicht in Gemeinschaft." Auch Selbstorganisation und Businesskenntnisse spielen demnach in Gemeinschaftsgärten eine wichtige Rolle.

Die Mitglieder lernen dabei vor allem voneinander. Das dürfte auch der Grund sein, warum die Gruppenzusammensetzung eine wichtige Rolle für den Lernerfolg spielt. Grundsätzlich sind in Gemeinschaftsgärten viele verschiedene soziale aber auch kulturelle Gruppen aktiv, von Studenten über Berufstätige und Arbeitssuchende, Familien und Geflüchtete. Ebenso durchmischt sind die Altersgruppen, der Bildungsgrad und das Einkommen. Insbesondere ein sehr unterschiedlicher Bildungsstand und eine hohe kulturelle Heterogenität wirken sich laut der Studie jedoch negativ auf das Soziale Lernen aus. "Eine hohe Heterogenität verkompliziert soziale Prozesse, weil sehr unterschiedliche Interessen vorliegen", erklärt Rogge das Ergebnis. "Letztendlich ist das Überwinden von Konflikten aber auch Teil des Sozialen Lernprozesses." Doch die Gründe seien komplex und stünden auch in Zusammenhang mit anderen Faktoren wie der Gesamtanzahl der Mitglieder, welche von 8 bis über 400 reichte.

Generell seien die Leute sehr zufrieden mit ihren Gärten, sagt Theesfeld. "Das ist auch ein Signal für Stadtplaner", sagt sie. Es gehe darum, durch solche Projekte der Bevölkerung die Möglichkeit zur Teilhabe zurückzugeben. "In Zeiten von Politikverdrossenheit halte ich das für sehr wichtig." (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg)

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