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Bio 3.0: Hightech und Low-Budget
Bio ist zwar in aller Munde, aber dennoch nach wie vor in einer Nische. Das soll sich ändern, Bio soll wachsen und zum Mainstream werden. Dieses Ziel von Bio 3.0 fordert die ganze Biobranche heraus – allen voran die Züchtung.
In Europa wächst die Zahl der Biohöfe nur wenig, gleichzeitig bekommt Bio immer mehr Konkurrenz: Es ist längst nicht mehr das einzige Label, das sich naturschonendes Wirtschaften, die Förderung der Biodiversität oder Ressourceneffizienz auf die Fahnen geschrieben hat. Dazu kommt, dass der Biolandbau im Bereich der Ernährungssicherheit wenig zu bieten hat.
Die Internationale Vereinigung biologischer Landbauorganisationen (IFOAM, Organic International) stellte an der Fachmesse „Biofach” vor zwei Jahren selbstkritisch fest, dass der Biolandbau zwar große Erfolge feiert, aber trotz allem nicht aus der Nische herauskommt. Für die IFOAM war klar, das Nischendasein muss ein Ende finden. Sie beschloss zu wachsen. Und zwar nicht einfach mit mehr Umsatz oder Mengen, sondern vermehrt mit Innovationen, aber auch Allianzen mit anderen, ähnlich ausgerichteten sozialen und wirtschaftlichen Initiativen. Bio 3.0 lautet das Schlagwort dazu.
Branche denkt über Zukunft nach
Um Bio 3.0 zu konkretisieren, traf sich die Schweizer Biobranche am 1.Dezember 2016 zu einer Tagung in Bern. Rund 250 Vertreterinnen und Vertreter aus Verarbeitung, Handel, Forschung, Beratung und Produktion nahmen an dem Anlass teil. Sie diskutierten einen Tag lang engagiert darüber, wie die nächste Bio-Generation produzieren, verarbeiten und essen soll. In mehreren Workshops wurden rege Meinungen ausgetauscht. Diese sollen als Input für die Weiterentwicklung der Strategie von Bio Suisse verwendet werden.
Es fehlt an Biozüchtung
Der Begriff Bio 3.0 tönt technisch. Urs Niggli, Direktor des Forschungsinstituts für biologischen Landbau (FiBL), betonte in seinem Einführungsreferat, dass Bio 3.0 nicht auf Maschinen und Automatisierung reduziert werden sollte. Auch soziale und ökologische Innovationen seien gefragt. Warum auch die Züchtung gefordert ist, erklärt Amadeus Zschunke von der Saatzucht Sativa Rheinau: „Der Biolandbau hängt fast vollständig von konventioneller Genetik ab.“ Das ist schon allein deshalb heikel, weil in der konventionellen Züchtung rund zwei Dutzend neue Pflanzenzüchtungsverfahren vor dem Durchbruch stehen (siehe Kasten) und noch offen ist, wie der Biolandbau damit umgeht. Zschunke macht sich weder für noch gegen eine Methode stark. „Aber es wäre wichtig, wenigstens das Verhältnis zu den neuen biotechnologischen Methoden zu klären.“ Seiner Meinung nach werden die neuen Verfahren überschätzt. „Diese Methoden sind längst nicht so präzise, wie man meint.“ Und eine Tomatenpflanze, die mit einem Resistenzgen versehen wurde, ist noch lange keine gute Tomatensorte. Sie muss sich erst noch im Anbau bewähren, was gar nicht so einfach ist. Beim Biolandbau wirkt sich das Zusammenspiel von Standort, Sorte und Ertrag wesentlich stärker aus als in der konventionellen Landwirtschaft. Zschunke ist überzeugt, dass mit der Kombination von modernen Methoden wie der Markeranalyse und klassischen Methoden wie der Massenauslese durchaus konkurrenzfähige Sorten gezüchtet werden könnten. „Wir haben das Potential an klassischen Methoden noch lange nicht ausgeschöpft.“ Die Sortenvielfalt beim Gemüse oder Ackerfrüchten sei ebenfalls gegeben, da sehr viele Sorten zugelassen sind. Das Problem ist jedoch, dass im Endeffekt nur ein paar wenige Hauptsorten angebaut werden. „Es gibt zum Beispiel gute, süße Rüeblisorten. Die setzen sich aber nicht durch, weil der Ertrag nicht stimmt.“ Es braucht eben nicht nur einen guten Geschmack, sondern auch einen hohen Ertrag und den sollte man zudem mit möglichst wenig Aufwand für Dünger und Pflanzenschutz erreichen können.
Leistungspotential ausschöpfen
Auch in der Tierzucht sind neue Züchtungstechniken wie „Genome Editing” im Anmarsch. Schon heute sind die Unterschiede in der Leistung enorm. Wenn ein Hochleistungshuhn beinahe 350 Eier im Jahr legt und erst noch weniger frisst als ein Zweinutzungshuhn, das im Jahr 250 Eier legt, mag letzteres zwar ethisch korrekt sein – aber nicht ressourceneffizient. Der Einfluss der Nischenbranche Bio auf die Geflügelzüchter ist minim. „Beim Geflügel gibt es weltweit praktisch nur noch drei Zuchtfirmen,“ sagt Anet Spengler vom FiBL, „bei den Schweinen sieht es etwas besser aus. Da haben wir in der Schweiz wenigstens noch ein paar Züchter.“ Die Rinderzucht ist zwar noch stark in bäuerlicher Hand. Doch auch beim Rindvieh wird die genetische Basis enger: „Durch die genomische Selektion braucht es weniger Zuchtbetriebe für die Nachzuchtprüfung und dank Spermasexing werden von manchen Stieren überhaupt keine männlichen Samen mehr angeboten.“ Das Problem der Biobauern ist, dass sie das Leistungspotential der Nutztiere mit dem vor Ort vorhandenen Futter oft gar nicht ausschöpfen können. Spengler: „Wir bräuchten mehr Low-Input Züchtungen, damit die Tiere auch ohne Kraftfutter gute Leistungen bringen.“ Nicht Höchstleistung ist das Ziel, sondern das Verhältnis zwischen Input und Output muss stimmen.
Hightech oder zurück zur Natur?
Der Biolandbau hat gegenüber der konventionellen Landwirtschaft ökologische Vorteile. Aber auch er muss produktiver werden, findet Niggli. Er plädiert für die intelligente Nutzung von smarter Agrartechnik in zentrumsfernen, ländlichen Regionen. In Stadtnähe hält er das Prinzip der solidarischen Landwirtschaft für ideal, bei der die Konsumenten ein Stück weit zu Produzenten werden und beim Anbau des Gemüses selbst Hand anlegen. In den Städten könnten auch technische Lösungen zum Einsatz kommen. Zum Beispiel Anlagen mit geschlossenen Kreisläufen wie Aquaponic, bei denen das nährstoffreiche Wasser der Fischzucht zum Düngen des Gemüses verwendet wird und von dort gereinigt wieder zurück in die Fischzucht fließt.
Nicht alle aus der Biobranche sind von Bio 3.0 begeistert. Es gibt auch Skeptiker, die befürchten, dass der Biolandbau seine Wurzeln verliert. Der Einsatz modernster Techniken polarisiert. Je mehr Technik eingesetzt wird, desto mehr Kapital wird benötigt. Gleichzeitig braucht es weniger Menschen und vor allem weniger Handarbeit. Das bedeutet noch weniger Arbeitsplätze für Leute, die nicht technikaffin sind. Befürchtet wird, dass auf diesem Weg soziale Probleme geschaffen oder verstärkt werden und dass das Gefälle zwischen den Industrienationen und Ländern des Südens zunimmt. Bei den Neuen Pflanzenzüchtungsverfahren wird die Nähe zur Gentechnik als Bedrohung empfunden.
Noch findet Bio 3.0 vor allem auf dem Papier statt. Doch schon jetzt deutet vieles darauf hin, dass der Biolandbau künftig gesplittet wird. Biobetriebe, die lediglich einige Minimalanforderungen erfüllen, dürften in Zukunft den Massenmarkt mit Biolebensmitteln zu erschwinglichen Preisen versorgen, während Biobetriebe mit zusätzlichen Leistungen im Bereich Ethik, Soziales oder Biodiversität eine Nische im Hochpreissegment bedienen. Das muss kein Widerspruch zum ursprünglichen Biogedanken sein: Die Biopioniere wollten die Welt mit Bio besser machen – und die Welt ist mehr als eine Nische. (lid)

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