Veitshöchheim: Starker Baumschultag 2018

Das Institut für Erwerbs- und Freizeitgartenbau der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau (LWG) in Veitshöchheim hat für den 24. Baumschultag 2018 den Schwerpunkt auf Social Media und E-Commerce gelegt.

Ein starker Baumschultag 2018 präsentiert Wandel in der Gehölzvermarktung. Bild: GABOT.

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Wie geht die Branche heute mit Social Media und E-Commerce um? Was ist zu tun, um den Anschluss nicht zu verlieren? Spannende Praxisvorträge und Gastredner ließen die 250 Fachbesucher, die am 22.02.2018 nach Veitshöchheim in die Mainfrankensäle gekommen waren, tief in die digitale, virtuelle Welt und deren Möglichkeiten eintauchen.

Wenn der Tag eines gezeigt hat, so war dies die Erkenntnis, dass die Zeitenwende in der Gehölzvermarktung nicht erst noch bevorsteht, sondern schon längst begonnen hat. Mit dem Thema trafen die Veranstalter absolut den Nerv der anwesenden Baumschulbetriebe, die weit über die Landesgrenzen Bayerns zum Beispiel aus den Niederlanden oder aus der Schweiz angereist waren.

In seiner Begrüßung ging Dr. Hermann Kolesch, der Präsident der LWG Veitshöchheim auf die bereits heute spürbaren Veränderungen durch die Digitalisierung ein und führte aus, welche Herausforderungen auf die grüne Branche insgesamt zukommen. Augmented Reality, Virtual Reality, Drohnen, Maschine Learning oder Künstliche Intelligenz im Gartenbau vorstellbar? Nach Kokschs Ansicht werden diese Themen sehr bald für die Gesellschaft Realität, da die Verwendung beim Militär, im Marketing und in der Pornoindustrie auf dem Vormarsch sind, meist untrügerische Indikatoren für die Akzeptanz neuer Techniken.

Die Dominanz der "Big Five" Apple, Amazon, Facebook, Microsoft und Alphabet (Google) resultiere in tiefgreifenden Veränderungen und vor allem in einer spürbaren Verunsicherung, führte Dr. Kolesch aus. Eine Auswirkung beschreibt Dr. Kolesch als den Kampf um Aufmerksamkeit (Aufmerksamkeitsökonomie).

Klaus Körber moderierte in gewohnt spritziger Art die Veranstaltung und präsentierte ein umfangreiches Programm zu den Themen e-Commerce, Webshops, Social Media Kanälen wie facebook oder Instagram und Gehölzvermarktung via Amazon. Mit dem gewählten Schwerpunkt verfolgen die Veranstalter das bewährte Konzept "Hilfe zur Selbsthilfe".

Die Keynote von Marketingexperte Engelbert Kötter stimmte thematisch auf den Tag ein. Seine wichtigste Botschaft an die vielen anwesenden Gartenbaumschulen oder Einzelhandelsgärtnereien gerichtet lautete: "Taktische Maßnahmen helfen nicht mehr weiter. Taktik ist Tapete! Wir brauchen aber Strategie!" Kötter sprach Klartext und empfahl den Anwesenden, die Hausaufgaben in strategischer Hinsicht zu machen. Der Mehrwert, den ein Betrieb biete, sei klar herauszuarbeiten. Nur eine lupenreine Positionierung und eine daran ausgerichtete Strategie führe zum Erfolg. Kötter ging in seinem Grundsatzreferat auf viele Ansätze exemplarisch ein, verwies aber auch auf zielführende Impulsfragen im Handout.

Auch wenn die Eingangsstatements nicht nur Gutes prophezeien, so machte Kötter auch Mut: "Gärten und Pflanzen sind nicht out! Sie stehen nur in einem neuen Kontaext: Erdung, Ländlichkeit als Gegenentwurf zur Globalisierung und Nachhaltigkeit werden wichtig. Der Garten dient heute zur Projektionsfläche der eigenen Persönlichkeit, des persönlichen Lifestyles und der sozialen Kommunikation."

Optisch ansprechende Verkaufsflächen, qualifiziertes Personal und eine hohe Produktqualität gehören zum guten Ton, sind aber alleine nicht der Garant für den künftigen Geschäftserfolg. Denn auch bei Pflanzen und Gehölzen möchte der gartenliebende Kunde über digitale Erlebniswelten und entsprechende Onlineangebote einfach und bequem an sein künftiges Bäumchen kommen. Urban Gardening und die Do-It-Yourself-Bewegung verschaffen der grünen Branche dabei einen Boom, der nicht abzureißen scheint.

Der Kunde kauft, was im wert ist - dort, wo er findet, was ihm wichtig ist

Auch als gärtnerischer Unternehmer ist es wichtig, sich auf die Veränderungen der digitalen Welt einzustellen und den Risiken aber auch den Chancen, die damit einhergehen, aktiv zu begegnen. Dabei ist die Frage zu stellen, ob wir mit dem Kunden (digital gesehen) immer auf Augenhöhe kommunizieren. Video-Tutorials vermitteln Grundlagen und Handgriffe, in Blogs und Bildnetzwerken tauscht man sich über Ideen und Umsetzungen aus - und das Rohmaterial für die Erfüllung der grünen Träume ist nur einen Klick entfernt. Engelbert Kötter, Marketingexperte und Unternehmensberater, berichtete aus seiner 25-jährigen Branchenerfahrung und wie sich die Anforderungen von Schaugärten und „Tag der offenen Tür“ zum digitalen Auftritt und Onlineshops geändert haben.

Um eine tragfähige Strategie zu entwickeln, empfahl Kötter den anwesenden Gärtnern vor allem, sich mit der "Zukunftsstrategie Gartenbau" auseinanderzusetzen.

Neue Zuspitzungen auf die Einkaufsstätte im digitalen Zeitalter gesucht

Eine wichtige Frage, die sich durch mehrere Vorträge wie ein roter Faden zog, lautete: Wie bekommen wir generell neue Kunden in den Laden und vor allem, wie bekommen wir wieder mehr junge Menschen in den Laden? Es ist bereits heute sichtbar, dass die solventen "Silvershopper" (Babyboomer) als Zielgruppe kleiner werden und die sogenannten Millenials, also vorwiegend die jungen Menschen, für die die Existenz des Internets selbstverständlich ist, nicht ohne weiteres als Blumen- und Pflanzenkäufer auftreten.

In diesem Zusammenhang gaben insbesondere die Vorträge der BR-Sendung "querbeet" und des "Gartenfräuleins" von Silvia Appel, Gartenbloggerin aus Leidenschaft zahlreiche Impulse, wie man junge Menschen erreicht.

Social Media im Fokus

Die vom Bayerischen Rundfunk produzierte Sendung „Querbeet“ gehört zu den meistgesehensten und erfolgreichsten Gartenformaten in Deutschland. Neben der Wissensvermittlung von Aussehen, Verwendung und Pflege von Pflanzen steht der Nachmachgedanke im Mittelpunkt. Sabrina Nitsche, selbst ehemalige Absolventin der Staatlichen Meister- und Technikerschule in Veitshöchheim, und Tobias Bode gaben Einblicke in Konzept und Drehalltag und stellen den crossmedialen Ansatz dahinter vor.

Auch die TV-Kanäle machen gerade die Erfahrung, dass sie junge Zielgruppen nicht mehr in ausreichendem Maße erreichen, daher verlängere man die Sendeformate mit Social-Media-Aktivitäten, um mit zahlreichen Maßnahmen eine Bindung der Zuschauer zu erreichen.

Ein Lebensgefühl vermitteln

Als Autorin des Blogs „Gartenfräulein“ vereint Silvia Appel Passion und Profession und öffnet mit ihrem Blog anderen Menschen die Türe zum Gärtnern. Sie entführt ihre Follower in selbst geschaffene grüne Erlebniswelten und versteht es Begeisterung zu wecken. Ein Ansatz, der auch im Gärtnereibereich immer wichtiger wird, um eine langfristige Kundenbindung aufzubauen, aber auch eine neue - und vor allem junge - Zielgruppe zu gewinnen. Wichtig sei hierbei vor allem, ein Lebensgefühl zu vermitteln, es komme nicht auf die reine Verteilung von Information an.

Als Testeinkäufer unterwegs

Als künftige Fachkräfte müssen sich die Studierende der Staatlichen Meister- und Technikerschule der LWG in der Fachrichtung Baumschule später nicht nur gut mit der Materie auskennen, sondern als Führungskraft bzw. Betriebsnachfolger die strategische Ausrichtung des Unternehmens im Blick behalten. Die künftigen Baumschulmeister haben dafür u. a. den Onlinehandel im Baumschulsektor analysiert und waren als Testeinkäufer unterwegs. Die Ergebnisse waren dabei überraschend und verblüffend zugleich.

Erfolgsmodelle aus der Praxis

Den Spagat zwischen stationärem Verkauf und den digitalen Möglichkeiten schaffen und damit den Grundstein für eine erfolgreiche Zukunft legen: Schon heute stellen sich gärtnerische Unternehmen dieser Herausforderung und haben damit aktiv auf die Zeitwende in der Gehölzvermarktung reagiert. Darunter sind auch zwei Betriebe aus Niederbayern (Baumschule Patzelsperger) und der Schweiz (Gartencenter Schwitter), die dabei komplett unterschiedliche Ansätze verfolgen, aber durchaus erfolgreich damit fahren. Schwitter zeigte, wie der Einsatz von Drohnen mit Filmkameras seine Außendarstellung verändert hat. Das Gartencenter kann man als Besucher der Webseite auch virtuell dank Google-zertifizierter Technik betreten.

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