Bundestag: Agrarökologie als Beitrag zur Ernährungssicherung

Die Agrarökologie als nachhaltige Form der Landwirtschaft kann einen wichtigen Beitrag zur globalen Ernährungssicherung leisten, sagten die Sachverständigen in der öffentlichen Anhörung des Ausschusses für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung zum Thema "Agrarökologie und Saatgutbanken" am Mittwochvormittag im Deutschen Bundestag.

Der Ansatz der Agrarökologie gibt die Möglichkeit, Unterernährung und Hunger zu bekämpfen. Bild: GABOT.

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Antônio Inácio Andrioli, Vizepräsident der Universidade Federal da Fronteira Sul in Brasilien, sprach sich dafür aus, die Bauern beim Übergang von der konventionellen Landwirtschaft hin zum agrarökologischen Ansatz finanziell zu unterstützen. Ein Weiter-so der industrialisierten Landwirtschaft mit weltweit standardisiertem Saatgut, chemischen Düngemitteln und schwerem technischem Gerät dürfe es nicht geben. Wenn dagegen traditionelles Wissen mit dem modernen agrarökologischen Ansatz kombiniert werde, sei es möglich, einen schonenden Umgang mit der Natur mit Ertragssteigerungen zu verbinden. Kleinbauern trügen durch ihre Produkte in einem regionalen Markt zur Ernährungssicherung bei. Wichtig sei, dass die bäuerliche Landwirtschaft auf Mischkulturen und Artenvielfalt setze und dem Schutz der Böden höchste Bedeutung beimesse. „Beginnen wir damit, den Boden zu schützen, in dem das Leben beginnt.“ Dieser sei entscheidend für die Herstellung gesunder Produkte und somit für die Gesundheit der Menschen.

Dass es auch beim agrarökologischen Ansatz nicht ganz ohne den Einsatz konventioneller Düngemittel gehe, betonte Matin Qaim, Direktor des Zentrums für Entwicklungsforschung der Universität Bonn. Man dürfe Mineraldünger nicht grundsätzlich verdammen. Allerdings könne man heute dank Robotik und KI viel besser dosieren und den Düngemittelverbrauch erheblich reduzieren. Durch eine moderate Düngung, je nach geografischer Lage, lasse sich der Ertrag in einem agrarökonomischen Betrieb erheblich steigern. Bei einem völligen Verzicht im globalen Maßstab hingegen ließen sich statt acht nur vier Milliarden Menschen ernähren. Ein rein ökologischer Landbau führe außerdem zu einem dramatischen Flächenverbrauch - zu Lasten der Biodiversität und des Klimas. Die Entwicklungszusammenarbeit müsse die Bauern im agrarökologischen Sinne ausbilden und ausstatten, sodass diese mit ihren Produkten auf regionalen Märkten Fuß fassen könnten. Dagegen solle man sich sowohl von Subventionen für Düngemittel als auch von dem Ziel einer romantisierenden Subsistenzswirtschaft verabschieden.

Der Ansatz der Agrarökologie gibt die Möglichkeit, Unterernährung und Hunger zu bekämpfen und das Nahrungsmittelsystem so zu gestalten, dass sich alle gesund ernähren können und dabei auch noch die Umwelt geschont wird, sagte Vanessa Black von der Organisation Biowatch South Africa. Die Bauern müssten dazu lediglich ihr traditionelles Wissen mit neuen Erkenntnissen und Produktionsmitteln kombinieren und würden unabhängig vom industriellen Saatgut. Saatgutbanken könnten für eine größere Artenvielfalt sorgen. Künstliche Düngemittel, Pestizide und Herbizide sowie chemisch modifiziertes Saatgut hätten in der Welt der Agrarökologie dagegen keinen Platz. Werde nach den Grundsätzen der Agrarökologie, der Artenvielfalt und vor allem kleinteilig gewirtschaftet, könnten auch bessere Ernten erzielt werden. Die Politik müsse diesen Weg unterstützen und den Landwirten den Übergang erleichtern.

Urs Niggli, Präsident des Instituts für Agrarökologie, berichtete von seinen Erfahrungen mit dem Ökolandbau, der mit geringeren Erträgen und höherem Flächenverbrauch einhergehe. Dagegen sei die Agrarökologie eine Riesenchance. Man nehme das Beste vom traditionellen Ökolandbau und kombiniere es mit den Erkenntnissen der modernen Agrarwissenschaft und Hightech und es eröffneten sich ungeahnte Potenziale für die Zukunft, so der Experte. Wie sehr sich durch Diversifizierung der Pflanzenkulturen die Produktivität erhöhen lasse, sei mittlerweile gut erforscht. Molekulare Züchtungsmethoden sollten sinnvoll in nachhaltige Anbausysteme eingebunden werden. Statt auf mineralischen Dünger müsse man in der Landwirtschaft stärker auf biologischen Pflanzenschutz setzen. Mit Robotik und KI ließen sich auch kleinste Flächen sinnvoll bewirtschaften. Bis zu zehn Milliarden Menschen zu ernähren werde eine Herausforderung. Es werde nur gelingen, wenn man traditionelles und modernes Wissen kombiniere. Der Monopolisierung auf dem Saatgutmarkt sei durch die Förderung kleiner Züchter entgegenzuwirken, die Diskussion um moderne Züchtungen zu entemotionalisieren.

Für die zukünftige Ernährungssicherheit haben Saatgutbanken eine grundlegende Bedeutung, darin waren sich die Experten im zweiten Teil Anhörung einig und identifizierten Saatgut und die Erhaltung einer möglichst breiten biologischen Vielfalt als Schlüsselstelle am Beginn der Nahrungs- und der landwirtschaftlichen Wertschöpfungskette. Es gehe darum, in der Praxis der industrialisierten Landwirtschaft der Monokulturen verlorengegangene Sorten wieder repatriieren zu können und der Forschung Zugang zu einem Genpool zu verschaffen, mit dem lokal angepasste, schädlings- und klimaresistente sowie ertragreichere Neuzüchtungen möglich werden.

Weltweit gebe es 1.700 größtenteils staatlich finanzierte Saatgutbanken. Ein globales Vertragswerk regele, dass diese, von Unternehmen über Forschungseinrichtungen bis zu den Kleinbauern allen Interessierten Zugang gewähren, erläuterte Stefan Schmitz, Exekutiv Direktor des Global Crop Trust. Ziel sei ein weltweit einheitliches digitales Informationssystem, gleich einer globalen Bibliothek, für Saatgut, das seine Organisation gerade beginne aufzubauen. Man verstehe sich aber keinesfalls als Museum oder Arche, sondern die Saatgutbanken wollten den Sprung zur Nutzung bewährter und neuer Sorten auf dem Feld ermöglichen.

Die Bewahrung einer möglichst großen genetischen Vielfalt in Saatgutbanken sei eine Lebensversicherung für die Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung - zumal angesichts des Klimawandels - und eine riesige Chance für die kleinbäuerliche Wirtschaft und eine gesündere Ernährung. So würden zum Beispiel steigende Temperaturen die bisher lediglich zwei kommerziell genutzten Kaffeesorten Arabica und Robusta künftig verdrängen und es sei gut, dass man nun auf über 120 weitere Sorten zurückgreifen könne. Man habe eine Reserve und man werde sie benötigen, so die Einschätzung des Sachverständigen.

Mit im Vergleich zu den bislang fließenden Agrarsubventionen relativ geringen finanziellen Mitteln ließen sich globale Schätze verfügbar machen, betonte Schmitz das Potenzial der Saatgutbanken und warb für deren größere Unterstützung. Man brauche dringend eine Erhöhung des Stiftungsvermögens auch des Coop Trust. Es gebe einen riesigen Nachholbedarf. An vielen Standorten müssten erst einmal Dächer gedeckt und die Kühlung funktionsfähig gemacht werden, bevor man mit der Dokumentation beginnen könne.

Martin Qaim unterstrich, bei der Ernährung einer immer größer werdenden Zahl von Menschen und bei der Bekämpfung des Hungers habe die Pflanzenzüchtung bereits in der Vergangenheit eine große Rolle gespielt. Diese werde in Zukunft noch wichtiger. Um neue, bessere Sorten zu züchten, brauche es eine möglichst große Vielfalt genetischen Materials - konserviert, dokumentiert und zugänglich in Saatgutbanken. Die molekularen Techniken der „Genom-Editierung“ böten ergänzend zur traditionellen Züchtung zusätzliche zeitsparende Möglichkeiten, was angesichts des fortschreitenden Klimawandels sehr willkommen sei. Ob Reis oder Weizen: Es gibt jeweils mehr als 100.000 Sorten, illustrierte Quaim die Dimension. Um die Aufgabe einer für alle zugänglichen universellen Datenbank zu erfüllen, gelte es, den Global Crop Trust ausreichend finanziell zu unterfüttern und auch für die Privatwirtschaft Anreize zu schaffen sich zu engagieren. Vor allem gelte es, ein praxistaugliches, transparentes Regelwerk zu schaffen, um Unsicherheiten bei der Nutzung von Saatgutbanken zu beseitigen. (hib/LL) 

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