Corona: Höhere Akzeptanz für die Landwirtschaft?

Dr. Roman Glaser, Präsident des Baden-Württembergischen Genossenschaftsverbands, erhofft sich durch die Coronavirus-Pandemie einen langfristigen positiven Effekt für die heimische Landwirtschaft.

Durchschnittlich 2,79 Euro erzielten die Erzeugermärkte vergangenes Jahr pro kg Erdbeeren (2018: 2,20 Euro). Bild: bwgv-Werbefonds Obst, Gemüse, Gartenbau.

Die Lockerung der Einreisebestimmungen für ausländische, erfahrene Erntehelfer kam für viele genossenschaftliche Obst- und Gemüsebetriebe in Baden-Württemberg gerade noch rechtzeitig. Zu dieser Einschätzung gelangt der Baden-Württembergische Genossenschaftsverband (BWGV). „Dank der, wenn auch in reduzierter Anzahl, verfügbaren Saisonarbeitskräfte, aber auch dank der Hilfe aus der Bevölkerung konnten die jetzt anstehenden und notwendigen Arbeiten in der Landwirtschaft begonnen werden“, betont BWGV-Präsident Dr. Roman Glaser und ergänzt: „Für die jetzt begonnene Erdbeersaison hoffen wir auf einen guten Verlauf.“ Die aktuelle Wetterlage mit viel Sonne und warmen Temperaturen gibt Spargel und Erdbeeren einen enormen Wachstumsschub. Die gesamte Obst- und Gemüsewirtschaft in Baden-Württemberg ist in diesen Wochen besonders stark auf ausländische Saisonarbeitskräfte angewiesen: Spargel und Erdbeeren gehören im Südwesten hinter Äpfeln und Tomaten zu den umsatzstärksten Produkten. Im vergangenen Jahr wurden damit rund 50 Mio. Euro umgesetzt.

 „Nach einer Woche haben bundesweit bereits 1.200 Betriebe auf dem Portal des Deutschen Bauernverbands 10.000 Saisonarbeitskräfte zur Einreise angemeldet, und die Initiative 'Das Land hilft' hat auf ihrer Plattform innerhalb von knapp zwei Wochen mehr als 50.000 Inserate von Freiwilligen aus der Bevölkerung registriert, die den Betrieben vor Ort ihre Hilfe anbieten“, stellt Glaser heraus. Er weist darauf hin, dass bei Erdbeeren die Saison gerade erst begonnen hat und die Spargelsaison demnächst ihren Höhepunkt erreicht. Ob für die gesamte Saison genügend Erntehelfer und Saisonarbeitskräfte zur Verfügung stehen sowie weitere Ernte- und Vermarktungsausfälle verhindert werden können, könne zu diesem Zeitpunkt niemand in Baden-Württemberg und auch nicht in Deutschland garantieren. Glaser: „Nach wie vor gilt, dass viele Betriebe existenziell bedroht sein können. In der jetzigen Situation ist Solidarität mit den regionalen Erzeugern gefragt. Jeder kann sie mit seinem individuellen Einkaufsverhalten unterstützen.“

Corona-Krise zeigt: Dürfen uns nicht von Importen abhängig machen

Obst- und Gemüsebetriebe sind sehr abhängig von Saisonarbeitskräften, wie alle Bereiche, in denen die Automatisierung noch keine wirtschaftlichen Ergebnisse erzielen kann. Hier handelt es sich nach wie vor überwiegend um Handarbeit“, erklärt Glaser. In diesem Zusammenhang betont er, dass Saisonarbeitskräfte nicht nur für die Ernte wichtig seien, sondern auch für Aussaat und Pflanzung von Gemüse. „Vom Säen bis zur Ernte vergehen je nach Gemüseart mehrere Wochen. Daher erfolgt der Gemüseanbau im satzweisen Anbau. Das heißt, dass jede Woche parallel gesät, gepflanzt und geerntet wird. Und das geht so in der gesamten Freilandsaison von April bis Oktober, besonders natürlich im Gemüse-Land Baden-Württemberg“, so der BWGV-Präsident, der die große Bedeutung der regionalen Landwirtschaft hervorhebt: „Gerade in der aktuellen, mit vielen Unwägbarkeiten verbundenen Zeit, tragen die regionalen Erzeuger entscheidend zur gewohnten Versorgungsqualität bei und geben der Bevölkerung letztendlich Sicherheit.“ Insbesondere die kurzen Wege und verlässlichen Lieferketten erweisen sich als großer Vorteil. Glaser: „Die weltweite Krise führt uns vor Augen, dass wir uns nicht von Importen abhängig machen dürfen. Wenn die Exportländer von Grundnahrungsmitteln jetzt auch noch Exportstopps beschließen, gerät eine im Bereich der Landwirtschaft zum Teil importabhängige Volkswirtschaft schnell in eine Ernährungskrise.“

Gutes Jahr 2019 für Obst- und Gemüsewirtschaft

Welch große Bedeutung die genossenschaftliche Obst- und Gemüsewirtschaft in Baden-Württemberg hat, zeigt ein Blick auf die Zahlen des Vorjahres: Insgesamt 227.000 Tonnen Obst haben die genossenschaftlichen Erzeugermärkte im Jahr 2019 vermarktet. Das sind 84.000 Tonnen oder 58% mehr als im Vorjahr, das bis zum Herbst von der geringeren Lagermenge an Äpfeln geprägt war. Auf einem guten Niveau präsentiert sich auch die genossenschaftliche Gemüsewirtschaft: Insgesamt wurden 93.000 Tonnen zur Vermarktung angeliefert, 7.000 Tonnen oder 8% mehr als im Vorjahr. Auch beim Umsatz können Steigerungen vermeldet werden: Der Gesamtumsatz der genossenschaftlichen Erzeugergroßmärkte und ihrer Vertriebsgesellschaften belief sich auf 459 Mio. Euro, ein Plus von 52 Mio. Euro oder 12,8%. Die Obstumsätze lagen 2019 bei 177 Mio. Euro (Vorjahr: 142 Mio. Euro) – ein Zuwachs von 25%. Gemüse erzielte im vergangenen Jahr einen Umsatz von 253 Mio. Euro (Vorjahr: 233 Mio. Euro) – ein Plus von 8,6%.

Die hohen Steigerungsraten bei Vermarktungsmenge und Umsatz sind insbesondere den Äpfeln geschuldet. Mit 83,1 Mio. Euro lag der Umsatz durch Äpfel im Jahr 2019 um rund 80% höher als im Vorjahr (46 Mio.Euro). 2018 wirkten sich die Folgen der frostbedingt sehr schwachen Ernte im Jahr 2017 aus. Dagegen war die Apfelernte 2018 mit 460.000 Tonnen überdurchschnittlich gut – und dementsprechend lief auch die Vermarktung 2019 (193.000 Tonnen) ohne Mengenengpässe. Auch in diesem Jahr können die Verbraucher auf ausreichend regionale Äpfel vertrauen: Die Bauern haben im Jahr 2019 rund 400.000 Tonnen geerntet. Rund 140.000 Tonnen Äpfel gelangen so stetig aus der modernen Frischelagerung bis zur neuen Ernte im Herbst in den Verkauf.

Erdbeersaison hat zehn Tage früher als im Vorjahr begonnen

Durchschnittlich 2,79 Euro erzielten die Erzeugermärkte vergangenes Jahr pro Kilogramm Erdbeeren (2018: 2,20 Euro). Insgesamt vermarkteten die Genossenschaften 8.400 Tonnen. Das sind 2.400 Tonnen oder 23% weniger. Dagegen sank der Umsatz dank der höheren Preise nur leicht um 3% auf 23,4 Mio. Euro. In diesem Jahr hoffen die Genossenschaften und ihre Mitgliedsbetriebe, das Vorjahresergebnis trotz Corona zu übertreffen. „Die Erdbeersaison hat in diesem Jahr aufgrund der warmen Temperaturen und der vielen Sonnenstunden zehn Tage früher begonnen als im Vorjahr“, so Glaser. Mit den ersten Freiland-Erdbeeren können die Verbraucher in der ersten Maihälfte rechnen, und damit rund zwei Wochen früher als üblich. Glaser: „Was die Bauern jedoch neben Erntehelfern jetzt dringend brauchen, sind ausreichende Regen-Niederschläge.“

Bei den Zwetschgen sank die Vermarktungsmenge um 3% auf 11.700 Tonnen (Vorjahr: 17.600 Tonnen). Der Umsatz reduzierte sich um 13% auf 9,4 Mio. Euro (Vorjahr 10,8 Mio. Euro). Nach der mengenstarken Ernte im Vorjahr war bei einigen Zwetschgensorten der Ertrag niedriger.

Corona sorgt für Umsatzeinbüßen beim Spargel

Die Spargelsaison 2019 begann früher als im Vorjahr. Dennoch bewegte sich die Erntemenge 2019 mit 5.500 Tonnen auf dem eher niedrigen Vorjahresniveau (5.400 Tonnen). Dank einer gleichmäßigen Vermarktung über die gesamte Erntezeit und damit verbundenen höheren Kiloerlösen konnte der Gesamtumsatz um 17% auf 25,4 Mio.Euro gesteigert werden. In diesem Jahr startete die Spargelernte noch früher. Die Vermarktung wurde aber durch das Einsetzen der Coronavirus-Pandemie ab Mitte März stark eingeschränkt: Zum einen aufgrund der fehlenden Saisonarbeitskräfte aus dem Ausland, zum anderen weil die Gastronomie als Abnehmer des ersten deutschen Spargels vollständig wegbrach. Die Spargelmärkte in Bruchsal und Vogtsburg hoffen, dass die Nachfrage zum Saisonhöhepunkt noch zunimmt, um die Umsatzeinbußen der ersten Saisonhälfte zu kompensieren.

Sehr erfreulich verlief die Saison 2019 für Tomaten: Mit 20.800 Tonnen konnte die Erntemenge um 3.500 Tonnen oder 20% gesteigert werden. Bei einem gleichzeitig auf 1,82 Euro pro Kilogramm gestiegenen Durchschnittserlös (Vorjahr: 1,75 Euro) wurde mit 37,9 Mio. Euro ein Umsatzplus von 25% erreicht. Bei Paprika gelangte mit 4.400 Tonnen die nahezu identische Menge in die Vermarktung wie 2018. Und auch der Umsatz war mit 10,4 Mio. Euro auf Vorjahresniveau. „Die sich bei Tomaten und Paprika zeigenden Vorteile des geschützten Anbaus müssen im gesamten Obst- und Gemüsebereich noch stärker genutzt werden“, betont Glaser mit Blick auf den trockenen und heißen Sommer 2019.

2019 Plus für die Gartenbaugenossenschaften – 2020 schwierig

Die Gartenbaugenossenschaften in Baden-Württemberg haben mit ihren Mitgliedern einen Gesamtumsatz von rund 33 Mio. Euro erzielt – ein leichtes Plus von 3% gegenüber dem Vorjahr. Der Verkauf von Blumen und Pflanzen erfolgt bei den meisten Blumengroßmärkten in Eigenregie der Mitglieder. Dabei haben die Mitglieder wie im vergangenen Jahr einen Gesamtumsatz von rund 100 Mio. Euro erzielt. „Die Blumengroßmärkte und die Mitglieder sind von der Coronavirus-Pandemie stark betroffen“, betont Glaser. Aufgrund der gesetzlichen Vorgaben mussten die Blumenläden, die Hauptkunden auf den Blumengroßmärkten, ihre Geschäfte schließen. „Viele haben zwar einen Hol- und Bringdienst eingerichtet, doch die Ausfälle können damit nicht kompensiert werden. Gerade auch das wichtige Ostergeschäft und das Frühlingspflanzgeschäft haben bereits stark gelitten“, erklärt der BWGV-Präsident.

Glaser hofft auf langfristig positiven Effekt für die Landwirtschaft

Eine Prognose, wie stark die Auswirkungen der Corona-Krise auf die Landwirtschaft schlussendlich sein werden, wagt Glaser nicht. Fest steht für ihn nur: „Die gesamte Branche leistet gerade Unvorstellbares. Die Bäuerinnen und Bauern im Land stellen sich mit aller Kraft den Herausforderungen und ihrer Verantwortung, die Bevölkerung mit gesunden Lebensmitteln zu versorgen. Die Bedeutung der regionalen, genossenschaftlich organisierten Landwirtschaft war in den vergangenen Jahren selten so sichtbar wie heute.“ Daher erhofft er sich durch die Coronavirus-Pandemie auch einen langfristigen positiven Effekt für die Landwirtschaft: „Die Bevölkerung lernt gerade viel über die landwirtschaftliche Arbeit und die Produktionskette von der Aussaat, über die Ernte bis zur Vermarktung und über die Notwendigkeit der heimischen Landwirtschaft. Dies kann zu einer höheren Akzeptanz und Wertschätzung für die gesamte Landwirtschaft führen und die in den vergangenen Jahren erkennbare schleichende Entfremdung von Stadt und Land stoppen.“ Und weiter sagt Glaser: „Wer selbst gerade täglich zehn Stunden auf dem Feld Spargel sticht oder Erdbeeren erntet, um den Betrieb in der Nachbarschaft zu unterstützen, der wird diese Erfahrung nicht vergessen und die Arbeit der Bäuerinnen und Bauern nachhaltig wertschätzen.“

Die 21 Obst-, Gemüse- und Gartenbaugenossenschaften sowie genossenschaftlichen Vertriebsorganisationen in Baden-Württemberg werden von rund 4.700 Einzelmitgliedern getragen. (BWGV)

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