DWD: "Virtuelle" Klima-Pressekonferenz 2020

Antworten auf die Frage, mit welchen Folgen des Klimawandels Deutschland und die Welt bereits mittelfristig rechnen müssen, könnten die neuen dekadischen Klimavorhersagen des DWD für Deutschland und die Welt geben.

"Der Klimawandel hat sich auf der gesellschaftlichen und politischen Tagesordnung einen festen Platz erobert". Bild: GABOT.

“Der Klimawandel hat sich auf der gesellschaftlichen und politischen Tagesordnung einen festen Platz erobert – in Deutschland und auch nahezu weltweit“, erklärt Prof. Dr. Gerhard Adrian, Präsident der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) und des DWD anlässlich der jährlichen Klima-Pressekonferenz des nationalen Wetterdienstes. Das habe mit wissenschaftlich gewonnenen Klimafakten zu tun. “Wir sind die erste Generation, die die Auswirkungen des menschengemachten Klimawandels so umfassend messen, beobachten und wissenschaftlich analysieren kann. Dieses Wissen ist in der Welt und lässt sich nicht mehr unter den Tisch kehren. Wir sind aber auch die erste Generation, die am eigenen Leib die Folgen der menschengemachten Erderwärmung erlebt.“

Mit Blick auf den globalen Klimawandel und Klimaschutz zieht der WMO-Präsident ein drastisches Fazit:

„Alle wichtigen Stellschrauben drehen sich unverändert in die falsche Richtung!“ Die Treibhausgaskonzentration in der Atmosphäre nehme immer noch zu, die weltweite Mitteltemperatur steige weiterhin an und gleiches gelte für den mittleren Anstieg des globalen Meeresspiegels. Adrian: „Die Menschheit hat die Sturmglocken bisher noch nicht hören wollen. Unser Wetter und Klima wird extremer - weltweit, in Europa und hierzulande.“ Global betrachtet war das Jahr 2019 das zweitwärmste, waren die vergangenen fünf Jahre die wärmsten und war die Dekade 2010 bis 2019 die bisher wärmste seit dem Vorliegen weltweiter Aufzeichnungen im Jahr 1850.

DWD berechnet erstmals Klimavorhersagen für die kommenden zehn Jahre

Angesichts dieser Fakten stelle sich die Frage, mit welchen Folgen des Klimawandels Deutschland und die Welt bereits mittelfristig rechnen müssen. Antworten darauf könnten die neuen dekadischen Klimavorhersagen des DWD für Deutschland und die Welt geben. Tobias Fuchs, Leiter der Klimatologie des DWD: „Unsere neuen Klimavorhersagen für die kommenden zehn Jahre füllen die Lücke zwischen bereits genutzten Klimavorhersagen für die nächsten Monate und langfristigen Klimaprojektionen bis zum Ende des Jahrhunderts. Sie können damit zum Beispiel Entscheidern in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft helfen, jetzt schon Investitionsentscheidungen an den Klimawandel anzupassen.“ Der DWD hat das vom Bundesministerium für  Bildung und Forschung geförderte Forschungsprojekt zu dekadischen  Klimavorhersagen nun in den operationellen Betrieb überführt und  veröffentlicht die Ergebnisse auf seiner Internetseite ww www.dwd.de/klimavorhersagen.

Temperaturplus von 1,5-2,0 Grad in Deutschland im Zeitraum 2025-2029?

Die aktuelle dekadische Klimavorhersage für Deutschland zeige, dass es im Jahr 2020 in allen deutschen Regionen um 1,0-1,5 Grad wärmer werden könne als im Mittel der Referenzperiode 1981-2010. Im Fünfjahresmittel 2025-2029 erwarte die Klimavorhersage im westlichen und östlichen Teil Deutschlands sogar 1,5-2,0 Grad höhere Temperaturen. Berechnungen des Niederschlags der kommenden zehn Jahre deuten an, dass zum Beispiel im Jahr 2020 hierzulande mit durchschnittlichen Niederschlägen gerechnet werden kann, der Fünfjahreszeitraum 2020-2024 aber wohl zu trocken ausfällt.

Vergleichbare Klimavorhersagen berechnet der DWD ab sofort auch für Europa und die Welt. Wer profitiert davon? Fuchs: „Potentielle Anwender dekadischer Klimavorhersagen sind zum Beispiel Wasserwerke, wenn es um die Sicherung der Trinkwasserversorgung bei absehbar niederschlagsarmen Jahren geht.“ Aber auch die Land- und Forstwirtschaft könne sich bei der Auswahl des Saatguts oder der vorbeugenden Schädlingsbekämpfung frühzeitig auf trockenere oder warme Zeiträume einstellen. Für die Energiewirtschaft und Betreiber erneuerbarer Energien könnten dekadische Klimavorhersagen bei der Planung von Reserveleistungen für windarme Jahre sinnvoll sein. Einsatzkräfte wie das THW oder Hilfsorganisationen wie das Deutsche Rote Kreuz, die auch weltweit agieren, könnten sich bei laufenden Hilfsaktionen frühzeitig auf absehbare klimatische Extreme wie Hitze oder Dürre einstellen.

DWD stellt neue Starkregenstatistik für Deutschland vor

Ein weiteres neues Angebot des nationalen Wetterdienstes ist eine Starkregenstatistik für Deutschland. Sie erfasst vor allem mit Hilfe des Wetterradarverbunds des DWD erstmals flächendeckend Starkniederschläge - bisher für den Zeitraum 2001-2018. Ein erstes Ergebnis sei, so DWD-Experte Dr. Thomas Deutschländer, dass Starkniederschläge in Deutschland bevorzugt in der warmen Jahreszeit von Mai bis September auftreten. Der bisherige Spitzenwert stammt dabei aus dem Juli 2006 mit insgesamt 867 Ereignissen. Ein weiteres interessantes Detail sei, dass es im Jahr 2018 erstmals in diesem Jahrhundert hierzulande überdurchschnittlich viele Starkniederschlagsereignisse in einem zu warmen und gleichzeitig zu trockenen Sommer gegeben habe.

In den bisher vergleichbaren Sommern der Jahre 2003, 2013 und 2015 beobachtete der DWD nur durchschnittliche Häufigkeiten von Starkniederschlägen. Sollte sich diese Anomalie im vergleichbaren Sommer 2019 wiederholt haben, könnte das ein Signal dafür sein, dass der Klimawandel selbst in warmen und zugleich trockenen Sommern für ein Plus an Starkregenereignissen sorgt. Deutschländer: „Das entspräche den Erwartungen der Klimaforscher, dass unsere Sommer künftig sehr stark geprägt sind durch eine Abfolge von Tagen mit extremen Niederschlägen und dann wieder längeren Trockenphasen mit Dürregefahr.“ Obwohl sich mit dem bisher nur 18jährigen Beobachtungszeitraum noch keine Trends ableiten ließen, ist der DWD-Experte überzeugt: „Der Katastrophenschutz, die Wasser- und Versicherungswirtschaft, Stadtplaner oder die Landwirtschaft können diese regional und deutschlandweit sowie differenziert für einzelne Monate vorliegenden Daten zu Starkregenereignissen bei ihren Planungen heute schon sinnvoll nutzen.“

DWD-Bilanz des Jahres 2019

Das Jahr 2019 war mit einer Mitteltemperatur von 10,3°C in Deutschland zusammen mit dem Jahr 2014 das zweitwärmste Jahr seit Beginn der inzwischen 139-jährigen Temperaturzeitreihe. Elf der zwölf Monate des Jahres 2019 waren zu warm. Es war verglichen mit dem Mittelwert der internationalen Referenzperiode 1961-1990 von 8,2°C 2,1 Grad zu warm. Neun der zehn wärmsten Jahre in Deutschland traten in den vergangenen 20 Jahren auf. Seit Beginn der Aufzeichnungen 1881 beträgt der Erwärmungstrend hierzulande +1,6 Grad oder 0,11 Grad pro Jahrzehnt. Die verstärkte Temperaturzunahme der jüngeren Vergangenheit vermittelt eine andere Zahl: Seit 1970 wurde es 0,37 Grad pro Dekade wärmer.

Vom 24. bis 26. Juli 2019 traten im Westen Deutschlands an drei aufeinanderfolgenden Tagen Höchsttemperaturen von über 40°C auf. Am 25. Juli erreichte die Hitze in weiten Teilen Deutschlands ihren Höhepunkt. Insgesamt meldeten am 25. Juli 24 Stationen Temperaturmaxima von 40°C oder mehr. Neuer Rekordhalter in Deutschland ist nun die Station Lingen im Emsland mit einer Temperatur von 42,6°C.

Zum Niederschlag: Im Vergleich zu den vieljährigen Mittelwerten der Referenzperiode waren 2019 fünf Monate zu nass und sieben zu trocken. In der Summe ergibt sich für das gesamte Jahr mit 735 Litern pro Quadratmeter (l/m2) Niederschlag im Flächenmittel von Deutschland ein Defizit von knapp 54 l/m2 oder 6,8%. In der für das Pflanzenwachstum besonders wichtigen Zeit von April bis September fielen im Deutschlandmittel etwa 83 l/m2 weniger Niederschlag als im Referenzzeitraum 19611990. Allein in den Monaten Juni, Juli und August betrug das Defizit in der Summe 65 l/m2, das sind rund 27%.

Hitze und Trockenheit prägten wohl am stärksten das Wetter-und Klima-Jahr 2019. Weitere markante meteorologische Extreme in Deutschland waren die starken und anhaltenden Schneefälle im Nordstau der Alpen sowie einiger Mittelgebirge in der ersten Januarhälfte, die lange Serie von Sturmtiefs mit Böen bis hin zur Orkanstärke von Anfang bis Mitte März oder Tief „Axel“, das Mitte Mai weiten Teilen Deutschlands Stark- und Dauerniederschläge mit Wiederkehrzeiten von zum Teil über 100 Jahren brachte. (DWD)

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