Schweiz: Die Teilzeit-Gemüsebauern

Wer nicht einfach Gemüse im Supermarkt kaufen will, ist auf dem Birsmattehof richtig: Als Genossenschafter kann man nicht nur bestimmen, was angebaut wird, sondern gleich selbst mit anpacken. Ein Besuch auf dem Betrieb, wo Kunden gleichzeitig auch Produzenten sind - zumindest teilzeit.

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Wer nicht einfach Gemüse im Supermarkt kaufen will, ist auf dem Birsmattehof richtig: Als Genossenschafter kann man nicht nur bestimmen, was angebaut wird, sondern gleich selbst mit anpacken. Ein Besuch auf dem Betrieb, wo Kunden gleichzeitig auch Produzenten sind – zumindest teilzeit. 

Dienstagmorgen, Mitte Juli: Der Birsmattehof in Therwil BL scheint auf den ersten Blick verwaist zu sein. Keine Menschenseele weit und breit. Ein Traktor zieht auf einem Feld seine Runden, die Kühe geniessen den Auslauf auf der Weide und im Hintergrund hört man Hühner gackern. Auf dem Platz vor dem grossen Ökonomiegebäude stehen zig Velos, Karetten, Geräte und unzählige leere Kisten, gestapelt zu meterhohen Türmen. Drinnen herrscht rege Betriebsamkeit. 

Ruedi Altermatt steht vor einer Waage, greift in die links neben ihm stehende grüne Kiste, packt mit beiden Händen ein paar Kartoffeln, wägt diese und legt sie zur rechten Seite in einen Korb. Dieser wandert auf einem Förderband weiter zu Simona Altermatt. Diese greift sich ein paar Zucchetti, legt sie zuerst auf die Waage und danach zu den Kartoffeln im Korb. Nächste Station ist bei Marlies Portmann: Krautstiele wägen und ab in den Korb. Es folgen Rüebli, Gurken, Bohnen, Tomaten, Basilikum und zuletzt ein Eichblatt-Salat. Fertig ist der Gemüsekorb. 

Genossenschafter müssen selber Hand anlegen
So geht es den ganzen Morgen weiter: Korb um Korb wird mit frisch geerntetem Bio-Gemüse gefüllt, 616 Körbe insgesamt. Das Besondere daran: Marlies Portmann, Ruedi und Simona Altermatt packen zwar einen Morgen lang fleissig mit an, erhalten aber keinen Lohn dafür. Sie tun dies aus Idealismus. Denn die drei sind Mitglied der Genossenschaft Agrico, die den Birsmattehof betreibt. Zu Beginn der 1980er Jahren gegründet, ist die Genossenschaft ein Zusammenschluss von Produzenten und Konsumenten, deren Ziel es ist, durch "selbstgestaltete Produktion und Verteilung ihre Mitglieder und Kunden mit landwirtschaftlichen Produkten zu versorgen". So steht es in den Statuten. Konkret: Für 500 Franken kann man Genossenschafter des Birsmattehofs werden. Im Gegenzug erhalten Mitglieder das Gemüse zu einem Vorzugspreis. Genossenschafter dürfen an der jährlichen Mitgliederversammlung über Budget und Erfolgsrechnung befinden, die Geschäftsleitung wählen und bestimmen, welche Gemüsesorten angebaut werden. Als Genossenschafter ist man aber verpflichtet, pro Jahr zwischen sechs bis zwölf Stunden auf dem Betrieb mitzuarbeiten. "Wir führen fünf Mal pro Jahr einen Arbeitstag durch", erklärt Eva von Allmen vom Birsmattehof-Team. Das Spektrum reicht vom Abfüllen der Gemüsekörbe über Jäten bis hin zu Erntearbeiten. Besonders beliebt seien Einsätze im Herbst, wenn jeweils Sauerkraut hergestellt werde. Dann kämen jeweils ganze Familien auf den unweit von Basel gelegenen Bio-Betrieb. 

Das "Birsmattehof-Modell" findet Anklang. Waren es 1981, im ersten Betriebsjahr, gerade mal 150 Genossenschafter, sind es heute deren 450. Von Allmen erklärt den Erfolg so: "Die Leute wollen wissen, woher das Gemüse kommt und wie es produziert wird." Die Genossenschafter, die allesamt aus Basel-Stadt oder der Agglomeration stammen, schätzten den Kontakt zur Natur und die Möglichkeit, mit den Händen zu arbeiten. 

Vom Bio-Boom profitiert
Dass es sich beim Birsmattehof um eine Genossenschaft handelt, ist genauso besonders für einen Landwirtschaftsbetrieb wie der gewählte Verkaufskanal: Das Gemüse wird – nebst einigen Marktständen in der Region – grösstenteils im Abonnement abgesetzt (siehe Kasten). Bis 1998 war dies lediglich Genossenschaftern vorbehalten, seither darf jedermann Gemüse abonnieren. Nicht-Genossenschafter müssen zwar etwas tiefer ins Portemonnaie greifen, dafür brauchen sie nicht auf dem etrieb mitzuhelfen. Für den Birsmattehof hat sich die Öffnung gelohnt: Waren es im Jahr 2001 lediglich 420 Abonnemente, sind es heute 1'600. Das bedeutet, wöchentlich 1.600 Körbe mit Gemüse zu füllen und auszuliefern an die rund 44 Depots in und um Basel, von wo sie die Abonnenten abholen können. 

Man habe vom Bio-Boom der letzten Jahre profitieren können, erklärt von Allmen, die vor 20 Jahren der Genossenschaft beitrat. Bis zu diesem Zeitpunkt habe sie, die eine Banklehre absolvierte und in der Stadt aufwuchs, keine Berührungspunkte mit der Landwirtschaft gehabt. Heute kümmert sich von Allmen um die administrativen Angelegenheiten des Birsmattehofs. 

Parallel zur Zunahme der Gemüse-Abos wurde der heute 17 Hektar umfassende Birsmattehof stetig um- und ausgebaut: Die Milchkühe hat man 1988 durch Mutterkühe ersetzt, Gewächshäuser wurden errichtet, 2010 folgte die Einweihung eines Kühlgebäudes. Als nächstes wolle man, so von Allmen, einen neuen Stall für die Mutterkühe bauen. Der Betrieb des Birsmattehofs ist ohne festangestellte Mitarbeiter aber nicht denkbar. Derzeit sind 30 Personen für die Genossenschaft tätig. Diese teilen sich 19 Vollzeitstellen. 

Gemüsekorb bestimmt Menüplan
Inzwischen ist es zehn Uhr, für das Abpack-Team Zeit für eine Pause. Und Zeit für ein kurzes Gespräch. Marlies Portmann, eine grüne Schürze tragend, legt die Krautstiele beiseite und erzählt. Seit 28 Jahren sei sie Genossenschafterin. Jeweils einmal im Monat helfe sie einen Morgen lang Gemüse abpacken. Sie liebe die Arbeit auf dem Land, den Anblick des frisch geernteten Gemüses. Das Gemüse vom Birsmattehof schmecke viel besser als dasjenige aus dem Supermarkt, schwärmt Portmann. Wer ein Abo abschliesse, müsse schon wissen, wie sich die einzelnen Gemüse in der Küche verwenden liessen. Denn die gelieferte Palette sei gross. Die Zubereitung erfordere Zeit und Fantasie. Vor allem müsse man Gemüse lieben. Sie selber habe alles gern, ausser Patisson. Wenn sie jeweils am Montag den Korb vom Birsmattehof erhalte, erzählt Portmann, stimme sie den Menüplan darauf ab. 

Nach 20 Minuten heisst es für die Genossenschafter wieder Abpacken: Bis um 12 Uhr müssen alle 616 Körbe gefüllt sein. Denn am Nachmittag müssen sie abholbereit in den jeweiligen Depots stehen.

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