Stevia-Süße: Innovationen und Lösungen gefragt

Die Lebensmittelwirtschaft beschäftigt sich intensiv mit der Süßkraft der südamerikanischen Stevia-Pflanze. Den Stand der Forschung und neue Produkt- und Vermarktungsideen präsentierte eine gutbesuchte Tagung der Marketinggesellschaft der niedersächsischen Land- und Ernährungswirtschaft e. V. in Hannover.

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Die Lebensmittelwirtschaft beschäftigt sich intensiv mit der Süßkraft der südamerikanischen Stevia-Pflanze. Den Stand der Forschung und neue Produkt- und Vermarktungsideen präsentierte eine gutbesuchte Tagung der Marketinggesellschaft der niedersächsischen Land- und Ernährungswirtschaft e. V. in Hannover.

Die Steviapflanze, genauer gesagt ihre Inhaltsstoffe, die Steviolglycoside, werden nach der offiziellen Zulassung als Nahrungsmittelzusatzstoff durch die europäischen Kontrollbehörden im Jahr 2011 für die Lebensmittelwirtschaft interessant. Steviolglycoside haben eine dreihundertfach höhere Süßkraft als Kristallzucker - und das ganz ohne Kalorien und ohne die Karies fördernde Wirkung des Zuckers. Ist damit das Ende von zuckersüßen Bonbons, Softgetränken, Milchprodukten und unzähligen anderen gezuckerten Lebensmitteln eingeläutet? Können Süßigkeiten endlich ohne Reue genossen werden?

Ganz so einfach ist es dann doch nicht. Zu diesem Ergebnis kamen zahlreiche Experten und Firmenvertreter auf dem ersten „Stevia-Kongress“, den die Marketinggesellschaft der niedersächsischen Land- und Ernährungswirtschaft am Montag in Hannover veranstaltete. Rund 60 Teilnehmer aus Unternehmen und Forschungseinrichtungen diskutierten die Verwendungsmöglichkeiten des Süßstoffs und die Vermarktungschancen der damit gesüßten Produkte. „Noch haben Sie die Möglichkeit, mit echten Innovationen und intelligenten Lösungen auf dem Markt zu punkten“, begrüßte Dr. Christian Schmidt, Geschäftsführer der Marketinggesellschaft, die Tagungsteilnehmer, die aus ganz Deutschland angereist waren.

Die Erwartungen an ein neues, natürliches Süßungsmittel wie Stevia seien hoch, doch es gebe noch viele Unklarheiten, sowohl bei Produktentwicklern als auch bei Konsumenten, sagte Prof. Dr. Guido Ritter vom Institut für Nachhaltige Ernährung und Ernährungswirtschaft an der Fachhochschule Münster gleich zu Beginn der Veranstaltung in seinem Überblicksvortrag. So seien beispielsweise die zugelassenen Höchstmengen in den Lebensmittelkategorien so begrenzt, dass die Stevia-Süße allein nicht ausreiche, um Zucker in den Rezepturen vollständig zu ersetzen. Steviolglycoside werden zudem mit sehr hohem technischem Aufwand extrahiert und gereinigt, so dass die Verbrauchererwartung der Natürlichkeit „so nicht direkt befriedigt werden“ könne. Je nach Reinheit und Qualität der Extraktionsstoffe schmecke die Stevia-Süße auch mal mehr und mal weniger nach Lakritz oder habe bittere Geschmacksanteile, so der Wissenschaftler.

Dr. Christian Berentzen, Gründer und Hauptgeschäftsführer des Start-up-Unternehmens LIMUH GmbH in Haselünne, ist überzeugt von dem neuen Süßstoff. Er stellte auf der Tagung sein Produkt, ein mit Stevia gesüßtes alkoholfreies Getränk aus Molke und Fruchtsaft, vor. Der Unternehmer sieht enorme Chancen für Stevia, vor allem auf dem Markt für Getränke. „Stevia wird der Zucker des 21. Jahrhunderts“, prognostiziert Berentzen. Mit dem Gesundheitsargument bietet Sylvia Simmons aus Friedberg in Bayern ihre Schokoladenprodukte der Marke „Stevisana“ an. Die Unternehmerin auf der Tagung: „Immer mehr Menschen haben Essstörungen oder Allergien, wollen aber nicht auf Genuss verzichten“. Hier sieht sie eine wachsende Zielgruppe für ihre Produkte. Klar ist für sie allerdings auch: „Wir zielen nicht auf den Massenmarkt“.

Was die Konsumenten tatsächlich über Stevia wissen und denken, hat Frank Gehre, Geschäftsführer des hannoverschen Marktforschungsinstitutes INVISO, in einer aktuellen Konsumentenbefragung untersucht. Sein Resümee: Das Interesse der Verbraucher ist hoch, trotzdem bleibe „ein Hauch von Unsicherheit“. Es gebe eine umfangreiche und zunehmend positive Berichterstattung in den Medien, sagte Gehre. Genau die Hälfte der Befragten in seiner Untersuchung kannten Stevia, meist konnte das Produkt auch den Süßungsmitteln zugeordnet werden. Schlüsselvorteile bieten in den Augen der Verbraucher die Eignung für Diabetiker und die rein pflanzliche Basis. Dagegen erzielten die Kalorienfreiheit und die positive Wirkung auf die Zahngesundheit aktuell Glaubwürdigkeitswerte, die „noch steigerungsfähig“ seien. Insgesamt, so Gehre, sei das Interesse der Verbraucher hoch, dreiviertel der Befragten würden ein Produkt mit Stevia kaufen und – spannend für die anwesenden Unternehmer – sie würden auch mehr Geld dafür auf den Tresen legen als für ein konventionell gesüßtes Produkt. Allerdings: Allein die Stevia-Süße genüge als Produktversprechen nicht, stellte Gehre klar. Nur wenn der Nutzen für den Verbraucher in den Mittelpunkt gestellt werde, könne sich der Markterfolg einstellen.

Und wie geht ein Unternehmen wie die Nordzucker AG mit dem Thema um? Kurt Rosenplenter, Manager für Anwendungsentwicklung, Innovation und Technologie der Nordzucker AG, hat sich intensiv mit den lebensmitteltechnologischen Eigenschaften der Steviolglycoside auseinandergesetzt und stellte in seinem Vortrag gemeinsam mit seinem Kollegen Michael Klein zahlreiche Rezepturen für die unterschiedlichsten Produktgruppen von Gummibärchen bis Ketchup vor, in denen sowohl Stevia als auch Kristallzucker verwendet werden.

Die Nordzucker AG ist auch längst mit einem eigenen Endverbraucherprodukt am Markt, wie Rosenplenters Kollege Oliver Ditsch erläuterte. Verkaufsargument: SweetFamily SteviaZucker kombiniert kalorienfreie Stevia-Süße mit hochwertigem Weißzucker, das sei „voller Genuss mit weniger Kalorien“. (Marketinggesellschaft)

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