Integrationspreis: "Wir schaffen's wirklich!"

Mit einer ebenso einfachen, wie richtungsweisenden Erfindung ist der Stuttgarter Verlag Eugen Ulmer auf der Leitmesse GaLaBau 2016 mit einer Innovationsmedaille ausgezeichnet worden.

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Mit einer ebenso einfachen, wie richtungsweisenden Erfindung ist der Stuttgarter Verlag Eugen Ulmer auf der Leitmesse GaLaBau 2016 mit einer Innovationsmedaille ausgezeichnet worden. Die Schwaben haben ein interaktives, in jede Branche und auf jede Lebenslage übertragbares Bilder-Wörterbuch entwickelt, mit dem sich selbst Analphabeten Fachsprache beibringen können.

"Wir wussten schon im Oktober 2015, dass 'Wir schaffen das' alleine nicht reichen wird", sagt Tjards Wendebourg, Redaktionsleiter bei DEGA GALABAU, der führenden Fachzeitschrift für den Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau. "Die Menschen brauchen Arbeit, um sich schnell integrieren zu können, und Arbeit gibt es nur mit Sprachkenntnis." Deshalb setzten sich die Stuttgarter Ende 2015 zusammen und überlegten, wie ein Sprachlern-Werkzeug für eine bestimmte Branche aussehen könnte. Denn um die Arbeit auf der Baustelle zu ermöglichen, müssten Zuwanderer die Worte für zahlreiche Tätigkeiten, Baustoffe, Bauteile und Werkzeuge erlernen, darunter auch viele Werkzeuge, die in den Herkunftsländern vieler Migranten gar nicht bekannt sind. Deshalb entschieden sich Fachjournalisten, die normalerweise damit beschäftigt sind, Fachmagazine zusammenzustellen, alle Begriffe in den Zusammenhang mit dem jeweiligen Ergebnis zu stellen – und das in Form von Bildern. Soll also ein Baum gepflanzt werden, zeigt eine Doppelseite den Baum in der Pflanzgrube und drum herum alle Werkzeuge, die dafür notwendig sind. Aber die eigentlich geniale Idee kam den Schwaben in der Kantine. „Nehmen wir doch einfach QR-Codes und hinterlegen sie mit Tondateien“, war der Einfall von Christoph Killgus, im Team für den Bereich Gartenbau verantwortlich. Mit diesem Kniff kann das Bilder-Wörterbuch von jedem zum Erlernen der Fachsprache genutzt werden, ganz unabhängig davon, ob sie oder er der lateinischen Schrift mächtig ist oder nicht. Alles was es braucht, ist ein Smartphone und ein kostenloser QR-Code-Scanner. Einmal vom Arbeitgeber erklärt, kann jeder im „stillen Kämmerlein“ mithilfe der Bilder selber lernen – so lange, bis es sitzt. Denn jeder Begriff wird dreimal vorgelesen sowie einmal mit bestimmtem und einmal mit unbestimmtem Artikel.

Weil die Produktion des gesamten „interaktiven GaLaBau-Bilder-Wörterbuchs (iGBW)“ auf einen Schlag zu lange gedauert hätte, entschlossen sich die Stuttgarter, das Ganze als Serie in ihren Magazinen DEGA GALABAU und FLÄCHENMANAGER vorweglaufen zu lassen und starteten im Januar mit dem ersten Teil. In dem versteckten sie gleich eine weitere kleine Integrationshilfe: Mit den Bildern von der ‚Landschaftsgärtnerin‘ und dem ‚Landschaftsgärtner‘ bekommen Zuwanderer gleich erklärt, dass auf deutschen Baustellen Gleichberechtigung herrscht. Die Mitarbeiterin und der Mitarbeiter stellen – gekleidet in passender Berufskleidung - auch alle Tätigkeiten dar; als Verben im Infinitiv. Damit möglichst viele Unternehmer die Lernhilfen nutzen können, können alle bereits fertigen Serienteile über die Eingabe des 4-stelligen Codes „dega2904“ in die Suchmaske auf der Webseite dega-galabau.de als PDF heruntergeladen und ausgedruckt werden. Bis zum September 2017 hofft der Verlag, das gesamte iGBW als Ringbuch mit rund 2.000 Wörtern herausgeben zu können. Dann hat eine Branche alle ihre Fachbegriffe auf einen Schlag als Lehrbuch präsent und ist damit richtungsweisend bei der Integrationsarbeit.

Das sahen auch der Bundesverband Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau e.V. (BGL) und die NürnbergMesse so und erkannten den Stuttgartern jetzt eine „GaLaBau-Innovationsmedaille“ zu. Die wird der Umsetzung des ambitionierten Vorhabens noch einmal Rückenwind geben.

„Wir haben nicht verstanden, weshalb die Bundesregierung den Menschen nicht von Anfang an geholfen hat, praktische und bundesweit nutzbare Integrationshilfen zu schaffen“, sagt Wendebourg. Auch die Versuche, finanzielle Förderungen zu erhalten, seien ergebnislos verlaufen – trotz guter Kontakte in die Bundespolitik. Nun haben sich die Stuttgarter eben alleine auf den Weg gemacht und hoffen, dass sich möglichst viele Branchen das zum Vorbild machen. Für den GaLaBau, der unter zunehmendem Fachkräftemangel leidet, ist die Erfindung jedenfalls eine große Hilfe; zumal sich am Ende noch zwei weitere Einsatzgebiete des iGBW aufgetan haben: Jeder Lehrling kann in Zukunft zum Start der Ausbildung den gesamten Wortschatz „to go“ mit auf den Weg bekommen, und auch die bereits in den Betrieben tätigen Mitarbeiter mit ausländischen Wurzeln können ihre Sprachkompetenz verbessern. 

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