Schweiz: Nur so viel Spritzen wie nötig

Die in der Schweiz in den letzten Jahrzehnten stattgefundene Intensivierung in der Landwirtschaft macht Pflanzenschutzmittel oft unentbehrlich. Weshalb eigentlich?

Ob mit oder ohne chemische Pflanzenschutzmittel: Das Ziel sind gesunde Pflanzen. Bild: GABOT.

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Es beginnt bei der Rationalisierung auf dem Acker: Nur die wenigsten Bauern können sich Arbeitskräfte leisten, die stundenlang zwischen den Reihen Unkraut jäten oder Kartoffelkäfer ablesen. Mit einem Herbizid oder Insektizid lassen sich hier Kosten einsparen.

Oder: Um möglichst hohe Erträge zu erhalten, werden beispielsweise Zwiebeln möglichst eng gesetzt. Das macht sie aber anfälliger für Krankheiten, zudem bleibt kaum Platz zwischen den Reihen für mechanisches Hacken.

Chemischer Pflanzenschutz macht diesen intensiven Anbau teilweise erst möglich. Der Kartoffelanbau ohne Schutz gegen Krautfäule ist heute in der Schweiz kaum denkbar, auch im biologischen Landbau nicht, wo vor allem Kupfer eingesetzt wird. Primär geht es darum, chemische Pflanzenschutzmittel optimal anzuwenden und mögliche negative Einflüsse auf die Umgebung zu minimieren. Der rechtliche Rahmen begrenzt hier den Spielraum relativ stark.

Ganzheitliche Betrachtung: Integrierter Pflanzenschutz

Um Direktzahlungen zu erhalten, muss ein Schweizer Landwirtschaftsbetrieb den sogenannten Ökologischen Leistungsnachweis (ÖLN) erbringen. Viele der Bestimmungen orientieren sich an der ehemals integrierten Produktion (IP), die mittlerweile zum Standard der guten Agrarpraxis geworden ist.

Sie gründet auf einer ganzheitlichen Betrachtung, bei dem vorbeugende Maßnahmen wie Widerstandskraft der Kulturpflanzen, Verwendung von sauberem Saatgut oder die Bodenfruchtbarkeit im Zentrum stehen. Chemischer Pflanzenschutz wird als Ergänzung betrachtet und soll nur gezielt erfolgen, wenn biologische oder mechanische Maßnahmen fehlschlagen. Eine wichtige Komponente ist dabei das Schadschwellenprinzip: Eine Behandlung erfolgt dabei erst, wenn die Kosten der Behandlung geringer sind als der mögliche ökonomische Schaden durch Ertragsverluste.

In der Praxis werden Pflanzenschutzmaßnahmen also oft erst durchgeführt, wenn ein bestimmtes Maß an Befall mit Unkräutern oder Schädlingen erreicht ist. Bewährt hat sich diese Methode beispielsweise bei der Bekämpfung des Kartoffel- oder des Rapsglanzkäfers. Das Prinzip verlangt vom Landwirt gute Kenntnisse über Schädlinge und Krankheiten. Zudem stehen ihm zahlreiche staatliche und private Beratungsdienste zur Verfügung.

Das Verfolgen der Wetterprognosen oder die Nutzung von diversen Warndiensten über Krankheits- und Schädlingssituationen in anderen Regionen können den Bauern in seiner Entscheidung zusätzlich unterstützen. Das Wetter spielt sowieso eine überragende Rolle in der Landwirtschaft: Ist es warm und feucht, breiten sich Pilzkrankheiten viel schneller aus als bei trockenen Bedingungen. Durch Kälte und Nässe geschwächte Kulturen wiederum sind anfälliger für Schädlinge.

Mit Fruchtfolgen vorbeugen

Fruchtfolgen wirken vorbeugend gegen Schädlings- und Krankheitsbefall. Das Prinzip: Auf einer Parzelle sollte nach Möglichkeit nie zweimal hintereinander die gleiche Kultur stehen oder Pflanzen der gleichen Familie. So wird verhindert, dass sich pflanzentypische Schadorganismen auf die Folgekultur ausbreiten.

Ein weiterer Faktor ist hier die standortgerechte Auswahl der Kultur: Böden sind sehr unterschiedlich und dementsprechend für bestimmte Kulturen besser oder schlechter geeignet.

Immer öfter kommen Nützlinge gegen Schädlinge zum Einsatz oder die Landwirte greifen zu mechanischen Schutzmaßnahmen wie beispielsweise Netzen gegen Schädlinge oder Folien gegen Unkraut.

Die strikte Einhaltung einer Feldhygiene, beispielsweise durch die Einarbeitung von Ernterückständen in den Boden wirkt ebenfalls präventiv vor allem gegen das Verschleppen von Krankheiten.

Landwirte, die dafür sorgen, dass der Boden möglichst immer mit einer Kultur bedeckt ist, haben weniger Probleme mit Unkraut und beugen zudem Erosionsschäden vor. Die für die Erhaltung der Fruchtbarkeit sehr wichtigen Bodenorganismen können sich unter diesen Bedingungen besser entwickeln.

Fruchtbare Böden gelten grundsätzlich als weniger krankheits- und schädlingsanfällig als solche, die ohne Anbaupause dauerbeansprucht werden.

Präventiver Pflanzenschutzmitteleinsatz

Es gibt bei landwirtschaftlichen Kulturen Krankheiten oder Schädlinge, bei denen es beim ersten Auftreten schon zu spät ist. Der Einsatz von präventiv wirkenden Pflanzenschutzmitteln kann beispielsweise beim Falschen Mehltau in Weinreben einen Totalbefall oder die Anwendung von kurativ wirkenden Pflanzenschutzmitteln in grösseren Mengen verhindern.

Bei kurzen Kulturen wie beispielsweise Salat verlangen viele Abnehmer Nulltoleranz in Sachen Blattlausbefall. Da bleibt dem Gemüseproduzenten keine andere Möglichkeit, als präventiv ein Insektizid zu verwenden. Dazu kommen oft relativ lange Wartefristen zwischen Behandlung und Konsum, die eine spätere Behandlung bei vielen Gemüsearten von vornherein unmöglich macht.

Keine Behandlung bei Regen und Wind

Mit der richtigen Anwendung von Pflanzenschutzmitteln kann der Landwirt den negativen Einfluss auf die Umwelt weiter minimieren. Das beginnt mit der Wahl des geeigneten Pflanzenschutzmittels. Weitere Faktoren für die erfolgreiche Applikation sind die Wahl des richtigen Spritzzeitpunktes, die Wassermengen und die Verteilung des Pflanzenschutzmittels auf dem Zielobjekt.

Bei Wind und Regen oder bei zu heißen Temperaturen mit niedriger Luftfeuchtigkeit sollte nicht behandelt werden. Eine wichtige Rolle spielt zudem die richtige Wahl des Applikationsgerätes und dessen vorschriftgemäße Reinigung.

Die Bauern müssen über jede Verwendung eines Pflanzenschutzmittels genau Buch führen. Dazu gehören der Name des Pflanzenschutzmittels, Behandlungsdatum, behandelte Fläche, Kultur und Behandlungsgrund sowie die Dosierung. Die Aufzeichnungen muss der Bauer bei den regelmäßig durchgeführten Betriebskontrollen vorweisen.

Resistenz-Management ist nötig

Bereits vor über 50 Jahren wurden bei chemischen Pflanzenschutzmitteln nach einer gewissen Zeit abnehmende Wirkungen beobachtet. Unkräuter, Pilze oder Schädlinge entwickeln Resistenzen. Diese entstehen durch einen natürlichen Selektionsdruck: Einige wenige Schadorganismen überleben eine Behandlung, weil sie angeborene Resistenzen in sich tragen, während die anderen Individuen innerhalb der Population abgetötet werden.

Die resistenten Organismen vermehren sich und machen so den Wirkstoff mittel- bis langfristig unwirksam. Häufig treten solche Resistenzen nach der wiederholten Anwendung von Mitteln mit dem gleichen Wirkungsmechanismus auf die gleiche Population auf. Begünstigend wirken sich zudem einseitige Fruchtfolgen aus, kombiniert mit zu tiefen, nicht den Zielorganismen entsprechenden Applikationsmengen.

Mit einem gezielten Resistenz-Management dämmen die Landwirte das Entstehen von Resistenzen ein. Die Kombination und der Wechsel von chemischen Wirkstoffen mit unterschiedlichen Wirkmechanismen steht dabei im Vordergrund. Eine Antiresistenzstrategie mit Wirkstoff-Wechsel zur Erhaltung der langfristigen Wirksamkeit von Pestiziden ist deshalb in der Schweizer Landwirtschaft Standard. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass genügend Wirkstoffe zur Verfügung stehen.

Mehr Effizienz dank Technologie

Die Anwendung von intelligenter Technik bildet einen weiteren Schlüssel zur Reduktion der Pestizid-Einsätze auf den Äckern. Moderne Spritzdüsen sind so konstruiert, dass die Flüssigkeit tatsächlich auf dem Zielorganismus landet und nicht mehr auf dem Boden, in Gewässern oder in der Luft. Sensoren identifizieren künftig Unkraut und werden so gezieltere Behandlung ermöglichen.

Mit Kameras ausgerüstete Hackroboter stehen in der Schweiz heute bereits im Einsatz und erlauben sehr genaues Hacken zwischen den Reihen. Bald werden auf Schweizer Äckern völlig autonome Hackroboter unterwegs sein und dort GPS-gesteuert Jätarbeiten übernehmen. Spritz-Drohnen werden künftig insbesondere über den Rebbergen unterwegs sein und mit weniger Spritzmitteln auskommen als bisher. Der Aktionsplan Pflanzenschutzmittel sieht die Förderung von derartigen Technologien vor. (LID)

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