Im Interview: Wiebke Mestemacher

Wiebke Mestemacher ist eine von drei Inhaberinnen bzw. Inhabern des Bremer GaLaBau-Unternehmens „Baumrausch". Kern des Unternehmens ist das Zusammenwirken von Mensch und Natur - ideenreiche ökologische Lösungen sind das zentrale Thema. Der selbst erhobene Anspruch ist es, kreative und dauerhafte Konzepte, phantasievolle Gärten und spannende Fortbildungen zu entwickeln. Ein Schwerpunkt sind naturnahe Firmengelände.

Wiebke Mestemacher ist Inhaberinnen des Bremer GaLaBau-Unternehmens „Baumrausch". Ein Schwerpunkt sind naturnahe Firmengelände. Bild: BGL/Martin Rottenkolber.

Frau Mestemacher, was zeichnet ein naturnahes Firmengelände aus?

Dass sich dort gleichzeitig Mensch, Flora und Fauna wohlfühlen. Weil bei der Anlage eines Firmengartens auch Fläche versiegelt wird, sollte man immer überlegen, wie man der Natur möglichst viel Lebensraum zurückgibt. Für Menschen sollen diese Gärten soziale Treffpunkte, Erholungs- und Pausenräume sein. Im besten Fall sind sie kreativitäts- und leistungsfördernd. Für die Bedürfnisse der Fauna empfehlen wir sehr vielfältig gestaltete Pflanzengesellschaften und achten darauf, durch eine standortgerechte Pflanzenauswahl robuste Gärten zu gestalten.

Kommt der Anstoß zu Naturnähe und Vielfalt von der Auftraggeberseite oder von Ihnen?

Generell erleben wir, dass Firmen zunehmend Wert auf viele Pflanzen legen. Wir hatten das Glück, in Zusammenarbeit mit der Bodensee-Stiftung und der Heinz-Sielmann-Stiftung einige Leuchtturmprojekte bei großen Industrieunternehmen realisieren zu können. Seit zwei Jahren kommen auch kleinere Firmen von selbst auf uns zu, weil das Thema Nachhaltigkeit/Klimaschutz bei vielen Betrieben auf der Agenda steht.

In der Planung schauen wir uns zunächst bei den Firmen die Ist-Situation an. In einem Gespräch vor Ort nehmen wir die Wünsche auf und schauen dann, was sich davon umsetzen lässt. Wichtig ist für uns hierbei das Thema Ressourcenschonung. Schließlich haben wir als Planerinnen und Planer großen Einfluss darauf, wie nachhaltig und ressourcenintensiv eine Umgestaltung oder ein Neubau wird. Wieviel Bodenarbeiten sind wirklich nötig? Können wir vorhandene Materialien sinnvoll mit in die Gestaltung einbeziehen? Welche Pflanzen können wir umpflanzen?

Inwieweit sind Veränderungen infolge des Klimawandels für Ihre Planung bedeutsam?

Ziel der Pflanzplanung ist oft eine sich weitestgehend selbst erhaltende Pflanzung. Dafür muss man die Naturstandorte der jeweiligen Gewächse kennen. Viele heimische Gattungen kommen mit dem Klimawandel gut zurecht. Sie blühen vielleicht nicht so üppig wie Züchtungen, aber oftmals haben sie als Lebensraum und Nahrungsquelle für die heimische Insekten- und Vogelwelt eine sehr viel höhere Bedeutung als Exoten. Das Design muss dann manchmal einfach zweitrangig sein, bzw. sollte nicht die oberste Priorität haben.

Wir kombinieren gerne heimische Stauden und Gehölze mit nicht-heimischen Pflanzen, die manchmal einen höheren Zierwert haben. Da sind wir undogmatisch. Uns ist wichtig, dass Pflanzungen nach dem Anwachsen ohne zusätzliche Bewässerung und mineralischen Dünger auskommen und eine hohe ökologische Vielfalt haben.

Sie organisieren auch Fortbildungskurse und Ausstellungen. Worum geht es da?

Es geht primär darum, Grundlagen und Ideen der Permakultur einer größeren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Wir wollen, dass es mehr Laien und Profis gibt, die sich mit Permakultur als Planungsinstrument auseinandersetzen. Hierzu bieten wir Fortbildungen und Workshops an, auch weil wir überzeugt sind, dass dieses Thema in Zukunft immer wichtiger wird. Wir wenden uns dabei sowohl an Kommunen und Verbände, wie an Unternehmen vom Selbstversorger bis hin zu Hotels oder auch Privatleute, die ihre Gärten nach ökologischen Kriterien ausrichten.

Ein anderes Beispiel: Vor 20 Jahren haben wir zusammen mit dem Umweltbetrieb Bremen einen Baumlehrpfad zum Thema Körpersprache der Bäume entwickelt. Bis heute bieten wir zweimal im Jahr über die Volkshochschule Bremen Führungen durch den Lehrpfad an.

Wie schätzen Sie die Bedeutung von attraktiven Firmengärten in Zeiten von immer mehr Home-Office-Lösungen ein?

Es gibt generell eine höhere Nachfrage nach naturnah gestalteten Firmengeländen bzw. Pausenflächen, was aber nichts mit Home-Office zu tun hat. Ein häufiger Wunsch, den wir bei der Planung berücksichtigen müssen, sind natürlich gemeinsame Pausenplätze, oder Plätze, an denen sich die Kolleginnen und Kollegen auch nach Feierabend nochmal zusammen hinsetzen können.

Je mehr Arbeiten im Home-Office erledigt werden, umso schwieriger wird der soziale Zusammenhalt innerhalb einer Firma. Die Zukunft dürfte in der individuell ausgewogenen Kombination von Home-Office-Lösungen und Präsenzarbeit liegen - und da in den Präsenzzeiten der Fokus auf Begegnung und Austausch liegt, könnte hier eine Chance für attraktive Firmengärten liegen.

Haben Sie Lieblingspflanzen oder Kombinationen, die Sie besonders gern verwenden?

Wir arbeiten gern mit Gegensätzen, zum Beispiel Wilde Möhre in Kombination mit Calamagrostis acutiflora 'Karl Foerster' und Geranium phaeum. Gerne planen wir auch Staudenpflanzungen, die sich im Laufe der Jahre durch Versamung verändern. Wir probieren aber auch immer wieder neue Kombinationen aus und haben den Anspruch, wirklich individuelle Gärten zu planen und zu bauen.

Was empfehlen Sie jungen Landschaftsgärtnerinnen und -gärtnern in Sachen Pflanzenkenntnis?

Wichtig finde ich, dass man mit offenen Augen durch die Welt läuft und sich zum Bespiel Pflanzungen in Vorgärten, öffentlichen Flächen und Parkanlagen ansieht, die optisch ansprechend sind, funktionieren und einen ökologischen Sinn haben. Über die sozialen Medien kann man sich Inspiration von Pflanzplanerinnen und -planern aus ganz Europa holen. Am besten funktioniert es aber, wenn man selbst kreativ wird und beobachtet, wie sich eine Pflanzung entwickelt und auch durch Fehler lernt.

In der Ausbildung hat die Bautechnik leider oft einen viel höheren Stellenwert im Gegensatz zu vegetationstechnischen Arbeiten. Die Pflanzenkenntnisse unterscheiden uns vom Tiefbau und werden in Zukunft hoffentlich an Bedeutung gewinnen.

Damit eine Pflanzung die gewünschte Entwicklung nimmt, ist die Pflege extrem wichtig. Und damit meine ich nicht den Umgang mit Freischneider, Heckenschere und Rasenmäher, sondern eine solide Pflanzenkenntnis und das Wissen um die Entwicklung von einzelnen Gattungen. Pflege muss einen deutlich höheren Stellwert bekommen. Anders gesagt: Meines Erachtens ist für Landschaftsgärtnerinnen und -gärtner eine permanente Fortbildung auch hinsichtlich der Pflanzensortimente enorm wichtig.

Vielen Dank!

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