- Startseite
- Schweiz: Entscheidung zur Umweltetikette...
Schweiz: Entscheidung zur Umweltetikette frühestens 2017
Nebst Angaben zu Kalorien und Inhaltsstoffen könnten Lebensmittel-Verpackungen dereinst auch die Ökobilanz der Produkte aufweisen. Eine Umweltetikette werde nur im Einklang mit der EU eingeführt, zudem sei ein Entscheid erst ab 2017 zu erwarten, erklärt Anders Gautschi vom BAFU im Interview.
LID: Das revidierte Umweltschutzgesetz ermöglicht es, Produkte mit Umweltinformationen zu versehen. Was versprechen Sie sich von einer Umweltetikette?
Anders Gautschi: Produktumweltinformationen verbessern die ökologische Markttransparenz und erlauben es Konsumentinnen und Konsumenten, ressourcenschonende Produkte zu erkennen. Dadurch können die Konsumierenden informierte Entscheide beim Einkauf tätigen. Die Erfahrung in Frankreich hat zudem gezeigt, dass die Produktumweltinformation bei den Herstellern dazu beiträgt, die Kenntnisse der Lieferketten zu verbessern, was zu einer Optimierung des Produktangebots führt.
Um welche Produktegruppen handelt es sich, die ökologisch bewertet werden sollen?
Im Vordergrund stehen Produkte mit erheblichen Umweltwirkungen. Welche Produkte schliesslich gewählt werden, hängt von den Resultaten der Pilotphase der EU ab. Diese führt zur Zeit 13 Pilotprojekte durch, in welchen Regeln zur ökologischen Bewertung von Produkten und zur Kommunikation der Ergebnisse erarbeitet werden sollen. Die Schweiz beteiligt sich ebenfalls an dieser Pilotphase. Erst wenn sie abgeschlossen ist, was ab ca. 2017 der Fall sein wird, wird entschieden, ob überhaupt, in welcher Form und für welche Produkte Regelungen für die ökologische Bewertung festgelegt werden sollen.
Können Sie ganz kurz skizzieren, auf welchen methodischen Grundlagen und Daten die Umweltbewertung von Produkten basieren soll?
Als am besten geeignete Methodik zur Bewertung der Umweltwirkung von Produkten wird die international standardisierte Methode der Ökobilanzierung empfohlen. Ein zentraler Schritt bei der Ökobilanzierung ist die Zusammenstellung der Stoff- und Energieflüsse und die Bewertung der Umweltbelastung anhand von Wirkungskategorien, sogenannte Midpoints wie Treibhausgase, Wasserverbrauch oder Humantoxizität. Die Pilotprojekte der EU haben zum Zweck, die ökologische Bewertung zu vereinfachen, damit sie kostengünstig möglich ist.
Wie könnte eine solche Umweltetikette konkret aussehen, das heisst auf Grund welcher Angaben soll für die Konsumentinnen und Konsumenten ersichtlich sein, wie stark ein Produkt die Umwelt belastet, damit sie entsprechend ihre Kaufentscheide fällen können?
Mögliche Form und Inhalt einer Umweltetikette sollen während der erwähnten EU-Pilotphase erarbeitet werden. Wichtig ist eine relevante, einfache und verständliche Umweltinformation. Dies könnte beispielsweise über drei bis vier aussagekräftige Indikatoren wie etwa Treibhausgase oder Wasserverschmutzung geschehen, allenfalls kombiniert mit einem aggregierten Wert, zum Beispiel Klasse A bis E.
Die Schweizer Landwirtschaft hebt sich gegenüber der Landwirtschaft in der EU durch strengere Tierschutzauflagen ab. Kann das Tierwohl auch in einer solchen Produkt-Umweltinformation einbezogen werden?
Die Konsumierenden werden durch bereits bestehende, spezifische Labels über das Einhalten bestimmter Produktionsvorgaben informiert. Bei den Produktumweltinformationen stehen die Umweltauswirkungen im Vordergrund.
Könnte es sein, dass Produkte aus der Schweizer Landwirtschaft punkto Energieverbrauch teilweise schlechter abschneiden als dieselben importierten Produkte, die per Bahn oder mit dem Schiff in die Schweiz gelangen?
In der Regel kaum. Allerdings ist es bei besonders umweltbelastenden Produktionsweisen möglich. Die inländische Produktion ist nicht immer die vorteilhafteste für die Umwelt. Man kann aber davon ausgehen, dass saisonale Produkte, die aus der Region stammen, grundsätzlich die richtige Wahl sind. Wenn innovative Schweizer Produzenten schon heute auf Treibhäuser setzen, die mit erneuerbarer Energie beheizt werden, kommt dies auch in einer besseren Ökobilanz zum Ausdruck.
Ist es also denkbar, dass eine solche Umweltetikette grosse Auswirkungen auf das Sortiment der Produkte, die in der Schweiz angebaut werden, haben könnte? Ganz einfach weil die Konsumentinnen und Konsumenten die Produkte kaufen werden, die ökobilanzmässig besser abschneiden, auch wenn es Importprodukte sind?
Die Umweltetikette wird sehr wohl positive Auswirkungen auf die Schweizer Produktion haben und beispielsweise auch dazu führen, dass sich die informierten Konsumierenden im Winter für ein Wurzelgemüse aus der Schweiz entscheiden anstelle von Tomaten oder Gurken aus einem beheizten Gewächshaus in Südeuropa.
Die EU startet derzeit einen dreijährigen Pilotversuch, aus dem eine Umweltetikette resultieren könnte. Würde in diesem Fall die Schweiz dann eine solche Etikette übernehmen oder ist es möglich, dass die Schweiz eine eigene Umweltetikette kreiert, die zum Beispiel auch das Tierwohl berücksichtigt?
Ein Alleingang der Schweiz bei der Produktumweltinformation macht keinen Sinn. Tierwohl wird weiterhin über die bekannten Labels kommuniziert werden können.
Ist es denkbar, dass die Schweiz auf das Einführen einer Umweltetikette verzichtet, auch wenn die EU nach einer positiven Beurteilung dieses dreijährigen Pilotversuchs eine solche Produktekennzeichnung definitiv einführen wird?
Falls die Pilotprojekte erfolgreich sind und die EU eine verbindliche Produktkennzeichnung einführt, macht es aus ökologischen, aber auch aus handelspolitischen Überlegungen Sinn, dass die Schweiz auch solche Regelungen einführt. Die Schweiz ist ökonomisch eng mit Europa verflochten.

Kommentare (0)
Bisher sind keine Kommentare zu diesem Artikel erstellt worden.