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Gentechnik: Emotionen wichtiger als Wissen
Gentechnisch veränderten Pflanzen eilt der Ruf voraus, unnatürlich zu sein. Nicht unnatürlicher als herkömmliche Züchtungen, entgegnet die Wissenschaft.
Wer Teosinte sieht, denkt nicht an Mais. Doch das unscheinbare Wildgras ist der wilde Vorfahre von Mais. Dieser fand erst durch jahrhundertelange Züchtung seine heutige Form. Gegen diese Entwicklung hatte sich nie jemand gewehrt. Das aber transgener Mais, herbizid- oder schädlingsresistent, angepflanzt werden soll, ist in Europa, anders als in Süd- und Nordamerika, heftig umstritten.
Dirk Dobbelaere, Präsident der Leitungsgruppe des Nationalen Forschungsprogrammes 59 (NFP 59), das Risiken und Nutzen der Freisetzung gentechnisch veränderter Pflanzen (GVO) im Auftrag des Bundes untersuchte, sieht für diese unterschiedliche Haltung keine rationalen Gründe. "Es gibt keine wissenschaftliche Begründung dafür, dass GVO anders bewertet werden als normale Pflanzenzüchtungen", ist für den Professor an der Uni Bern klar. Im Gegenteil könnten durch Gentechnik Züchtungen präziser und deutlich schneller erfolgen als bis ahnhin. Auch dass Züchtungen mittels ionisierenden Strahlungen natürlicher sein sollen als Gentech, kann er nicht nachvollziehen. "Doch Wissen ist weniger wichtig als Emotionen", so Dobbelaere etwas resigniert an einer Tagung der Akademien der Wissenschaften vergangene Woche in Bern.
Wissenschaftler sehen sich übergangen
Der Grund für die Resignation: Das NFP 59 war auch dazu gedacht, die politische Diskussion um ein Gentech-Moratorium wissenschaftlich zu untermauern. Doch die Resultate, die besagen, dass GVO keine Gefahr für Umwelt und Mensch darstellen, wurden nach Ansicht von Wissenschaftlern von der Politik ignoriert oder nur mangelhaft in die Entscheidungsfindung mit einbezogen. Das Moratorium wurde im letzten Dezember denn auch vom Parlament bis Ende 2017 verlängert.
Wirtschaftlich sinnlos
Allerdings zeigt das NFP 59 auch, dass derzeit die Schweizer Bauern von GVO wirtschaftlich nicht profitieren könnten. Das könnte sich laut Franz Bigler, Leiter der Gruppe Biosicherheit bei der Forschungsanstalt Agroscope Reckenholz-Tänikon, in Zukunft ändern. Potenzial sieht er etwa bei gentechnisch veränderten Äpfeln, die resistent gegen Schorf oder Feuerbrand sind oder bei Kartoffeln, denen die Kraut- und Knollenfäule nichts anhaben kann. In die wirtschaftliche Berechnung einfliessen müssen aber auch die Koexistenzkosten. Diese befinden sich in der Schweiz mit kleinflächig parzellierten Betrieben im hohen Bereich. Im Gegensatz etwa zu Argentinien, wo GVO heute in riesigen Monokulturen angepflanzt wird – mit verheerenden Folgen für die Umwelt.
In der Schweiz läuft derzeit die Vernehmlassung zur Koexistenzverordnung. Gemäss dieser müssten Isolationsabstände definiert werden, um unerwünschte Auskreuzungen der GVO zu verhindern. Wo sich eine Koexistenz schwierig gestaltet, sollen zudem GVO-freie Gebiete geschaffen werden können. Die Schweizerische Arbeitsgruppe Gentechnologie (SAG) hat die Verordnung bereits als nicht praktizierbar bezeichnet. In der kleinräumigen Schweiz sei eine Koexistenz nicht umsetzbar. Anders sieht dies Eva Reinhard, Vizedirektorin des Bundesamtes für Landwirtschaft (BLW). "Wir sind überzeugt, dass in der Schweiz ein Nebeneinander möglich ist", so Reinhard an der Tagung. Allerdings müsse man akzeptieren, dass es eine Toleranzgrenze gebe. 100% seien nicht möglich.
Skeptische Konsumenten
Falls GVO zum kommerziellen Anbau ab 2018 erlaubt sein sollten, ist dennoch nicht damit zu rechnen, dass sie die Schweiz überrollen werden. Neben der bisher mangelnden Wirtschaftlichkeit für Schweizer Bauern ist auch die Akzeptanz bei den Konsumenten zu gering. Die meisten Personen wünschen laut NFP 59 zwar Wahlfreiheit, jedoch wäre nur eine Minderheit dazu bereit, die gentechnisch veränderten Produkte zu kaufen. Für die Schweizer Bauern ist es also ein Marktvorteil, gentechfreie Produkte zu verkaufen und sich damit gegenüber der ausländischen Konkurrenz abgrenzen zu können. Der Schweizerische Bauernverband und Coop möchten denn auch die gesetzliche Möglichkeit erlangen, tierische Produkte, die ohne GVO-Futter erzeugt wurden, ausloben zu können.
In Deutschland und Österreich ist das schon Realität: Das Label "Ohne Gentechnik" ist dort erfolgreich im Einsatz – bei steigender Nachfrage.

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