WIFO: Bodenverbrauch nimmt uns Essen vom Teller

WIFO-Studie: Mit dem Verlust der Ackerfläche seit der Jahrtausendwende hätte eine halbe Million Menschen ernährt werden können.

Dr. Kurt Weinberger, DI Dr. Franz Sinabell bei der gemeinsamen Pressekonferenz zur Präsentation der Studie. Bild: Hagelversicherung.

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Ferienzeit ist Urlaubszeit, Zeit fürs Herumfahren im schönen Österreich. Und jedes Jahr wieder der Schock: Das Land ist seit dem vergangenen Sommer wieder um ein Stück mehr verbaut worden. Täglich sind es mehr als 11 Hektar Äcker und Wiesen, die aus der Produktion genommen werden. Für neue Gewerbeparks, die sich am Ortsrand ausbreiten, für Supermärkte mit einem riesigen Parkplatz, für Straßen, die sich durch die Landschaft schlängeln etc. Die Folgen sind weithin sichtbar: Das Land ist völlig zersiedelt. Was das bedeutet? „Durch den Bodenverbrauch kommt es zu einem Verlust der Produktionsgrundlage und somit zu einer Gefährdung der heimischen Lebensmittelversorgung. Das ist auch eine Frage der nationalen Sicherheit! Daher muss es das oberste Ziel Österreichs sein, die Lebensgrundlage Boden zu erhalten, nicht durch Verbauung weiter zu zerstören und die Selbstversorgung Österreichs mit heimischen Lebensmitteln aufs Spiel zu setzen. Hier herrscht jedenfalls Handlungsbedarf“, so der eingehende Appell des Vorstandsvorsitzenden der Österreichischen Hagelversicherung, Dr. Kurt Weinberger, und des Autors der im Rahmen des Pressegespräches präsentierten WIFO-Studie „Bodenverbrauch nimmt uns Essen vom Teller“, DI Dr. Franz Sinabell. Der anerkannte WIFO-Agrarexperte berechnete, wie viele Menschen durch den Verlust der Ackerfläche seit der Agrarstrukturerhebung 1999 ernährt hätten werden können.

Sinabell: 72.000 Hektar verlorene Ackerfläche hätten 480.000 Menschen pro Jahr ernähren können

Österreich zählt zu jenen Ländern, in denen der Flächenverbrauch, also die Verbauung von Flächen, im internationalen Vergleich sehr hoch ist. In den beiden zurückliegenden Jahrzehnten wurden annähernd 130.000 Hektar Ackerfläche verbaut. Gleichzeitig gibt es seit Jahren Initiativen und Bemühungen, die Verbauung einzuschränken, so etwa im Programm der Bundesregierung mit dem Ziel, den täglichen Verbrauch bis 2030 auf 2,5 Hektar einzuschränken. Daten zum aktuellen Flächenverbrauch deuten darauf hin, dass dieses Ziel verfehlt werden wird. Die Vorteile der Verbauung sind jenen unmittelbar einsichtig, die sie vorantreiben: Sei es die Bereitstellung von Flächen zur Deckung von Wohnbedürfnissen, von Betriebsstätten oder zur Errichtung von Sportanlagen zur Erholung und von Straßen, die für die Zugänglichkeit dieser Anlagen nötig sind. Die Nachteile der Verbauung liegen nicht so evident auf der Hand. Zu ihnen zählen neben dem Verlust von naturnahen Flächen und den damit verbundenen Ökosystemleistungen die Einschränkung des Produktionspotentials und der Versorgungssicherheit. In der WIFO-Studie wird die Dringlichkeit der Begrenzung des Flächenverbrauchs dargestellt, um den Verlust der Versorgungssicherheit mit Lebensmitteln einzudämmen. „Das Augenmerk liegt auf Ackerland, weil darauf Nahrung erzeugt werden kann, die dem Menschen unmittelbar zugänglich ist. Die Ergebnisse zeigen, dass das Ackerland zwischen 1999 und 2020 um über 72.000 Hektar abgenommen hat. Im selben Zeitraum verringerte sich die Fläche des Ackerlandes von 1.750 auf 1.460 m2 pro Person. Dieser Rückgang setzt sich einerseits aus dem Verlust von Ackerland und andererseits aus dem Anstieg der Bevölkerung zusammen. Umgerechnet in Versorgungsleistung bedeutet der Rückgang des Ackerlandes, dass in Österreich binnen 20 Jahren etwa 480.000 Menschen pro Jahr weniger ernährt werden können“, fasst DI Dr. Franz Sinabell die Studienergebnisse zusammen.

Weinberger: Von Beton können wir nicht abbeißen

Österreich ist bei der Zerstörung der Böden Europameister im negativen Sinn: Wir haben die höchste Anzahl an Supermärkten pro 100.000 Einwohner1), nämlich 60 (Vergleich Deutschland 40 Supermärkte – plus 50%). Wir haben eines der dichtesten Straßennetze2) Europas mit 15 Meter pro Kopf (Vergleich Deutschland 7,8 Meter pro Kopf). In den letzten 15 Jahren wurden im Durchschnitt 20 Hektar pro Tag in Österreich verbaut, während in Deutschland mit der 10-fachen Ackerfläche nur 75 Hektar pro Tag verbaut wurden. Wenn man das auf die verfügbare Ackerfläche der beiden Länder bezieht, dann werden in Österreich jährlich 0,56% und in Deutschland jährlich 0,22% verbaut. Der Erhalt der Lebensgrundlage Boden ist die zentrale Basis zur Bewältigung einer Vielzahl von Herausforderungen:

  • die Bewahrung der Schönheit des Landes für den Tourismus,
  • der Erhalt der natürlichen Lebensräume für Menschen, Tiere und Pflanzen,
  • zum Schutz unseres Klimas als natürliche Klimaanlage,
  • als Wasserspeicher zur Grundwassersicherung und allen voran auch
  • die Sicherstellung der Ernährungssouveränität.

Doch die Entwicklung beim Bodenverbrauch geht in die verkehrte Richtung: „Die Verbauung ist das größte Umweltproblem in Österreich. Tag für Tag sinkt durch die Zerstörung unserer Äcker und Wiesen der Selbstversorgungsgrad und Österreich wird zunehmend von Importen abhängig und somit verletzbar. Bei Kartoffeln haben wir mittlerweile nur mehr 80% Selbstversorgung und beim Brotgetreide rund 90%. Daher sage ich: Der Boden ist essentiell zur Lebensmittelproduktion. Um nicht einen kollektiven Selbstmord zu begehen und uns in Abhängigkeiten zu begeben, müssen wir – wie in der Schweiz – den produktivsten Böden ein absolutes Bauverbot auferlegen, um die Ernährungssicherung der Bevölkerung auch in Zukunft sicherzustellen. Von Beton können wir uns jedenfalls nicht ernähren. Der gesetzliche Schutz von Agrarflächen ist aber nur eine Maßnahme. Die geplante Bodenschutzstrategie bietet nach den Prinzipien ‚Vermeiden, Wiederverwerten, Minimieren‘ zwar ein Maßnahmenbündel zur Zielerreichung von 2,5 Hektar pro Tag an. Sie braucht aber verbindliche, quantitative Zielwerte. Wenn wir das Land mit dem Tempo wie in den letzten Jahren und Jahrzehnten weiter zubetonieren, dann gibt es in 200 Jahren keine Landwirtschaft mehr in Österreich“, so Weinberger.

Appell: Stoppen wir den Bodenverbrauch und sichern wir unser Essen!

Faktum ist: Ackerland und Grünflächen sind durch die Verbauung für immer tot. „Bei der gegenwärtigen Situation hängt ein Damoklesschwert über unserer autonomen Grundversorgung. Denn ohne Böden keine Landwirtschaft, ohne Landwirtschaft kein Essen und ohne Essen kein Leben. Diesen einfachen Grundsatz sollten wir endlich verstehen. Daher brauchen wir rasch eine Kurskorrektur: Stoppen wir den Bodenverbrauch, sichern wir so unser Essen“, so der abschließende gemeinsame Appell von Weinberger und Sinabell. (Hagelversicherung)

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