Wissenschaftsrat verkennt Bedeutung der Gartenbauwissenschaften

Anzeige

Hochschulabsolventen fordern Beteiligung am Diskussionsprozess ein.Der Bundesverband der Hochschulabsolventen/Ingenieure Gartenbau und Landschaftsarchitektur e.V. (BHGL) sieht in den „Empfehlungen zur Entwicklung der Agrarwissenschaften in Deutschland im Kontext benachbarter Fächer (Gartenbau-, Forst- und Ernährungswissenschaften)“ des Wissenschaftsrates (veröffentlicht am 10.11.2006 als Drucksache 7618-06) ein völliges Verkennen der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedeutung der Gartenbauwirtschaft und Gartenkultur. Deshalb hat er dieses Positionspapier erarbeitet und unter anderem an die zuständigen Kultus- bzw. Wissenschaftsministerien der Länder mit der Bitte gesandt, an dem weiteren Entwicklungsprozess aktiv beteiligt zu werden.

 

In den Mittelpunkt seines Gutachtens hatte der Wissenschaftsrat die Kritik gestellt, dass es in Deutschland zu viele zu kleine Forschungsstandorte gebe und schlägt deshalb eine Konzentration auf wenige Forschungscluster vor, in die auch außeruniversitäre Einrichtungen einbezogen werden sollen. Dieser Vorschlag basiert darauf, dass die internationale Wettbewerbsfähigkeit nahezu ausschließlich an dem vermeintlich objektiven Kriterium der Zahl referierter Veröffentlichungen gemessen wird und man sich von größeren Forschungseinheiten eine gegenseitige Befruchtung zur wissenschaftlichen Exzellenz erwartet. Es sei noch angemerkt, dass der Wissenschaftsrat empfiehlt, die Gesamtkapazität in den Agrarwissenschaften zu erhalten.

 

Der BHGL ist der Auffassung, dass der Wissenschaftsrat dabei eine Konstante völlig außer Acht gelassen hat. In der Analyse kommt er zu dem Schluss, dass das föderale System ursächlich für die aktuelle Zersplitterung der Forschungslandschaft in der Agrarwirtschaft sei. Gleichzeitig wird aber vorgeschlagen, bundeslandübergreifend Forschungscluster zu bilden, ohne aber die Gesamtkapazitäten zu schmälern. Die Realität hat in den vergangenen Jahren allerdings gelehrt, dass eine länderübergreifende Finanzierung von universitärer Forschung und Bildung die absolute Ausnahme darstellt. Insofern hätte bei einer soliden wissenschaftlichen Betrachtung der politische Rahmen, das bundesdeutsche föderale System, als konstante Einflussgröße gewertet werden müssen. Insofern muss sich der Wissenschaftsrat gegebenenfalls in zehn Jahren fragen lassen, warum seine Reduzierungsvorschläge umgehend aufgegriffen wurden und damit die Gesamtkapazitäten entgegen seinem Vorschlag reduziert wurden, auch wenn es für die betroffenen Agrarwissenschaften mit seinen benachbarten Fächern dann zu spät sein könnte.

 

Noch viel deutlicher werden die Grenzen der Empfehlungen anhand der fehlenden Betrachtung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Relevanz der Gartenbauwissenschaften. Eine solche Betrachtung hat überhaupt nicht stattgefunden. Alleine gemäß der Darstellung des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz erwirtschaftet der Gartenbau insgesamt rund 34% der landwirtschaftlichen Verkaufserlöse aus der pflanzlichen Produktion. Dabei sind bei dieser Statistik die Wertschöpfung aus Handel, Kunst (Floristik) und Dienstleistung noch unberücksichtigt. Die Gartenbauwirtschaft beschäftigt mehrere 100.000 Menschen in allen diesen Bereichen. Die universitäre Ausbildung bereitet die entsprechenden Lehr- und Führungskräfte für die Vielfalt der Einsatzgebiete, die von der Verwaltung eines Friedhofs über die Züchtungsforschung bis zur Produktion von Obst reicht, vor. Der Dienstleistungsanteil im Gartenbau nimmt stetig zu. Die professionelle Innenraumbegrünung, die sich aus dem Zierpflanzenbau entwickelt hat, ist dafür nur ein Beispiel. Insofern sind die in den Empfehlungen des Wissenschaftsrates vorgesehenen Kürzungen für den Bereich der Gartenbauwissenschaften von nahezu 40 % nicht zu verstehen. Einer prosperierenden Branche, wie z.B. durch den bekannten Trendforscher Opaschowski bestätigt, wird damit der wissenschaftliche Boden entzogen. Folgt die Politik der Empfehlung des Wissenschaftsrates, wird der Mangel an Führungskräften geradezu planmäßig erzeugt.

 

Der Erfolg der „Systemwissenschaften“, wie dem der Gartenbauwissenschaft, liegt in der umfassenden Berücksichtigung biologischer, ökologischer, technischer, wirtschaftlicher, kultureller und soziologischer Einflussgrößen. Insofern ist die Zahl der referierten wissenschaftlichen Arbeiten naturgemäß geringer als bei Grundlagenfächern. Bereits in der Vergangenheit hat die Anwendung dieses vermeintlich objektiven Kriteriums die einzelnen Fakultäten im internen Wettbewerb der Hochschule häufig zu einer Verstärkung der Grundlagenforschung und damit einhergehender Vernachlässigung der Systemansätze geführt. Gerade die Beherrschung der Komplexität der genannten Einflussgrößen macht die Qualität der Hochschulabsolventen der Gartenbauwissenschaften aus. Diese Ausbildung haben die Hochschulen in den Mittelpunkt ihres Auftrages gestellt. Auch dieser Sachverhalt findet in den Empfehlungen des Wissenschaftsrates fast keine Berücksichtigung.

 

Die Gartenbauwissenschaften haben stets auch gesellschaftliche Trends erkannt und aufgegriffen. So ist der Bevölkerungsrückgang in vielen Städten, zurzeit besonders ausgeprägt im Osten Deutschlands, auch ein gartenbauliches Thema. Entstehende Baulücken müssen sinnvoll mit Grün gestaltet und entwickelt werden. Deshalb ist es nicht zu verstehen, dass gerade für die gartenbauliche Ausbildung an der einzigen Universität im Osten, die sich just mit einem Schwerpunkt einem solchen Thema stellt, der Wissenschaftsrat die Schließung vorschlägt. Der BHGL fragt deshalb: Warum enthält die Empfehlung des Wissenschaftsrates an keiner Stelle eine Empfehlung zum Ausbau der Gartenbauwissenschaften? Stattdessen wird ein 40-%iger Abbau vorgeschlagen. Für den BHGL bleibt deshalb die einzige Schlussfolgerung: Die Empfehlungen zur Entwicklung basieren zu einseitig auf einem einzigen Faktor der wissenschaftlichen Exzellenz und berücksichtigen wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen nicht ausreichend. Damit enthält der Ansatz bereits den Fehler, dass Fehlentwicklungen der Vergangenheit potenziert statt beseitigt werden. Der BHGL bietet deshalb allen politischen Entscheidungsträgern einen fundierten Dialog an, in dem er die wissenschaftliche, wirtschaftliche, kulturelle und gesellschaftliche Bedeutung der Gartenbauwissenschaften belegen wird und fordert eine kritische Auseinandersetzung mit dem Gutachten des Wissenschaftsrates. (ZVG/BHGL)

Kommentare (0)

Bisher sind keine Kommentare zu diesem Artikel erstellt worden.