Standorttypischer Humusanteil: Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis

Die Erzeugung von Nahrungsmitteln in der Landwirtschaft braucht eine Produktionsgrundlage - und das ist der Boden.

Je nach Standort und Bodenschicht finden sich unterschiedliche Anteile Humus in den Proben. Welcher Wert ist standorttypisch? Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten. Bild: GABOT.

Anzeige

Fakt ist, dass rund 90% der auf der Welt produzierten Nahrungsmittel vom Boden abhängig sind. Das zeigt die Wichtigkeit des Bodens in Bezug auf die Nahrungssicherung. Das Problem ist, dass ein Boden sich nicht erneuert und deshalb stetig knapper wird. Nachhaltige Produktionsverfahren, Prozesse ohne Emissionsbelastung und effektive Ausnutzung der Rohstoffe helfen dabei, die Belastung der Böden und des Klimas zu verringern.

Das Bundesbodenschutzgesetz schreibt die Erhaltung organischer Substanz vor. Dazu gibt es klare Regelungen, deren Einhaltung aber faktisch unmöglich sind.

Die Böden verarmen Humus ist von zentraler Bedeutung für die Funktionen im Boden und den Eigenschaften, die ein Standort aufweist. Humus gerät in der Diskussion rund um den Klimawandel immer mehr in den Fokus, vor allem im Zusammenhang mit der Erzeugung von Pflanzen. Es ist Tatsache, dass Humus durch Erosion verlorengeht und, dass Kulturen, die vom Humus zehren und die Abfuhr der Erntereste für eine Verarmung der Böden sorgen. Die gängige Praxis widerspricht dem Gesetz des Humuserhalts.

Analyse zur Klärung des Status quo

Wenn Grünland in Acker umgewandelt und landwirtschaftlich genutzt werden soll, braucht es eine umfassende Analyse. Nur, wer über das Verhältnis von Kohlenstoff zu Stickstoff im Boden Bescheid weiß oder beispielsweise den Schwefelgehalt kennt, kann bestimmen, welche Kultur sinnvoll und voraussichtlich erfolgreich angebaut werden kann. Der Humusgehalt ist dabei entscheidend: „Um ein vollständiges Bild von der Fruchtbarkeit eines Bodens zu erhalten, sind Parameter wie Konzentrationen von Kohlenstoff, Stickstoff und Schwefel sowie die Differenzierung von Kohlenstoff in den Anteil an organischen und anorganischen Gesamtkohlenstoff (TOC oder TIC) relevant,“ so die Experten von Elementar Analysesysteme GmbH aus dem hessischen Langenselbold. In der Praxis heißt das, dass Bodenproben genommen und analysiert werden müssen, bevor der Anbau starten kann. Die Grundnährstoff-Analyse zeigt, woran es mangelt und was vielleicht zu viel ist.

Verantwortung übernehmen und überlegt handeln

Im Umgang mit dem Boden und seiner unausweichlichen Endlichkeit ist umsichtig und vorausschauend mit Düngemitteln umzugehen. Vorsorge zur Erhaltung des standorttypischen Humusgehalts sollte mit Blick auf die Ausgangssituation eine Selbstverständlichkeit sein. Ein Problem ist, dass landwirtschaftliche Nutzung meist Eingriffe in den Grundwasserhaushalt zur Folge hat. Die Melioration beeinträchtigt die Funktionen im Boden und reduziert Mikroorganismen und damit generell die biologische Vielfalt. Humus muss erhalten bleiben, damit die Verluste innerhalb der heimischen Flora und Fauna eingedämmt werden.

Aufgaben von Humus

Dass Humus eine zentrale Rolle für zahlreiche Bootfunktion spielt, ist hinlänglich bekannt. Die wichtigsten Funktionen, die Humus übernimmt, sind die folgenden:
• Humus spendet Mikroorganismen, Pflanzen und Tieren Nährstoffe und Energie.
• Er ist Lebensraum für Tiere und Mikroorganismen.
• Humus filtert, puffert und fungiert als natürlicher Schutzschild des Grundwassers.
• Humus ist ein zentraler Faktor, um gute Erträge auf einem Boden zu erzielen.

Neben diesen wesentlichen Funktionen ist Humus Teil verschiedener physikalischer und physikochemischer Prozesse. Humus
• verbessert den Gasaustausch
• stärkt insbesondere bei sandhaltigen und tonigen Böden das Wasserrückhaltevermögen
• verbessert die Wärmespeicherung
• gleich Temperaturschwankungen im Oberboden aus
• festigt das Bodengefüge
• bildet Ton-Humuskomplexe durch biologische Abläufe und erhöht dadurch die Stabilität
• reduziert die Bodenverschlämmung
• vermeidet Bodenerosion
• reduziert den Abfluss von Oberflächenwasser
• verändert Schadstoffe: baut Schadstoffe ein, um oder ab
• verlangsamt die Bodenversauerung
• hält Pflanzenschutzmittel vor dem Grundwasser zurück
• reduziert krankhaft bedingte Ausfälle von Kulturpflanzen

Humus befindet sich nicht nur im Oberboden

Ist vom Humusgehalt die Rede, wird dieser in prozentualen Angaben ausgedrückt. Zudem erfolgt ein Ausweis differenziert nach der Bodentiefe. Insbesondere Niederschläge, klimatische Verhältnisse und die Lage im Gelände (Senke, Kuppe, exponierte Lage, Vegetation, Bodennutzung etc.) beeinflusst den Humusanteil im Boden. Wenn es darum geht den Humusgehalt einzuschätzen, müssen standorttypische Faktoren berücksichtigt werden. Dazu gehören zum Beispiel mineralische Böden, von Stauwasser geprägt Böden oder Böden in Auen. Der Humusgehalt unterscheidet sich in Hinblick auf dem Bodentyp und weist starke Differenzen auf.

Das Problem: Die landwirtschaftliche Fachliteratur stellt bezüglich der Angaben zum Humusgehalt lediglich den Oberboden in den Fokus. Es geht fast nur um die bearbeitete Krume. Doch wenn es von Gesetzes wegen um den Bodenschutz geht, ist das zu wenig. In Paragraf 17 Bundes-Bodenschutzgesetzes (BBodSchG 1998) steht ausdrücklich:
„Zu den Grundsätzen der guten fachlichen Praxis gehört insbesondere, dass der standorttypische Humusgehalt des Bodens insbesondere durch eine ausreichende Zufuhr an organischer Substanz oder durch Reduzierung der Bearbeitungsintensität erhalten wird.“ (§ 17 Absatz 2 Nr. 7).

Die Rede ist nicht vom Oberboden, sondern vom Boden. Damit sind also auch die tiefer gelegenen Schichten gemeint. Landwirte müssen buchstäblich unter die Oberfläche schauen und sich mit dem Humusgehalt in unterschiedlicher Tiefe des zu bewirtschaften Bodens auseinandersetzen. Je nachdem, in welcher Schicht sich der Humus befindet, übernimmt dieser jeweils unterschiedliche Aufgaben. In der oberen Krume sorgt er für Stabilität und verhindert Erosion. In den tieferen Regionen dient Humus vor allem dem Klimaschutz. Wie oben bereits erwähnt, kann und muss der Humusgehalt im Labor getestet werden. Die Angabe erfolgt durch die Messung des Gesamtkohlenstoffs und des in Karbonart gebundenen Kohlenstoffs.

Hunderte Auswertungen zeichnen heterogenes Bild

In den zurückliegenden Jahren sind in Deutschland zahlreiche Analysen beauftragt worden, um ackerbaulich genutzte Standorte hinsichtlich des Humusgehalts einzustufen. Die Auswertung dieser Daten im gesamten Bundesgebiet ergab, dass Standorte für den Ackerbau im Schnitt zwischen 1 und 4% Humus enthalten. Die Südzucker AG stellte in einer länderübergreifenden Auswertung von über 40.000 Proben fest, dass in Zuckerrübenanbaugebieten im Schnitt 2,04% Humus enthalten sind. Allerdings waren die Einzelergebnisse stark different in Abhängigkeit vom Bundesland, der Bewirtschaftungsform und der Höhenlage. Bei Grünlandnutzung bewegt sich der Humusgehalt im Übrigen bei mehr als 30% - ein enormer Unterschied.

Diese hohen Diskrepanzen machen es aktuell so schwierig, eine einheitliche Vorgabe hinsichtlich der Erhaltung standorttypischer Humusgehalte festzulegen. Es gibt nämlich keine typischen Werte für eine Region. Die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung hat in einer Broschüre mit der Bezeichnung „Gute fachliche Praxis Bodenbewirtschaftung und Bodenschutz“ sogar festgestellt, dass es aktuell nicht möglich ist, für den Wirkungsbereich des Bodenschutzgesetzes eindeutige Richtwerte zu nennen. Die Empfehlung lautet daher, im Regionalbezug zu arbeiten. Auf diese Weise könnten, bei ausreichender Datenbasis, typische standortspezifische Humusgehalte genannt werden – zum Beispiel in Verbindung mit der Bodenart. Auf dieser Basis können Empfehlungen ausgesprochen werden, welche Werte einzuhalten sind. Bis dahin aber ist die Umsetzung des gesetzlich verankerten Erhalts des standorttypischen Humusgehalt praktisch nicht lenkbar und deshalb nicht umsetzbar. Was bleibt, ist der gesunde Menschenverstand und das Verständnis für die Wichtigkeit, umsichtiger Bodennutzung und angepasster Düngung unter des Maßgabe, die Verarmung des Bodens zu stoppen.

Kommentare (0)

Bisher sind keine Kommentare zu diesem Artikel erstellt worden.